6.3. Beschreibung eines typischen Hauses im Ratzenstadl

 

Magdalenagrund KNR 22, ab 1863 Magdalenenstraße Nr. 82 (ab 1912 Nr. 14) / Identadresse Kaunitzgasse 27 ist eine der 4 Adressen, die auffallend oft als Wohnadressen in den Heiratsbüchern von Mariahilf in den Jahren 1850 bis 1870 genannt wurden. (Vgl. Kapitel 3 / Vier besondere Wohnadressen in der Pfarre Mariahilf)

Genau dort in der Magdalenenstraße, wo früher Magdalenagrund 22 war, befindet sich heute das Ratzenstadl-Denkmal – es steht also im Zentrum des früheren Ratzenstadls.

 

Dieses Haus, das von der Magdalenenstraße bis zur Kaunitzgasse hinaufreichte, bestand (wie die meisten anderen Häuser) aus mehreren Gebäuden, die hintereinander aufgereiht waren.

 

 6.3.1. Beschreibung von der Magdalenenstr. Nr.82 aus (ab 1912 Nr.14):

 

 

Leider ist die Fassade in der Magdalenenstraße auf den meisten Fotos nicht gut zu sehen, aber in Bienerts Modell handelt es sich eindeutig um das grüne Haus, das ich mit einem Kreuz versehen habe.

 

 

Abb. 37. Magdalenenstr. 82 (später 12) / rotes Kreuz mit dazugehörigen Gebäuden (grün) – Anton Bienert, Ratzenstadlmodell im Bezirksmuseum Mariahilf – Foto Autor (2018)

 

Das erste Gebäude hatte 4 Fenster zur Magdalenenstraße, die weiteren drei Bauten waren mit der Schmalseite gegen die Magdalenenstraße ausgerichtet. Beim zweiten Wohntrakt, von dem auf diesem Foto nur das Dach zu sehen ist, erkennt man, dass er auf dem gleichen Niveau steht wie der erste. Die übrigen beiden (grünen) Gebäude sind jeweils um eine Etage höher gesetzt worden.

 

Im Vergleich zum Nachbarhaus in der Magdalenenstraße auf der linken Seite mit einer beachtlichen  Fassade mit 7 Fenstern wirkt Magdalenastr. 82 (14) relativ klein und unscheinbar.

 

Das Haus rechts davon wirkt allerdings wesentlich ärmlicher und scheint in der Magdalenenstraße nur ebenerdig gewesen zu sein.

 

Das Haus Magdalenenstr. Nr. 14, das im Mittelpunkt dieses Kapitels steht, ist auch auf einem Bild des Malers Emmerich Kirall zu sehen:  „Magdalenenstrasse Ratzenstadl – 1915“. Links ist das Haus Nr. 14 abgebildet, rechts Nr. 12, allerdings noch ohne die Stiege, die auf späteren Fotos zu sehen ist. [1]

 

Einen sehr guten Eindruck erhält man durch ein Foto des Fotografen Franz Hula, das um 1950 entstanden ist.

 

 

Abb. 38. Franz Hula, Fotografie „6., Magdalenastr. 12, 14, 16, 18“, ohne Datum (ca. 1950),

Urheberrechte: Wiener Stadt- und Landesarchiv, Fotosammlung Hula, FC: 7017 / 1487

online unter: https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Datei:Magdalenenstrasse.jpg (Zugriff: 24.3.2018)

 

Beschreibung von rechts nach links:

 

Die Stiege mit Geländer rechts im Vordergrund gehört zum Haus Magdalenenstr. 12; hier beginnt also um 1950 die Kroatenstiege. Vom Haus Nr. 12 scheinen nur mehr wenige Teile vorhanden zu sein.

Das Haus neben der Stiege (Straßenfront mit vier Fenstern im ersten Stock) hatte seit 1912 die Orientierungsnummer 14 (früher 82), das Haus mit den 7 Fenstern hatte Nr. 16, und das letzte Haus dieser Einheit, das möglicherweise zu diesem Zeitpunkt schon abgebrochen wurde, hatte Nr. 18.

 

Genau diese 4 Häuser sind auch auf einem kleinen Bild auf der Internetseite http://www.cyranos.ch/sfjeep-d.htm zu sehen: Die Magdalenenstraße war einer der Schauplätze im Film „Die Vier im Jeep“ aus dem Jahr 1951. [2]

 

Diese vier Häuser bildeten, wie auch auf dem Generalstadtplan von 1912 deutlich erkennbar ist, ein Verkehrshindernis, weil sie in die Magdalenenstraße hineinragten. Sie wurden daher nach 1950 abgerissen.

 

 

 

Abb.39. Generalstadtplan 1912 – Die Häuser Magdalenenstraße 12 – 18 als Verkehrshindernisse;

online: www.wien.gv.at  / Stadtplan / Kulturgut / Historische Stadtpläne / Generalstadtplan 1904


 

6.3.2. Die Kroatenstiege –

zwischen den Häusern Magdalenenstr. Nr.  80 und Nr. 82

 

(ab 1912 Magdalenenstr. Nr. 12 und Nr. 14)

 

Das Haus Nr. 12 wird von Alfred May im Wiener Heimatbuch Mariahilf, hg. von Hubert Kaut, Wien 1963,

S. 94, im Abschnitt „Das Stadtbild von Mariahilf“/ „Die Gassen und ihr Erscheinungsbild“ beschrieben:

„Von den im letzten Jahrzehnt abgebrochenen Ratzenstadlhäusern Nr. 12, 14, 18 aus dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war insbesondere Nr. 12 ein unregelmäßiger Bau, der sich dem hügeligen Terrain anpaßte und mit der Kroatenstiege Verbindung zum Haus Kaunitzgasse Nr. 27 hatte.“ [3]

 

 

 

Abb. 40: Titel „Wien 6, Magdalenenstraße 14“ (recte 12) – Aufnahme von erhöhtem Standort über das Dach

des alten Hauses auf der Hofstiege zur Kaunitzgasse. Foto: August Stauda 1902 / ÖNB Bildarchiv/ Stauda / Inv.-nr. St 1227F

online: http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=9965615 (Zugriff: 24.3.2018)

 

Auf dem Foto von August Stauda aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt das Schild die Nr. 80, also jene Nummer, die das Haus 1902 besaß, als Stauda es fotografierte. Der Bildtitel „Magdalenenstraße 14“ wurde erst aus späterer Sicht (nach 1912) geschaffen – richtigerweise müsste es „Magdalenenstraße 12“ heißen.

 

Auf der folgenden Ansichtskarte wird die Kroatenstiege als malerisches Plätzchen dargestellt:

 

 

Abb. 41. Ansichtskarte „Alt-Wien, Magdalenenstraße“

aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf – Foto Autor (2018)

 

 

Der eher idyllische Eindruck trügt – auf einer Nahaufnahme wird deutlich, dass diese Kroatenstiege kein romantisches Plätzchen, sondern ein sanierungsbedürftiger, zum Teil verfallener Aufstieg zur Kaunitzgasse war.

 

 

Abb. 42. Titel „Wien 6, Magdalenenstraße 80“ Stiegenaufgang zur Kaunitzgasse. Nahaufnahme.

Foto: August Stauda 1902 / ÖNB Bildarchiv/ Stauda / Inv.-nr. St 843F

online: http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=2891126  (Zugriff: 24.3.2018)

 

Auch in Bienerts Modell ist jene Stelle gut erkennbar, wo die Kroatenstiege verlaufen ist. Sein Kunstwerk macht jedoch auch deutlich, dass es zwischen manchen Häusern weitere Stiegen hinauf zur Kaunitzgasse gegeben hat.

 

Vor allem dokumentiert dieses Foto aber auch die terrassenförmige Anordnung der verschiedenen Gebäude dieses Hauses, dem das Kapitel gewidmet ist.

 

 

6.3.3. Identnummer Kaunitzgasse 27 (grünes Haus):

 

 

Von dieser Seite aus ist das Haus öfter abgebildet bzw. fotografiert worden. Hier wirkt das Gebäude  fast wie ein Zwillingshaus zu Kaunitzgasse 25 (Haus links davon mit kleinem Vorgarten). Beide Häuser haben nur 2 Fenster, von der Kroatenstiege, die dazwischen zur Magdalenastraße hinunterführt, ist nichts zu erkennen. Die Gebäude erinnern an eine dörfliche Bauweise, wie man sie heute z. B. im Burgenland noch antreffen kann. Dort gibt es auch oft keine straßenseitige Haustüre, sondern der Zugang erfolgt über die Längsseite des Hauses im Hof. Die beiden Gebäude stehen jedoch bezüglich Breite und Höhe in einem großen Gegensatz zum Haus Kaunitzgasse Nr. 29, dem letzten Haus, das Anton Bienert in seinem Modell wiedergegeben hat.

 

 

 

Dieser Abschnitt der Kaunitzgasse aus einer anderen Perspektive, die zwischen den beiden niedrigen Häusern die Kroatenstiege erahnen läßt:

 

 

 

Abb. 45. Kaunitzgasse Nr. 25, 27 (grün) und 29 –

Anton Bienert, Ratzenstadlmodell im Bezirksmuseum Mariahilf – Foto Autor (2018)

 

Die beiden folgenden Fotos bieten einen eher unerfreulicher Anblick: Das Haus Kaunitzg. 25 gibt es 1938 nicht mehr, das Haus Kaunitzg. 27 befindet sich in keinem guten Zustand, es wird schließlich auch „vor 1962“ abgerissen.

 

 

 

Abb. 46. Postkarte 1938, rechts Kaunitzg. 27 und 29, aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf, Foto Autor (2018)

 

 

Abb. 47. Foto „Wien, Ratzenstadl, W. Mihich 220“ mit dem Haus Kaunitzg. 27 und einem kleinen Teil von Nr. 29,

aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf, Foto Autor (2018)

 

Das folgende Foto aus dem Jahr 2018 soll den Standort des ehemaligen Hauses Kaunitzgasse 27 im heutigen Straßenbild zeigen.

 

Es stand ungefähr dort, wo der rote Pfeil ist. An dieser Stelle stoßen die beiden städtischen Wohnhäuser mit den Nummern Kaunitzg. 13 bzw. Kaunitzg. 15-17 aneinander. Es gibt dort nichts, was an das Ratzenstadl erinnert.

 

 

 

Abb. 48. Kaunitzgasse Nr. 11und 13 (grünes Haus) sowie 15 und 17 (graue Häuser) – Foto Autor (2018)

 

 

 

[1] Emmerich Kirall, „Magdalenenstrasse Ratzenstadl – 1915“; online:

http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/emmerich-kirall/magdalenenstrasse-ratzenstadl-SFkXjQ2ZaIf6p47Mc9QK3w2 (Zugriff: 24.3.2018)

[2] Internetseite http://www.cyranos.ch/index.htm ; Der Schweizer Film / „Die Vier im Jeep“; online:

http://www.cyranos.ch/sfjeep-d.htm (Zugriff: 24.3.2018)

[3] Kaut 1963

Alfred May im Abschnitt „Das Stadtbild von Mariahilf“/ „Die Gassen und ihr Erscheinungsbild“ im Wiener Heimatbuch Mariahilf, hg. von Hubert Kaut, Wien 1963, S. 94