6.2. Das Ratzenstadlmodell von Anton Bienert im Bezirksmuseum Mariahilf als topografische Hilfe

 

Es gab verschiedene sehr hilfreiche Unterlagen und Quellen, um Probleme mit Nummerierungen und mit der Lokalisierung von Häusern zu lösen:

 

Eine wichtige Grundlage dafür war das Buch Mariahilf im Vormärz von Robert Messner [1], das als Eckpunkte die KNR von 1848 und die Orientierungsnummer bzw. die topografische Situation von 1976 angibt.

 

Die Lücken dazwischen wurden vom Autor des vorliegenden Artikels durch Angaben aus mehreren Häuserverzeichnissen ausgefüllt, außerdem wurde die Geschichte der Häuser nach Möglichkeit bis zum HV 1779 von Ponty zurückverfolgt. [2]

 

Zahlreiche Pläne und Karten aus verschiedenen Zeiten (siehe Kapitel 11. Quellen) haben wichtige Informationen vermittelt.

 

Viele Fotos und Bilder sollen optische Eindrücke vermitteln, wie die Gebäude im Ratzenstadl ausgesehen haben und wie sie angeordnet waren.

 

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Ein höchst unkonventionelles Hilfsmittel, zugleich aber ein äußerst beeindruckendes Kunstwerk, ist jedoch Anton Bienerts Ratzenstadlmodell im Bezirksmuseum Mariahilf, das wegen seiner ungeheuren Präzision Aufschlüsse über die Besiedlung der Vorstadt Magdalenengrund in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt.

 

Anton Bienert, geb. am 8.5.1870 in Wien, gest. am 9.4.1960 in Wien 13, Pflegeheim Lainz, war akademischer Maler, ursprünglich im Bereich der Historienmalerei, später aber schuf er vor allem Porträts, Landschafts- und Architekturbilder. [3]

 

Auszug aus einer Broschüre des Bezirksmuseums Mariahilf:

 

In zahlreichen Aquarellen und topogra­phischen Stu­dien hielt Anton Bienert die Erinnerung an das alte Mariahilf fest. Lokal­historisch beson­ders interes­sant ist das von ihm geschaffene Relief „Ratzenstadel um 1820" (Historisches Museum der Stadt Wien, Standort Bezirksmuseum Mariahilf). Es handelt sich hierbei um ein aus Papier und Holz gefertigtes 3.00 mal 3.20 Meter großes Diorama (Maßstab 1:60), welches die kleine Vorstadt Magdalenengrund (vulgo: Ratzenstadl) darstellt. [3]

 

 

Die Entstehungszeit dieses Kunstwerks ist nicht bekannt (vermutlich zwischen 1884 und 1904), aber auch die Datierung „1820“ gibt Rätsel auf.

Wie aus den Lebensdaten hervorgeht, ist Bienert ja erst ein halbes Jahrhundert später zur Welt gekommen und kann allenfalls Unterlagen und Quellen aus dieser Zeit verwendet haben. [3]

 

Zur Verbauung des Ratzenstadls in Bienerts Modell

 

Drei Stellen des Ratzenstadlmodells wurden in Hinblick auf den Bauzustand „um 1820“ näher untersucht:

  • Die Häuser der Kaunitzgasse
  • Die Einmündung in die Bergsteiggasse (später Magdalenenstiege)
  • Das Denkmal des Ferdinand Ratz

 

1) Exemplarisch wurde AN DEN HÄUSERN AM ANFANG UND AM ENDE DER KAUNITZGASSE untersucht, ob Bienert tatsächlich berücksichtigte, welche Häuser es 1820 schon gab und welche erst später erbaut wurden.

 

Im Jahr 1863 waren, wie auf dem Bezirksplan von Dirnbeck und Klein (mit zusätzlicher Angabe der früheren KNR) zu sehen ist,  in der Kaunitzgasse schon alle ungeraden Nummern von 1 bis 39 vergeben. (Abb. 29)

 

 

Abb. 29. Kaunitzgasse 1863 - Wienbibliothek digital / Stadtpläne und Karten / Bezirks-Pläne der kais.königl. Haupt- und Residenz-Stadt Wien: mit den alten und neuen Hausnummern; in 7 Blättern, Wien Dirnböck und Klein 1863

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1945935?zoom=7&lat=3798.33542&lon=5111&layers=B

 

Für den Vergleich mit einem früheren Bauzustand wurde der sehr übersichtliche Plan von Behsel aus dem Jahr 1825 gewählt. (Abb. 30)

Darauf ist übrigens auch die Grenze der Vorstadt Magdalenengrund zur Vorstadt Laimgrube rot eingezeichnet.

Laut Plan von Behsel gab es 1825 die Häuser, die 1863 die Nummern Kaunitzgasse 1, 3 sowie 31 usw. trugen, und die von Bienert in seinem Modell auch nicht dargestellt wurden, noch nicht in der späteren Form. Dort, wo rote Kreuze eingezeichnet wurden, scheint es noch keine zur Kaunitzgasse gerichteten Fassaden gegeben zu haben.

 

 

 

Abb. 30 Stadtplan Mariahilf, Spittelberg 1825 von Behsel, online:

www.wien.gv.at / Stadtplan / Kulturgut / Historische Stadtpläne / Behsel 1825 / Mariahilf, Spittelberg

 

 

 

Der Anfang der Kaunitzgasse im Modell (Abb. 31):

 

In Bienerts Modell sieht man ganz links ein Eckhaus: Es ist jenes Haus, das 1863 die Orientierungsnummer Kaunitzgasse 5 bekam (früher: Magdalenengrund, KNR 4); das Haus daneben erhielt 1863 die Nummer Kaunitzgasse 7 (ursprünglich war es das Gebäude mit Magdalenengrund, KNR 1). Der Platz auf der anderen Seite (bei Behsel mit KNR 110 gekennzeichnet, bezogen allerdings auf die Vorstadt Laimgrube) ist 1825 sichtlich noch nicht verbaut. (rotes Kreuz)

 

 

 

Die letzten Häuser der Kaunitzgasse im Modell (Abb. 32, 33a, 33b):

 

Rechts neben dem Haus Nr. 29 (KNR 21) gibt es bei Bienert auf dem Grund von Nr. 31 zwar noch ein niedriges Gebäude, zu dem einige Stufen hinaufführen, aber dieses Gebäude ist nur von der Seite zu sehen und wesentlich kleiner, als man aufgrund des Behsel-Plans von 1825 vermuten würde.

 

 

 

Auf den nächsten beiden Fotos (Abb. 33a und 33b) sind beim Grundstück Nr. 33 zwei niedrige Seitenflügel des Hauses Magdalenenstraße 88 (20) zu sehen, die zur Kaunitzgasse hinführen (zu jener Stelle, wo später Nr. 33 errichtet wurde) und hier mit einer Mauer verschlossen sind.

 

Bienert versuchte, das Erscheinungsbild der Fassade von Nr. 29 von jenem der wesentlich weniger bebauten Grundstücke Nr. 31 und 33 abzuheben.

 

 

 

Jedenfalls scheint (die spätere) Kaunitzgasse Nr. 29 das letzte Haus mit einer ausgeprägten Fassade zur Kaunitzgasse gewesen zu sein.

 

2) Ein berühmtes Motiv des Ratzenstadels, die MAGDALENENSTIEGE ODER RATZENSTADLSTIEGE, die auch im Kapitel 5.3. in den Abb. 13, 14, 15 und 16 gezeigt wurde, hat es um 1820 vermutlich noch nicht gegeben, da sie im Ratzenstadlmodell von Anton Bienert nicht nachgebildet worden ist: In Bienerts Modell führt eine Gasse von der Stegbrücke aus gerade zu einer Querstraße, der Magdalenenstraße und läuft dann, leicht nach links versetzt, ohne dass man irgendwelche Stufen erkennen könnte, den Kaunitzberg hinauf.

 

 

 

Abb. 34. Anton Bienert, Ratzenstadlmodell ohne Magdalenenstiege – Foto Autor (2018)

 

3) DENKMAL DES HERRN FERDINAND RATZ (RATZENKREUZ)

 

Wie bereits im Kapitel 5.1. bei Abb. 7 angedeutet wurde, wurde diese Mariensäule zwar tatsächlich an jener Stelle errichtet, an der sie von Bienert dargestellt wurde. Nach der Zerstörung durch die Osmanen wurde sie allerdings an einem Platz in der Nähe der Mariahilfer Kirche neu erbaut, der weit außerhalb des Areals liegt, das Bienert in seinem Modell zur künstlerischen Gestaltung zur Verfügung stand. [4]

 

FASSADENGESTALTUNG UND ANDERE KLEINE DETAILS IN BIENERTS MODELL:

 

Es ist ganz reizvoll, die Fassaden der drei Häuser Kaunitzgasse 29, 31 und 33 um 1900 nebeneinander zu sehen. Hier wirkt das Haus Nr. 29 gegenüber den beiden anderen, die ja wesentlich später (aus-) gebaut wurden, klein.

Nr. 29 und 31 stehen nicht mehr, Nr. 33 gibt es noch heute.

 

 

 

Abb. 35a. Fassaden der Häuser Kaunitzgasse 29, 31 und 33;

Foto mit dem Titel „Kinder beim Dorfbrunnen. Kaunitzgasse 25, 1900“,

aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf – fotografiert vom Autor (2018)

 

Es handelt sich hier um ein Foto, das um 1900 entstand.

 

An dieser Stelle soll auf ein besonders interessantes Foto im Buch von Erich Dimitz hingewiesen werden: Auf Seite 59 sind die Häuser Kaunitzgasse 29, 31, 33 und 35 zu sehen. Links von Nr. 29 scheint eine Baulücke zu sein (früherer Standort des Hauses Kaunitzg. 27), ganz links ist bereits der 1952-53 errichtete Gemeindebau zu erkennen. [5]

 

Auf einem Aquarell von Rudolf Schima, das im Bezirksmuseum Mariahilf zu sehen ist, sieht die Fassade des Hauses Kaunitzgasse Nr. 29 (links auf dem Foto) im Wesentlichen völlig gleich aus.

 

 

 

Abb. 35b. Fassade des Hauses Kaunitzg. 29 (+ Teile von Nr. 31) – Aquarell von Rudolf Schima

im Bezirksmuseum Mariahilf (Bildausschnitt) – Foto Autor (2018)

 

Aber auch die Fassade dieses Hauses im Modell von Bienert weist eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Foto und dem Bild auf: Das reicht von der Dachform über die Zahl und die Form der Fenster im ersten Stock bis zur Gestaltung des unteren Teils der Fassade mit drei Fenstern in der Mitte, darunter zwei Kellerfenstern und an den Seiten je einem Hauseingang, zu dem einige Stufen hinaufführen.

 

 

Abb. 35c. Fassade des Hauses Kaunitzg. 29 im Modell von Anton Bienert im Bezirksmuseum Mariahilf – Foto Autor (2018)

 

Eine bemerkenswerte Übereinstimmung aller drei Abbildungen besteht darin, dass über dem rechten Hauseingang jeweils ein dunkles Schild zu sehen ist, das leicht nach links versetzt ist.

 

Man gewinnt den Eindruck, dass bei der Fassadengestaltung durch Bienert entweder bildhafte Vorlagen oder persönliche Anschauung (Bienert hat ja die meisten Gebäude noch selbst gesehen) eine große Rolle gespielt haben.

 

Bienert hat zwar darauf verzichtet, die Gebäude mit Orientierungsnummern zu versehen, die es ja um 1820 noch nicht gegeben hat, aber einzelne Häuser hat er mit Aufschriften ausgestattet, die nicht zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts passen.

 

Ein Beispiel:
Auf dem Haus, das 1863 die Orientierungsnummer Magdalenenstraße 88 (ab 1912: Nr. 20) hatte (es handelt sich übrigens um die Identadresse zu Kaunitzgasse 33), prangt im Modell der Name „Peter Reimer“, und an der Tür steht „Vergolder“. Dieser Peter Reimer kaufte das Haus aber erst im Jahr 1871.

1870 findet man Peter Reimer, Vergolder und Modelleur, noch an der Adresse VI., Gumpendorferstr. 29 [6]

 

 

 

Abb. 36. Haus in der Magdalenenstr. 88 (später 20), ab 1871 im Besitz des Vergolders Peter Reimer;

Anton Bienert, Ratzenstadlmodell im Bezirksmuseum Mariahilf – Foto Autor (2018)

 

Zusammenfassung: Man kann also festhalten, dass Anton Bienert bezüglich des Bauzustandes um 1820 relativ penibel war, dass er über die Verbauung der Vorstadt Magdalenengrund im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts offenbar bestens informiert war.

Ob es sich bei der Positionierung des „Ratzenkreuzes“ am Rande des Modells um ein Versehen handelt oder um künstlerische Freiheit, um die Erinnerung an ein Denkmal zu bewahren, das tatsächlich einmal hier gestanden war, kann nicht entschieden werden.

 

In der Fassadengestaltung und in der Ausführung bestimmter Details dürfte er sich aber an das Erscheinungsbild seiner Zeit gehalten haben, das ihm und seinen Zeitgenossen vertraut war und das die Orientierung in seinem Modell erleichterte. 

 

 

 

[1] Messner 1982

Robert Messner, Mariahilf im Vormärz. Historisch-topographische Darstellung der westlichen Vorstädte Wiens (südliche Hälfte) auf Grund der Katastralvermessung. Wien 1982