5.3. Zwischen sanitärer und städtebaulicher Katastrophe und Idyll

 

Wenn man heutzutage vom Ratzenstadl spricht, kommt es zu unterschiedlichen Reaktionen: Die einen denken an die zahlreichen Bilder verschiedener Maler und Fotografen, die diese versunkene Welt festgehalten haben, die anderen an die tristen Lebensumstände, unter denen die Bewohner leben mussten bzw. an die desolaten Häuser, in denen sie wohnten.

 

Die Diskrepanz zwischen wehmütiger Erinnerung an das ehemalige Idyll mit den niedlichen kleinen Häusern auf der einen Seite und dem berechtigten Stolz, der Bevölkerung bessere Wohnmöglichkeiten gegeben zu haben auf der anderen Seite spiegelt sich darin wider, dass das Ratzenstadel-Denkmal in der Magdalenenstraße im Bereich der Nr. 12 ziemlich versteckt (und sehr schwer als gesamtes Kunst- und Erinnerungswerk zu fotografieren) ist.

 

Es befindet sich hinter einem kleinen Parkplatz, etwas erhöht zwar, aber durch eine kleine Hecke zum Teil verdeckt, sodass man auf eine kleine Mauer steigen muss, um wenigstens den Großteil des Denkmals sehen zu können.

 

In der Mitte des Denkmals wird die alte Wohnsiedlung, das Ratzenstadl, genannt, es wird aber natürlich auch der Bau  neuer Wohnanlagen gewürdigt.

Als der Bildhauer Viktor Hammer im Jahr 1967 das Steinrelief Alter Ratzenstadl schuf [1], hat er links und rechts davon die beiden beliebtesten Bild- bzw. Fotomotive in Erinnerung gerufen:

 

 

1) die so genannte Magdalenenstiege, die ungefähr dort den Kaunitzberg hinaufführte, wo damals das Haus Magdalenenstraße Nr. 74 stand (nach heutiger Nummerierung zwischen Magdalenenstr. 2 und 4).

 

 

Abb. 13: Rechter Teil des Ratzenstadldenkmals (Magdalenenstiege) – Foto Autor (2018)

 

 

Der Maler Richard Pokorny, ein Künstler des 20. Jahrhunderts, konnte Farbenpracht und Buntheit zum Ausdruck bringen. Das Bild ist von einer gewissen Beschaulichkeit und Ruhe geprägt, zeigt aber auch alltägliche Vorgänge und typische Abläufe.

 

 

Abb.14. Richard Pokorny, Ratzenstadl, Bild aus dem Bezirksmuseum Mariahilf – Foto Autor (2018)

signiert mit „RATZENSTADL, RICH. POKORNY“

 

 

Dem Fotografen der folgenden Schwarz-Weiß-Aufnahme ging es wohl eher darum, auf die Geschäftigkeit und die Hektik aufmerksam zu machen. Es gibt zwar viele Menschen, die in Bewegung sind, aber fast alle gehen weg – eine gewisse Endzeitstimmung.

 

 

 

Abb. 15. Fotografie „Ratzenstadl (Magdalenenstr.74) Wien“ aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf –

Foto Autor (2018)

 

Wenn man im Internet unter Ratzenstadl / Bilder sucht, findet man zahlreiche Werke von bekannten und weniger bekannten Künstlern mit diesem Motiv: u. a. von Rudolf Schima, Karl Wenzel Zajicek, Ernst Graner, Karl Zach, Richard Pokorny („Wien, Ratzenstadl und ein Herr mit Baßgeige“), Gustav Zafaurek usw. Der Vollständigkeit halber muss auch erwähnt werden, dass Adolf Hitler zwischen 1909 und 1912 ein Aquarell mit diesem Motiv anfertigte. [2]

 

An dieser Stelle soll auch ein Dokument eines Zeitgenossen des Abbruchs wiedergegeben werden, der in seinem Artikel in einer Zeitung den bevorstehenden Abbruch der Magdalenenstiege bzw. der Gebäude in der Umgebung bedauert.

 

 

Abb. 16. Wienbibliothek digital / Varia / Die Demolirung des alten „Ratzenstadtl“ und seine Zukunft 1902

[Alt-Wiener Ansichten], [Sammlung von Zeitungsillustrationen und Ansichtskarten aus den Jahren um 1900 - 1910 ; Konvolut] / [ges. und zsgest. von Karl Blaschke], III / 88; online:

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/2037203?zoom=2&lat=1600&lon=1000&layers=B

 

Ein aktuelles Foto zeigt den 1902 erbauten  „Albrecht-Dürer-Hof“ und das Nachbarhaus vom Bezirk Margareten aus – Blick durch die Steggasse. Wo die beiden Häuser zusammenstoßen, muss sich die Magdalenenstiege befunden haben. 

 

 

Abb. 17. Foto durch die Steggasse Richtung Albrecht-Dürer-Hof – Foto Autor (2018)

 

 

Diese Steggasse führte also zur Stegbrücke – heutzutage sind Wienfluss und U-Bahn hier überplattet – und man gelangt zu der Stelle, wo die Magdalenenstiege ihren Ausgang nahm, nämlich zwischen Magdalenenstraße 2 (rechtes/rosa Haus) und Magdalenenstraße 4 (linkes/braunes Haus, „Albrecht-Dürer-Hof“). Ganz rechts ist die Eggerthgasse zu sehen, die gerade bis hinauf zur Kaunitzgasse führt und die 1902 als Ersatz für die Magdalenenstiege (teilweise) neu angelegt wurde. 

 

 

Abb. 18. Magdalenenstr. 2 und Magdalenenstr. 4 (Albrecht-Dürer-Hof) – Foto Autor (2018)

 

 

2) Die zweite große Attraktion war die Kaunitzgasse mit ihren malerischen kleinen Häuschen.

 

 

Abb. 19: Linker Teil des Ratzenstadldenkmals (Häuserzeile in der Kaunitzgasse) – Foto Autor (2018)

 

 

Ein Foto dieser Häuserzeile, das vor 1910 datiert wird:

 

 

Abb. 20. Foto der Häuserzeile in der Kaunitzgasse aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf; online: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9435212 (gemeinfrei, Zugriff: 21.3.2018)

Auf diesem Foto sind Nr. 13, Nr. 15, Nr. 21, Nr. 23, Nr. 25 und Nr. 27 zu sehen.

Von Nr. 29 sieht man nur mehr einen kleinen Teil.

 

 

Vor allem das Haus Nr. 21 mit seiner pittoresken Fassade war eines der beliebtesten Fotomotive Wiens.

 

 

Abb. 21. „Im Ratzenstadl das kleinste Haus in Wien“ / Wienbibliothek im Rathaus / Varia / [Alt-Wiener Ansichten], [Sammlung von Zeitungsillustrationen und Ansichtskarten aus den Jahren um 1900 - 1910 ; Konvolut] /

[ges. und zsgest. von Karl Blaschke], III / 14; online:

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/2037017?zoom=2&lat=2676.06245&lon=1811.36473&layers=B (Zugriff: 22.3.2018)

 

Natürlich hatten die Maler und Fotografen vor allem das optisch Ansprechende im Auge, aber das ist ihnen auch nicht vorzuwerfen.

Man kann es Malern und Fotografen sicher nicht verübeln, dass sie die Kulisse des Ratzenstadels im Bild festgehalten haben.

 

 

Manchmal werden in den Bildern und Fotos auch Schattenseiten offenkundig (vgl. einige Abbildungen im Kapitel 10.3.), aber die tristen Seiten und der Verfall wurden natürlich nicht so oft zur Schau gestellt und lassen sich am besten durch die Bilder erahnen, die zum Beispiel in Hinterhöfen entstanden sind.

 

 

Abb. 22. Das Ratzenstadl (Außenansicht) demolirt 1888; Wienbibliothek im Rathaus / Varia / Alt-Wiener Ansichten;

[Alt-Wiener Ansichten], [Sammlung von Zeitungsillustrationen und Ansichtskarten aus den Jahren um 1900 - 1910 ; Konvolut] / [ges. und zsgest. von Karl Blaschke], Bd 1-2/71; online: https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/2036111?zoom=2&lat=630.39206&lon=352&layers=B

(Zugriff: 21.3.2018)

 

 

 

Abb. 23. Das Ratzenstadtl (Hofansicht) demolirt 1888; Wienbibliothek im Rathaus / Varia / Alt-Wiener Ansichten;

[Alt-Wiener Ansichten], [Sammlung von Zeitungsillustrationen und Ansichtskarten aus den Jahren um 1900 - 1910 ; Konvolut] / [ges. und zsgest. von Karl Blaschke], Bd II/72; online: https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/2036615?zoom=2&lat=630&lon=352&layers=B  (Zugriff: 21.3.2018)

 

 

 

Abb. 24. Ein Theil des alten Ratzenstadtl im Jahre 1895; [Alt-Wiener Ansichten], [Sammlung von Zeitungsillustrationen und Ansichtskarten aus den Jahren um 1900 - 1910 ; Konvolut] / [ges. und zsgest. von Karl Blaschke], Bd III/27

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/2037037?zoom=2&lat=2902.99&lon=1780.677&layers=B

 

Die nette Staffage im Hof dieses Hauses kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es schwere Feuchtigkeitsschäden gibt, die zu großen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können und die bei der damaligen Bauweise kaum zu beheben waren.

Dass sich die Bezeichnung „Ratzenstadl“ als abwertender Begriff in der Sprache der Bevölkerung festgesetzt hat, ist sicherlich mit den unhygienischen und unwirtlichen Lebens- und Wohnbedingungen in dieser Siedlung in Zusammenhang zu bringen.

 

Ernest Blaschek beschreibt die Folgen der extremen Wassernot im Mariahilfer Heimatbuch auf S. 80 [3]:

„Pater Fuhrmann nennt in seiner Geschichte Wiens vom Jahre 1766 als Gründe des Übelstandes, daß sich das Ungeziefer hier in so erschreckender Weise vermehrte, den großen Wassermangel, da wegen der hohen Lage fast gar keine Brunnen hier existierten. Noch im 18. Jahrhundert wissen die Chronisten nicht genug zu erzählen von den Ratten, Mäusen und Heuschrecken, die alljährlich diese Gegend und die beachbarten Gärten und Felder heimsuchten.“… „Mit dieser Landplage hängt das Auftreten von Rattenfängern zusammen, die allenthalben herumzogen und sich der geheimen Kunst rühmten, das Ungeziefer an sich zu locken und vertilgen zu können. Der in der Volkssage bekannte Rattenfänger von Korneuburg soll ein Rattenfänger vom Magdalenengrund gewesen sein.“

 

Als weitere Gründe für Krankheiten und Seuchen sind fehlende Kanalisation und unsauberes Wasser zu nennen – „auch die Lage am Fluss stempelte die Gegend bereits vor der frühen Industrialisierung als gesundheitsschädlich: Die Abwasser der Färbereien und Gerbereien zusammen mit den unregelmäßig und unangekündigt eintretenden Hochwässern führten zu zahlreichen lokalen Epidemien.“ [4]

 

Im Kapitel 5.1. wurde bereits der städtebauliche Aspekt durch die abfälligen Äußerungen zweier berühmter Persönlichkeiten thematisiert.

 

Und so kam es, dass diese niedlichen Häuser nach und nach verschwunden sind und durch Neubauten ersetzt wurden.

In der Kaunitzgasse ist nur eines von den alten Häusern übrig geblieben, Kaunitzgasse Nr. 7:

Eingekeilt zwischen wesentlich höheren Bauten, einer alten Baulinie folgend und etwas vernachlässigt bzw. möglicherweise unbewohnt, scheint es geduldig auf seinen Abriss zu warten.

 

 

 

Abb. 25. Kaunitzgasse 7 – Foto Autor (2018)

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[1] Wikipedia: Viktor Hammer (Bildhauer), online: https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Hammer_(Bildhauer)

(Zugriff: 21.3.2018)

[2] Vgl. Internet-Seite des Kansas City Business Journal, online: https://www.bizjournals.com/kansascity/blog/2012/03/hitler-paintings-go-up-for-sale-at.html (Zugriff: 21.3.2018)

[3] Blaschek 1926

Mariahilf einst und jetzt, Wiener Heimatbücher, hrg. von Ernest Blaschek, Wien und Leipzig 1926, S. 80 f.

[4] Der Bezirk und seine Vorstädte - Broschüre des Bezirksmuseums Mariahilf, hgg. von Erich Dimitz und Ulrike Ilsinger, Erstellungsjahr 2015, als PDF-Datei online unter  http://www.bezirksmuseum.at/de/bezirksmuseum_6/bezirksmuseum/geschichtstexte/contentfiles/641/Bezirke/Bezirk-06/Bezirk_-_Text_29.09.2015.pdf (Zugriff: 22.3.2018)