5.1. Die Bezeichnung Ratzenstadl

 

Bei Wikipedia wird der Ursprung dieses Begriffes, der eine Wohnsiedlung am Kaunitzberg bezeichnet, hinterfragt. Die drei hier genannten Erklärungsmöglichkeiten sollen  als Ausgangspunkt für einige Überlegungen dienen[1]:

 

1) Ein Ferdinand Ratz ließ im Magdalenagrund einst eine Gedenksäule errichten. Dies könnte zur Namensbildung vom Ratzenstadl beigetragen haben, vor allem, wenn man die unter Punkt 2 wiedergegebenen Behauptungen verifizieren kann.

 

2)  Der Name könnte sich auf die serbischen Familien beziehen, die sich im 18. Jahrhundert hier ansiedelten. In offiziellen Unterlagen wurde für Serben der Ausdruck Raizen oder Ratzen verwendet, der Familienname Ratz leitet sich davon ab (im 18. Jahrhundert wurde auch das serbische Viertel der damals habsburgischen Stadt Novi Sad Ratzenstadt genannt).

 

3) Der Magdalenengrund trug auch den umgangssprachlichen Namen Ratzenstadl, was möglicherweise auf die Rattenplage zurückzuführen ist (Erklärung bei Wikipedia: Stadel = Scheune).

 

Auseinandersetzung mit diesen drei Theorien:

 

ad 1) Von Ferdinand Ratz wissen wir nur wenig:

 

Wahrscheinlich war er ein Bau- und Steinmetzmeister, der Friedhofsbauten ausführte und Grabsteine herstellte. Er dürfte in der Nähe des Friedhofs, der ab 1656 im Bereich der heutigen Barnabitengasse angelegt wurde, seine Werkstätte, seinen „Stadel“ gehabt haben. [2][3]

Er ließ dort, wo heute die Windmühlgasse mit der Gumpendorfer Straße zusammentrifft, also auf dem Platz vor dem Apollotheater, eine Säule errichten. Diese wurde nach der Zerstörung durch die Osmanen hinter der Mariahilfer Kirche wieder errichtet und allgemein „Ratzenkreuz“ genannt [2]. Über dieses Denkmal schreibt Mathias Fuhrmann im Jahr 1767 [4]:

In der seiten Gasse der Kirche gegen über, nächst einen andern Brunn ein Säule mit der Bildnuß der unbefleckten Empfängnuß Mariä, und der Beyschrifft:

 

Herr Ferdinand Ratz hat diese Saulen

Erbauet Anno 1668. Anno 1683.

ist sie von dem Erbfeind ruiniret worden.

1699. ist sie von Hern F. Erhardt

Ulses wider erbauet worden.

 

Weder auf dem heutigen Fritz-Grünbaum-Platz noch an der Rückseite der Mariahilfer Kirche erinnert im Jahr 2018 irgendetwas an diese Säule.

Die Erinnerung daran hat Anton Bienert  in seinem Ratzenstadl-Modell bewahrt, der die Säule allerdings ungefähr an ihrem früheren Standort platziert, wo sie im 19. Jahrhundert sicher nicht mehr war – Bienerts Modell soll den Zustand von 1820 wiedergeben.

 

 

ad 2) Die Bezeichnung „Raitzen“ oder „Rätzen“ wird auch in Brockhaus Conversations-Lexikon auf eine bestimmte Volksgruppe angewendet: [5]

 

Die RaitzenRätzen, oder wie man sie sonst richtiger nannte, Rascier (vom Flusse Rasca in Servien) sind ein Volk Slavischen Ursprungs. Sie heißen auch Servier, weil sie in Servien sehr zahlreich sind, auch Illyrier, weil das alte Illyrien einige ihrer jetzigen Wohnplätze in sich faßte. Unter dem Namen Rascier kamen sie nach dem 9. Jahrhundert als ein kleines Volk vor, das zwischen der Morava, Donau, Sau und Drin in Servien wohnte,…

 

In diesem Artikel wird auch der religiöse Aspekt angeschnitten.

 

In einem Wikipedia-Artikel über „Raizen“ [6] liest man als eine Art Definition:

RaizenRaitzen oder Rascier sind historische deutschsprachige Begriffe, die bis ins frühe 19. Jahrhundert als Bezeichnung für die orthodoxe serbische Bevölkerung der Habsburgermonarchie verwendet wurden. Die Begriffe beziehen sich auf die historische Region Rascien, die im heutigen serbischen Okrug Raška liegt.

 

Es werden auch zwei Beispiele für die Bezeichnung „Raitzenstadt“ genannt:

Im heutigen ersten Bezirk der Stadt Budapest wurde der Bezirksteil Tabán wegen seines hohen slawischen Anteils von deutschen Einwohnern Raizenstadt genannt. Der alte deutsche Name Raitzenstadt für Novi Sad bezog sich auf die Raizen. [6]  

Bereits 1694 hatte die österreichische Militärverwaltung einen Brückenkopf am gegenüber liegenden Donauufer der Peterwardein-Festung errichtet, um den herum eine Siedlung mit Soldaten, Handwerkern und Händlern heranwuchs, die anfangs Racka Varoš genannt wurde. Auf deutsch nannte man die Siedlung Ratzenstadt, womit Serbenstadt gemeint war, denn RaizenRatzen oder Rac war eine frühere deutsche und ungarische Bezeichnung für die Serben, die Bewohner von Raszien. [7]

 

Interessant im Zusammenhang mit den Überlegungen bezüglich Ferdinand Ratz ist eine bestimmte Aussage im Wikipedia-Artikel über die Raitzen: „Der Familienname Rácz bezieht sich auch auf die Raizen.“ [6]

 

Zum zweiten Wortbestandteil: „Stadel“

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass hinter dem Wortbestandteil „Stadl“ ursprüngliche die Verkleinerungsform „Stadtl“ als Herleitung von „Stadt“ stand.

Aus verschiedenen Quellen wissen wir ja auch, dass es im Volksmund „das Ratzenstadl“ hieß. „Stadel“ im Sinne von „Scheune“ würde dagegen den Artikel „der“ verlangen.

Wenn sich im 18. Jahrhundert Serben hier angesiedelt haben, müssen sie die „Ratzenstadt“, die Novi Sad betraf, gekannt haben und könnten sie für die Siedlung an der Wien verwendet haben, auch wenn es hier keinen großen Brückenkopf, sondern nur die kleine Stegbrücke gab.

 

Die Stegbrücke, Ratzenstadlbrücke oder Magdalenenbrücke wurde ursprünglich aus Holz – wahrscheinlich um 1750 – etwa in der Höhe der heutigen Eggerthgasse errichtet. Ab 1865 gab es eine Eisenkonstruktion, die 1919 entfernt wurde.[8]

 

Bienerts Ratzenstadlmodell vermittelt einen Eindruck von der hölzernen Brücke:

 

 

Abb. 8. Hölzerne Stegbrücke im Ratzenstadel-Modell von Anton Bienert im Bezirksmuseum Mariahilf

 

 

Das Bild mit der Eisenkonstruktion wird auch auf der Internetseite von „Wien Geschichte Wiki : Magdalenenbrücke“ verwendet.

 

 

Abb. 9. Ratzenstadl, Magdalenensteg 1900; Quelle: Wienbibliothek im Rathaus / Varia /

Alt-Wiener Ansichten / Bd. III/ IX; online:

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/pageview/2037010 (Zugriff: 21.3.2018)

 

ad 3) Es ist nicht anzuzweifeln, dass viele Menschen die Bezeichnung „Ratzenstadl“ verwendeten, um darauf hinzuweisen, dass es sich um eine unwirtliche, schmutzige und baulich völlig unbefriedigende Gegend handelte.

Es gab ja auch Aussagen von berühmten Menschen, in denen dieser negativ gemeinte Begriff erwähnt wurde:

a) Ein Wiener Bürgermeister machte seinem Unmut im Jahr 2002 über die „Räuberhöhle“ Luft, mit der er die Gebäude des Bahnhofs Wien-Mitte  meinte: Sollte das geplante Investment doch verhindert werden, "dann müssten diejenigen, die jetzt dagegen wettern, rechtfertigen, warum dieser Ratzenstadel nicht saniert wird" [9]

b) Angeblich soll auch Kaiser Josef II. „Ratzenstadl“ als abwertenden Begriff für die Gebäude verwendet haben, denn die kleinen, engen, finsteren und winkeligen Häuschen waren am Mariahilferberge so dicht eines über das andere gebaut, dass sie einem schmutzigen Rattenneste nicht unähnlich sahen. Leider verrät uns der Autor des entsprechenden Artikels, Ernst Blaschek, nicht, von wem die bildhafte und subjektive Deutung (von mir in Kursivschrift gesetzt) für den Ausdruck „Ratzenstadl“ stammt – vom Kaiser, vom Autor oder von einem anderen Historiker. [10]

 

Es ist jedoch durchaus denkbar, dass erst angesichts von Missständen, Plagen durch Ungeziefer und Ratten etc. ein ursprünglich ganz anders gemeinter Begriff durch ein abwertend gemeintes Wort ersetzt wurde.

 

Zwei Beispiele sollen zeigen, dass das Wort Ratzenstadl, in beiden Fällen wurde sogar RatzenSTADTL geschrieben, in früheren Zeiten noch keine negative Bedeutung hatte.

 

a) In einem Stiftsbrief vom 14. Januar 1768 erweist sich Joseph Johann Edler von Tepser als Wohltäter (Bezahlung von Schulgeld und Schulmaterialien) gegenüber 80 bedürftigen Kindern, darunter auch 10 von „Magdalenengrund oder Razen Stadtl“ [11]

Es wäre schwer nachzuvollziehen, wenn man in einem offiziellen Dokument eine umgangssprachliche Bezeichnung verwenden würde, die abwertend zu verstehen ist. Außerdem wird hier der Magdalenagrund „Razen STADTL“ genannt. Man darf annehmen, dass jemand, der sich mit der Not in den Vorstädten derart intensiv auseinandersetzt, auch über die Besiedlung und über damit zusammenhängende Begriffe genau Bescheid weiß.

Joseph Johann Edler von Tepser lebte von 1690 – 1761. Sein Vater war ein hoch angesehener Leinwandhändler, Stadtrat und 3 Jahre lang Bürgermeister von Wien, der u.a. in den Vorstädten Landstraße, Leopoldstadt und Rossau Liegenschaften erwarb. Man kann auch daraus schließen, dass der Sohn über die Vorstädte bestens informiert war.

 

b) Auch auf dem Vogelschauplan von Joseph Daniel Huber aus dem Jahr 1778 ist bei der Siedlung am Kaunitzberg vermerkt:

in dem Razen Stadtl (siehe Abb.10)

 

 

 

Abb. 10. Josef Daniel Huber, Vogelschauplan von Wien 1778 mit der Bezeichnung „in dem Razen Stadtl;

radiert von J. Wagner, J. Ebersbach, C.G. Kurtz, J. Adam, Scenographie oder Geometrisch Perspect. Abbildung

der Kayl: Königl: Haubt: u: Residenz Stadt Wien in Oesterreich. 1769-1778,

Quelle: Wiener Stadt- und Landesarchiv, Signatur 3.2.1.1.P1.11 (Digitalisat 9)

 

Zur Orientierung:

 

Diese Karte ist so gezeichnet, dass man, von der Innenstadt kommend, stadtauswärts blickt, also ungefähr nach Westen.

Am rechten unteren Bildrand sieht man den Mariahilfer Friedhof – die Barnabitengasse, die später hier zur Mariahilferkirche führte, gab es noch nicht. Schräg nach rechts führt die heutige Schadekgasse (früher ein Teil der Windmühlgasse). Rechts oben erkennt man einen prachtvoll angelegten Garten bzw. Park, den Kaunitzpark, später Esterhazypark, mit dem Palais.

Links daneben verläuft die heutige Gumpendorfer Straße.

Bei den Wörtern „In dem Razen…“ biegt eine Gasse schräg links ab, die heutige Kaunitzgasse.

Beim Wort „Stadtl“ biegt eine Gasse scharf links ab und wendet sich dann gleich nochmals nach links. Das war die Dürergasse, die damals zum Teil einen anderen Verlauf nahm als heute.

Am linken unteren Bildrand sehen wir den Magdalenensteg (Stegbrücke, später auch Ratzenstadlbrücke), die über den Wienfluss zur Magdalenenstraße führte. Folgte man der Magdalenenstraße nach links, dann traf man nach einiger Zeit auf die heutige Kaunitzgasse.

 

Es ist unvorstellbar, dass auf einem Plan, der von der Herrscherin Maria Theresia 1769 beauftragt wurde und ihr 1773 als Federzeichnung vorgelegt wurde, umgangssprachliche bzw. volkstümliche Bezeichnungen aufschienen. [12]

 

Zusammenfassung:

 

Es ist verständlich, wenn die Bevölkerung, der die Ansiedlung der Serben bzw. die Bezeichnung „Razen“ für diese Einwanderer unbekannt war, den Begriff angesichts der katastrophalen sanitären Missstände allmählich umdeutete. Auch die Erinnerung an Ferdinand Ratz war, sobald es keine sichtbaren Zeichen mehr gab, irgendwann verschwunden. Spöttische Vergleiche von hohen Persönlichkeiten, die über den wahren Ursprung des Begriffes möglicherweise sogar Bescheid wussten, könnten die Umdeutung beschleunigt haben.

Aber die ursprüngliche Bedeutung scheint nichts mit „Ratten“ oder „Stadel“ zu tun gehabt zu haben, wie viele, die andere Herleitungsmöglichkeiten nicht kennen, spontan glauben.

 

 

 

 

[1] Vgl. Wikipedia: Magdalenengrund, online: https://de.wikipedia.org/wiki/Magdalenengrund  (Zugriff: 19.3.2018)

[2] Vgl. Bezirksmuseum Mariahilf, kein Autor, möglicherweise Fritz Illing (1933): 250 Jahre Ratzenstadl, zitiert nach einer Broschüre des Bezirksmuseums Mariahilf (2018) „Anton Bienert und sein Modell vom ‚Ratzenstadel um 1820‘ “

[3] Internetseite Pfarre Mariahilf – Kultur/Geschichte, online: http://www.pfarremariahilf.at/mariahilf/index.php?mid=Kultur&cid=Geschichte (Zugriff: 20.3.2018)

[4] Mathias Fuhrmann, Historische Beschreibung und kurz gefaste Nachricht von d. Röm. Kais. u. Königl. Residenz-Stadt Wien und ihren Vorstädten, Band 2, Ausgabe 2, Wien 1767, S. 746; online:

https://books.google.at/books?id=AsZXAAAAcAAJ&pg=PA746&lpg=PA746&dq=Ferdinand+Ratz&source=bl&ots=MT0_gZpwSW&sig=SoQFm4PrMI3wggA8olVRaRSS42o&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiPycWHiv3ZAhXRb1AKHTZsBJwQ6AEIOTAF#v=onepage&q=Ferdinand%20Ratz&f=false (Zugriff: 21.3.2018)

[5] Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 4. Amsterdam 1809, S. 37-38; online: http://www.zeno.org/Brockhaus-1809/A/Die+Raitzen (Zugriff: 20.3.2018)

[6] Wikipedia: Raizen; online:

https://de.wikipedia.org/wiki/Raizen (Zugriff: 20.3.2018)

[7] Wikipedia: Novi Sad; online:

https://de.wikipedia.org/wiki/Novi_Sad (Zugriff: 20.3.2018)

[8] Wien Geschichte Wiki: Magdalenenbrücke, online: https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Magdalenenbr%C3%BCcke (Zugriff: 21.3.2018)

[9] Der Standard vom 19.2.2002; online:

https://derstandard.at/862478/Haeupl-Sauhaufen-Wien-Mitte-muss-weg (Zugriff: 20.3.2018)

[10] Blaschek 1926

Ernest Blaschek (Hg.), Alte Siedlungen in Mariahilf. Das Ratzenstadl, in: Mariahilf einst und jetzt (Wiener Heimatbücher), Wien 1926, S. 80

[11] Joseph Alexander von Helfert, Die österreichische Volksschule: Geschichte, System, Statistik. Die Gründung der österreichischen Volksschule durch Maria Theresia, Prag 1860, Band 1, S. 62; online:

https://books.google.at/books?id=hOlMAAAAcAAJ&pg=PA62&dq=Tepser+Razen&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiL0I-NlKPZAhUBBiwKHWiyB1gQ6AEILjAB#v=onepage&q=Tepser%20Razen&f=false (Zugriff: 20.3.2018)

[12] Wien Geschichte Wiki: Vogelschauplan, Joseph Daniel Huber (1778); online: https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Vogelschauplan,_Joseph_Daniel_Huber_(1778) (Zugriff: 21.3.2018)