5.1. Einige Beobachtungen zu Vokabular, Sprache und Kommunikation in der NS-Zeit

 

1) Spezielle Begriffe in Akten und sprachliche Maßnahmen zur Kennzeichnung von Juden:

 

1a) Vor allem in Akten finden sich zahlreiche heute nicht mehr gebräuchliche Termini, die größtenteils von den Nationalsozialisten erfunden wurden und die in unserer Zeit einer Erklärung bedürfen. Die meisten lassen erkennen, dass Juden völlig der Willkür des NS-Regimes ausgeliefert waren.

 

Einige Beispiele:

 

 

Vermögensanmeldung

Mit der „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ vom 26. April 1938 […] mussten all jene Personen, die im Sinne der „Nürnberger Gesetze“ von 1935 […] als Jüdinnen und Juden galten sowie ihre nicht-jüdischen Ehepartnerinnen oder Ehepartner ihr in- und ausländisches Vermögen und das ihrer im gemeinsamen Haushalt lebenden Angehörigen mit wertmäßigem Stichtag 27. April 1938 einzeln anmelden. Jüdinnen und Juden nicht-deutscher Staatsangehörigkeit waren zur Anmeldung ihres inländischen Vermögens verpflichtet. Anmeldepflichtig war ein Bruttovermögen ab einem Wert von 5.000 Reichsmark (ohne Berücksichtigung von Verbindlichkeiten). [1]

 

Sicherheitsbescheid

Bereits 1934 erhielt durch ein Änderungsgesetz zur Reichsfluchtsteuer die Finanzverwaltung zusätzlich die Möglichkeit, bei Verdacht auf Auswanderungsabsichten einen Sicherheitsbescheid in exakt der Höhe der Reichsfluchtsteuer (25 Prozent auf das Gesamtvermögen) zu erlassen – damit konnte diese Sondersteuer praktisch als Vorauszahlung erhoben werden. Anfänglich wurden hierbei noch Kriterien wie die Beantragung eines Reisepasses zu Grunde gelegt, doch seit 1938/39 überzogen die Berliner Finanzämter die meisten vermögensteuerpflichtigen Juden mit einem Sicherheitsbescheid. Als Begründung hierfür findet sich in den überlieferten Steuerakten regelmäßig der Hinweis auf die jüdische Herkunft des Steuerpflichtigen. [2]

 

Judenvermögensabgabe = JUVA

 

Die Judenvermögensabgabe war eine willkürliche Sonderabgabe, die deutsche Juden in der Zeit des National-sozialismus leisten mussten.

 

Nach Herschel Grynszpans Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath und den Novemberpogromen ver-

langte Hermann Göring eine Kontributionszahlung von einer Milliarde Reichsmark (RM) als „Sühneleistung“ für „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem „deutschen Volk“. Die Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit (RGBl. I S. 1579) vom 12. November 1938 war von Hermann Göring unterzeichnet, dem 1936 eine Generalvollmacht zum Erlass von Rechtsverordnungen erteilt worden war.

Am selben Tag wurde auch die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben sowie die Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben erlassen, drei Wochen später die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens.

Bereits im Frühjahr 1938 war eine Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden ergangen. Juden mussten demnach bis Ende Juli ihr Vermögen deklarieren, wenn der Wert 5.000 RM überstieg. Eine Durchführungsverordnung über die Sühneleistung der Juden vom 21. November 1938 (RGBl. I S. 1638 f.) griff darauf zurück und bestimmte, dass alle Juden mit einem Vermögen über 5.000 RM 20 % davon in vier Raten bis zum 15. August 1939 an ihr Finanzamt abführen mussten. In der Verordnung war ausdrücklich vorbehalten, dass weitere Zahlungen abgefordert werden konnten, wenn auf diese Weise die Gesamtsumme von einer Milliarde Reichsmark nicht erreicht würde. Tatsächlich wurde mit einer weiteren Verordnung eine fünfte Rate verlangt, die zum 15. November 1939 fällig wurde. Die Gesamtsumme belief sich schließlich auf 1.126.612.495,00 RM. [3]

 

Reichsfluchtsteuer

Die Reichsfluchtsteuer wurde am 8. Dezember 1931 […] eingeführt, um Kapitalflucht einzudämmen. Die Reichsfluchtsteuer wurde bei Aufgabe des inländischen Wohnsitzes fällig, sofern das Vermögen 200.000 Reichsmark (ℛℳ) überstieg oder das Jahreseinkommen mehr als 20.000 ℛℳ betrug. Der Steuersatz wurde auf 25 Prozent des Vermögens des Steuerpflichtigen festgesetzt.

 

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Bemessungsgrundlagen der Reichsfluchtsteuer erheblich geändert. Sie diente auch nicht mehr vorrangig dem ursprünglichen Zweck, vermögende deutsche Staatsangehörige von einer Übersiedlung ins Ausland abzuhalten. Vielmehr war die Auswanderung jüdischer Bürger – auch nach Kriegsbeginn 1939 – durchaus erwünscht und wurde durch die Judenverfolgung forciert. Erst zum 23. Oktober 1941 wurde durch einen Erlass Heinrich Himmlers die Auswanderung untersagt. Die Reichsfluchtsteuer wurde nach 1933 zum Zwecke der Ausplünderung der Juden instrumentalisiert und bekam damit die „Funktion einer Teilenteignung“ der jüdischen Auswanderer, die sich durch den Verfolgungsdruck zur Flucht aus ihrem Heimatland entschlossen hatten. [4]

 

Arisierung

Arisierung, nationalsozialistische Wortschöpfung, die die Enteignung und Beraubung der Juden bezeichnet. Unmittelbar nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 wurden jüdische Geschäfte und Betriebe von vielfach selbsternannten "kommissarischen Verwaltern" übernommen ("wilde Arisierung"). Die rechtmäßigen Besitzer durften über ihr Eigentum nicht mehr verfügen, die Einnahmen mussten an den "kommissarischen Verwalter", der den Betrieb bis zur "rechtmäßigen Arisierung" leitete, abgeliefert werden; da die kommissarischen Leiter vielfach inkompetent oder korrupt waren, wurden durch die "wilden Arisierungen" erhebliche Vermögenswerte vernichtet und damit auch dem Zugriff des NS-Staates entzogen. […]

Die "planmäßige Arisierung" bedeutete für die rechtmäßigen jüdischen Eigentümer, dass sie dem Ariseur ihren Besitz weit unter dem Realwert überlassen mussten und über den Verkaufserlös nicht frei verfügen durften (Einzahlung auf ein Sperrkonto). Nur die geringen Zinsen der Sperrkonten standen den ehemaligen Besitzern für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung. Neben Betrieben und Geschäften wurden in Wien auch über 50.000 Wohnungen arisiert. Der letzte Schritt zur Arisierung aller jüdischen Betriebe und Geschäfte erfolgte durch die "Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" vom 3. Dezember 1938, das die jüdischen Eigentümer zwang, ihr Eigentum binnen kurzer Frist und weit unter dem tatsächlichen Wert zu veräußern; kamen sie dem Auftrag nicht termingemäß nach, wurde für die Veräußerung von Staats wegen ein "Abwickler" bestellt, für dessen Kosten der Betriebsinhaber aufzukommen hatte. Die "Dritte Verordnung zur Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden" vom 21. Februar 1939 verpflichtete Juden, alle in ihrem Besitz befindlichen Gegenstände aus Gold, Platin und Silber sowie Edelsteine und Perlen bei öffentlichen Ankaufsstellen abzuliefern; spätere Erlässe und Verordnungen zwangen die Juden zur Abgabe ihrer Radioapparate, Fahrräder, Pelze, Skier, Skischuhe und Wollsachen. Dr. Karl Ebner, der Leiter des Referats "Judenangelegenheiten" und zeitweiliger stellvertretender Leiter der Gestapoleitstelle Wien, rühmte sich in einem Schreiben an Himmler, durch die Arisierung in Wien dem Großdeutschen Reich eine Milliarde RM an Sachwerten zugeführt zu haben. [5]

 

Entjudungsauflage

Bei der "Arisierung" von jüdischem Vermögen musste vom "Ariseur" eine "Entjudungsauflage" gezahlt werden. [6]

 

Nürnberger Gesetze – Volljude – Mischling

Mit den Nürnberger Gesetzen – auch als Nürnberger Rassengesetze oder Ariergesetze bezeichnet – institutionalisierten die Nationalsozialisten ihre antisemitische und rassistische Ideologie auf juristischer Grundlage. Sie wurden anlässlich des 7. Reichsparteitages der NSDAP, des sogenannten „Reichsparteitags der Freiheit“, am frühen Abend (17.45 Uhr) des 15. Septembers 1935 einstimmig vom Reichstag angenommen, der eigens zu diesem Zweck telegrafisch nach Nürnberg einberufen worden war. Sie umfassten

·  das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre (RGBl. I S. 1146) – das sogenannte Blutschutzgesetz – und

·       das Reichsbürgergesetz (RGBl. I S. 1146).

·    Neben diesen beiden „Rassengesetzen“ wird heute oft auch das Reichsflaggengesetz (RGBl. I S. 1145) unter dem Sammelbegriff „Nürnberger Gesetze“ gefasst, obwohl es zeitgenössisch nicht zu ihnen gezählt wurde.

Die Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 definierte, wer als „jüdischer Mischling“ Reichsbürger bleiben könne und wer als „Jude“ davon ausgeschlossen sei:

·         Personen mit mindestens drei jüdischen Großeltern galten als (Voll-) „Jude“.

·         Personen mit einem jüdischen Elternteil oder zwei jüdischen Großeltern galten als „Mischling ersten Grades“.

·         Personen mit einem jüdischen Großeltern-Teil wurden als „Mischling zweiten Grades“ eingestuft.

„Mischlinge ersten Grades“, die der jüdischen Kultusgemeinde angehörten oder mit einem Juden verheiratet waren, wurden als „Juden“ eingestuft. Für sie kam später der Begriff „Geltungsjude“ auf. Alle anderen „Halbjuden“ und „Vierteljuden“ wurden amtlich als „jüdische Mischlinge“ bezeichnet. [7]

 

1b) Eine besondere Art von Diskriminierung ist die Zuordnung eines zweiten Vornamens: „Israel“ für männliche Juden, „Sara“ für weibliche. Diese Maßnahme wurde gesetzt, um jüdische Deutsche anhand ihrer Vornamen kenntlich zu machen (sofern sie nicht ohnehin einen „typischen“ jüdischen Vornamen hatten). Die entsprechende Verordnung wurde am 17. August 1938 beschlossen und trat im Jänner 1939 in Kraft. [8]

 

Beispiel: 4.2. Resch - Exkurs 1: Maximilian Reschs Geschwister / Text mit Fußnote [24]

Hauslisten, betreffend die Familien Resch und Singer

Tür 15: Resch        Sigmund Israel        geb. 14.06.1876      mos.                                                                                             

Tür 15: Resch        Hedwig Sara            geb. 19.05.1889     mos.                                                                                          

Tür 15: Singer        Sigmund Israel         geb. 02.01.1857     mos.                                                                                         

Tür 15: Singer       Friedrich Israel         geb. 15.09.1898      mos.  Isr. Kultusgemeinde, Wien I, Seitenstetteng. 2-4  

 

(Dokumente bzw. Downloads des Simon Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien)

 

1c) Der Rassenwahn offenbarte sich aber auch in einer negativ aufzufassenden Anrede, z. B. „der Jude Max Resch“

 

2) Wie spricht man mit Behörden?

 

2a) Max Resch war bereit, als Bittsteller gegenüber den Behörden aufzutreten, um das Land verlassen zu dürfen.

Der unterwürfige Ton („Der Gefertigte bittet um die Erlaubnis“, „und zeichne ergebenst Max Resch“) und der Inhalt des Antrages dienen dazu, die Machthaber durch Versprechungen und die positive Beschreibung einzelner Familienmitglieder günstig zu stimmen. (4.3. Resch - Die Flucht 1938 – die große Enttäuschung / 4.3.1. Dokumente – Passantrag, Vermögensverzeichnis)

 

2b) Der Antrag des Sigmund Resch, der allerdings nicht direkt an die NS-Behörden gerichtet war, erzeugt den Eindruck, dass ihm das Wohlwollen der Adressaten nicht wichtig war. Er beantwortet NACH MEINEM Empfinden die Fragen nicht unhöflich, aber extrem kurz und fast provokant. Diese Beurteilung ist natürlich subjektiv.

 

A_W 2589,63 Auswanderungsfragebogen_Resch, Siegmund.pdf

FÜRSORGE-ZENTRALE der Isr. Kultusgemeinde Wien /Auswanderungsabteilung / FRAGEBOGEN Nr. 25105

Auszug:

 

Gegenwärtige wirtschaftliche Lage und monatlicher Verdienst: nichts

Sind Sie in der Lage, sich alle für die Auswanderung notwendigen Dokumente zu beschaffen?  Ja!

Wohin wollen Sie auswandern?  Uebersee

Welche Pläne haben Sie für Ihren neuen Aufenthalt?  Alle sich mir wo immer bietenden Erwerbsmöglichkeiten zu ergreifen

Welche Mittel stehen Ihnen für die Auswanderung zur Verfügung?  die erforderlichen Reisespesen würde ich aufbringen können

Welche Beziehungen haben Sie im Ausland, besonders in dem Land, wohin Sie auswandern wollen?

a)    Verwandte: - 

b)    Freunde: -

Referenzen: -

(Dokumente bzw. Downloads des Simon Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien)

 

(Vgl. 4.2. Resch - Exkurs 1: Maximilian Reschs Geschwister / 3i)

 

2c) Erna Fleck, die keine Jüdin war, konnte es sich offenbar leisten, recht forsch gegenüber den NS-Behörden aufzutreten und sie an ihre gesetzlichen Pflichten als Vertreter des „Deutschen Reiches“ zu erinnern. Sie verwendet zwar auch das Wort „Bitte“, aber „Anmeldung einer Rente“ kommt einer Forderung gleich.

Beispiel:

Das Deutsche Reich haftet für die Schulden eines Juden, dessen Vermögen dem Reiche verfällt, bis zur Höhe des Verkaufswertes. Da die beiden Häuser einen monatlichen Mietzinseingang von RM 770.- bis 800.- aufweisen, ist mein Rentenanspruch vollauf gedeckt.

(Vgl. 3.2. Samek – Exkurs 3: Erna Fleck)

 

3) Wie sprechen die Beamten mit den Antragstellern?

 

Aus dem Sicherheitsbescheid für Frau Martha Resch:

„Meine Feststellungen lassen darauf schließen, daß Sie den Wohnsitz – gewöhnlichen Aufenthalt im Land Österreich oder im übrigen Reichsgebiet – aufgeben werden. Auf Grund des § 7 des Reichsfluchtsteuergesetzes ersuche ich Sie daher, sofort in der Höhe von 5.100.- RM Sicherheit zu leisten.“

 

Normalerweise werden solche Inhalte unpersönlich formuliert, z. B. „…werden Sie daher ersucht…“, oder es wird – als Andeutung eines Amtes – der Plural verwendet, z. B.  „Unsere Feststellungen lassen darauf schließen“, aber in dieser Zeit war es offenbar üblich, durch persönlich gehaltene Formulierungen die Macht zu zeigen, die beim Vertreter der Behörde lag. [9]

(Vgl. 4.3. Resch – Die Flucht 1938 / Text mit Fußnote [18])

 

 

 

 

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[1] Findbuch für Opfer des Nationalsozialismus, online:

https://www.findbuch.at/vermoegensanmeldungen (Zugriff: 10.9.2020)

 

[2] Berlin.de, Das offizielle Hauptstadtportal, Senatsverwaltung für Finanzen, online:

https://www.berlin.de/sen/finanzen/ueber-uns/architektur-geschichte/artikel.5183.php (Zugriff: 10.9.2020)

 

[3] Wikipedia: Judenvermögensabgabe

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenverm%C3%B6gensabgabe (Zugriff: 10.9.2020)

 

[4] Wikipedia: Reichsfluchtsteuer

https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsfluchtsteuer (Zugriff: 10.9.2020)

 

[5] Wien Geschichte Wiki: Arisierung:

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Arisierung (Zugriff: 10.9.2020)

 

[6] Stadt Wien, Restitutionsangelegenheiten, Berufsverbote und rassistische Steuern für die jüdische Bevölkerung - Vermögensentzug in der NS-Zeit

https://www.wien.gv.at/verwaltung/restitution/vermoegen/beruf.html (Zugriff: 10.9.2020)

 

[7] Wikipedia: Nürnberger Gesetze

https://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Gesetze (Zugriff: 10.9.2020)

 

[8] Wikipedia: Namensänderungsverordnung

https://de.wikipedia.org/wiki/Namens%C3%A4nderungsverordnung (Zugriff: 9.9.2020)

 

[9] NÖLA, Sicherheitsbescheid Martha Resch, BH TU, Gruppe XI/5-429/1938, IMG_7757