4.5. Resch – Splitter zum Leben in der Fremde

 

Die Abhängigkeit vieler Emigranten von ihren Verwandten

 

 

 

Abb. R 51. Max Resch in Rio de Janeiro, Brasilien, 1944.

Quelle: Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 76.

Foto: Familienbesitz Resch-Fischa

 

Wir wissen nur sehr wenig darüber, wie es Max Resch im Ausland ergangen ist. Der Kontakt zwischen Emigranten und den in der Heimat verbliebenen Verwandten konnte nur lose sein:

Die Familienmitglieder in Österreich versuchten, die Verbindung zu jüdischen Personen zu verheimlichen, da das Bekanntwerden einer Verwandtschaft Unannehmlichkeiten nach sich ziehen konnte. Und die Personen im Ausland wollten ihre Angehörigen in der Heimat nicht durch „verräterische“ Post, Briefe, Telefonate etc. gefährden.

 

Es gibt bei der Familie Resch – Metall vor allem zwei Informationsquellen, die Emigranten betreffend:

a) Berichte von Besuchen bei ihnen;

b) private Fotos und Videofilme, die bei dieser Gelegenheit entstanden, aber auch Passfotos

 

Die Stationen von Max Resch nach der Emigration, die durch die berufliche Tätigkeit von Rudolf Aladár Métall bestimmt waren:

 

1) Genf: 1938 - 1940

Offenbar war es für Gertrude Fischa, Max Reschs Tochter, und Susanna, seine Enkelin 1939 möglich, in die Schweiz zu reisen, um den Vater bzw. Großvater, der seit August 1938 beim Ehepaar Métall lebte, zu besuchen. Ein Video (Abb. R 48 im Kapitel 4.4. Auto und Hausbesitz – Enteignung, Schenkung und Restitution) zeigt ihn gemeinsam mit der kleinen Susanna am Genfer See.

Von einem Besuch der Großmutter Martha Resch ist nichts bekannt.

 

2) Rio de Janeiro: 1940 – 1945

Am 26.6.1940 erhielten Max Resch und seine Tochter, Margarethe Johanna Metall, Visa für Brasilien. [1a]

Details zu den Pässen:

Margarethe Métall hatte einen Pass mit der Nr. 1152, ausgestellt von der Bundespolizei der Schweiz in Bern am 12. Jänner 1940;

Max Reschs Pass mit der Nr. 557/38 war noch vom Deutschen Konsulat in Genf am 7. Dezember 1938 ausgestellt worden. Seine Staatsbürger-schaft wird auch mit „deutsch“ angegeben, bei Margarethe Métall jedoch steht „apátrida“, also „staatenlos“.

 

 

Das dazugehörige Passfoto von Max Resch wurde gewissermaßen als Titelbild verwendet. [1b] Hier soll das Passfoto von Margarethe Métall gezeigt werden, die meist mit dem betagten Vater reiste.

 

 

Abb. R 52. Passfoto von Margarethe Métall (1940)

Quelle: siehe Fußnote [1a]

 

 

Aber auch private Fotos von Max Resch wurden in Brasilien gemacht, siehe Abb. R 51 und 53.

 

 

Abb. R 53. Max mit einem Deutschen Schäferhund in Rio (1943).

Foto aus dem Besitz der Familie Resch - Fischa

 

3) Montreal: 1945 – etwa 1948/49

Am 9. März 1945 reisten Max Resch und seine Tochter Margarethe J. Metall mit dem Schiff „John Armstrong“ von Rio nach New York.

Als letzte Wohnadresse wird Rio de Janeiro, Brasilien, angegeben. Sie hatten keine Einwanderungsvisa in die USA, sondern Transit-Visa nach Kanada. Bei beiden findet man den Vermerk „Stateless“. [1b]

 

Im Jahr 1947 verließen Gertrude Fischa und ihre Tochter Susanna Wien. Rudolf Aladár Métall bot ihnen in Montreal ein neues Zuhause in seinem Apartment in der Drummond Street an – es gab große private Probleme zwischen Hans Fischa und seiner Frau Gertrude. [2]

 

Bezüglich ihres Großvaters hat Frau Susanna Easton dem Autor Folgendes mitgeteilt: "I spent much time with Max in Montreal in the apartment on Drummond Street, but my memories of my stay there are dimmed by time.  Max and I were able to build a much stronger bond two and a half years later, when my mother and I moved to the house in Glamford Road on Long Island with my aunt and uncle Grete and Rudolf Metall." [3]

(Ich verbrachte in Montreal im Apartment in der Drummond Street viel Zeit mit Max, aber meine Erinnerungen an meinen Aufenthalt sind allmählich verblasst. Max und ich konnten zweieinhalb Jahre später eine viel stärkere Beziehung aufbauen, als meine Mutter und ich ins Haus in der Glamford Road in Long Island zu meiner Tante Grete und meinem Onkel Rudolf Métall übersiedelten.)

 

Die neunjährige Susanna war über die Lebenssituation in Montreal sehr unglücklich. Sie war mit der neuen Umgebung und mit der Trennung vom geliebten Vater überfordert. Die intellektuelle Sphäre des Ehepaares Métall war ihr fremd, und auch ihre Mutter fühlte sich nicht wohl. Nach knapp zwei Jahren reiste man daher nach Europa zurück. [4]

 

4) 26 Glamford Road, Great Neck, Long Island, New York:

ab etwa 1948/49 bis 1950 (Tod von Max Resch)

Als Rudolf Aladár Métall Repräsentant der Internationalen Arbeitsorganisation bei den Vereinten Nationen wurde, übersiedelte die Familie Metall mit Max Resch nach Great Neck, ca. eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln von New York entfernt.

Am 12. Mai 1950 verließen Gertrude Fischa und ihre Tochter Susanna Wien endgültig und schlossen sich der Familie Metall an, die mittlerweile von Montreal nach Great Neck übersiedelt war.

Hier verbrachte Susanna mehr Zeit mit ihm und konnte ihn besser kennenlernen. [5]

Susanna findet in den Memoiren liebevolle Worte für den Großvater, der bereits am 16. Juni 1950 starb, sie bedauert allerdings später, dass sie ihn nicht mehr über Hintergründe gefragt hat.

Aber das ist ihr angesichts des damaligen Wissenstandes auch nicht zu verübeln: Sie war ja auch damals noch nicht darüber informiert, dass sie jüdische Vorfahren bzw. Verwandte hatte und dass sie von ihrem Großvater eine Haushälfte geschenkt bekommen hatte.

Max Resch starb in Great Neck und wurde auf dem Friedhof von Nassau County, Long Island, begraben. [6]

Gertrude Fischa, seine Tochter, starb 1978 in ihrer Wohnung in Washington, D.C. [7]

Ihre Tochter Susanna geb. Fischa heiratete 1959 den Arzt John M. Easton, der seine berufliche Tätigkeit ganz der Krebsforschung widmete.

Sie zogen 1962 nach Bethesda, Maryland, wo er am Nationalen Krebsinstitut des Nationalen Gesundheitsinstituts arbeitete. 2013 übersiedelte das Ehepaar nach San Diego, Kalifornien. Susannas Mann starb 2016. [8]

 

Rudolf Aladár Métall und seine Frau Margarethe zogen nach seiner Pensionierung nach Versoix, einen Vorort von Genf, am Genfer See.[9]

 

Martha Resch sah ihren Mann nach 1938 nicht mehr. Sie konnte sich nicht entschließen, Wien zu verlassen, um Max Resch wenigstens zu besuchen. Vielleicht war es für sie auch nicht einfach, ihrem Mann gegenüberzustehen, der den Lebensabend ohne sie zubringen musste.

 

Die ökonomische bzw. finanzielle Situation Max Reschs nach seiner Emigration:

 

Max Resch war Pensionist, er erhielt nach seiner Flucht aus Österreich von dieser Seite her keinerlei Zahlungen. Wofür die erwähnten Rücklagen in der Schweiz verwendet wurden oder bereits aufgebraucht worden waren, ist nicht bekannt. Er war jedenfalls auf Hilfe angewiesen.

 

Sein Glück war, dass Rudolf Aladár Métall, eigentlich ja selbst ein Emigrant, als sehr erfolgreicher Jurist eine Anstellung bei einer internationalen Organisation hatte und daher für seinen Schwiegervater sorgen konnte. [10]

 

Ca. 12 Jahre lang wohnte Max Resch beim Ehepaar Métall und wurde von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn liebevoll betreut. Dass für Max, den früheren Generaldirektor eines großen Unternehmens, diese Situation nicht ganz einfach war, ist leicht nachzuvollziehen.

 

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[1a] Max Resch und Margarethe Métall: Visa für Brasilien

Quellenangabe für Max Resch: 

"Brasil, Cartões de Imigração, 1900-1965," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-95BD-9BB5?cc=1932363&wc=QSX4-HZH%3A1019549001%2C1021212301 : 9 May 2019), Group 9 > 004919723 > image 162 of 203; Arquivo Nacional, Rio de Janeiro (National Archives, Rio de Janeiro).

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-95BD-9BB5?i=161&cc=1932363

(Zugriff: 14.3.2020)

Quellenangabe für Margarethe Métall:

"Brasil, Cartões de Imigração, 1900-1965," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:33SQ-G5B9-9LLR?cc=1932363&wc=QS6P-JWY%3A1019548401%2C1020671601 : 14 March 2019), Group 8 > 004915791 > image 144 of 203; Arquivo Nacional, Rio de Janeiro (National Archives, Rio de Janeiro).

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33SQ-G5B9-9LLR?i=143&cc=1932363

(Zugriff: 14.3.2020)

[1b] Passfoto von Max Resch siehe Abb. R 1 im Kapitel 4.1. Resch – Genealogisches und Biografisches

[1c] Reise von Brasilien nach Kanada

Quellenangabe

"New York, New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:3QS7-994G-G6BN?cc=1923888&wc=MFK8-KWL%3A1030269301 : 2 October 2015), 6936 - vol 14945-14946, Apr 5, 1945 > image 366 of 785; citing NARA microfilm publication T715 (Washington, D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.).

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:3QS7-994G-G6BN?i=365&cc=1923888&personaUrl=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3A2H3C-8SV (Zugriff: 14.3.2020)

[2] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 48ff.

[3] Schriftliche Mitteilung von Frau Susanna Fischa-Easton an den Autor

[4] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 50

[5] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 77

[6] Siehe Kapitel 4.1. Resch – Genealogisches und Biografisches

[7] Siehe Kapitel 4.1. Resch – Genealogisches und Biografisches

[8] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 55

[9] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 77 und 84

[10] Vgl. die Ausführungen über die finanzielle und ökonomische Situation der emigrierten Rechtsanwälte in:

Barbara Sauer/ Ilse Reiter-Zatloukal: Advokaten 1938. Das Schicksal der in den Jahren 1938 bis 1945 verfolgten österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Manz-Verlag 2010, S. 61ff.