4.3. Resch - Die Flucht 1938 – Max verlässt Österreich ohne seine Ehefrau

 

4.3.1. Dokumente – Passantrag, Vermögensverzeichnis

In diesem Kapitel soll vor allem der Akt mit den 8 Dokumenten zur Erlangung der Ausreisegenehmigung für Max Resch vorgestellt und erklärt werden. Die Daten sollen helfen, den Zeitraum der Emigration einzugrenzen. Die Erkenntnisse aus den Dokumenten sollen aber auch mit der mündlichen Tradition der Ereignisse verglichen werden.

 

Passantrag von Maximilian Resch [1]

Der Akt umfasst folgende acht Dokumente:

 

Dokument 1

Vorderseite:

6. Juni 1938: Brief von Max Resch (Weidling) an die BH Tulln; Eingangsstempel BH Tulln 8. Juni 1938                                      

Rückseite:

9. Juni 1938: BH Tulln in „Passangelegenheit Max Resch Zl. XI-5/251“ an Gendarmeriepostenkommando in Weidling „zur Erhebung und Berichterstattung, über das staatsbürgerliche Verhalten, den Leumund, über die Vermögensverhältnisse, sowie der Rassenzugehörigkeit“

Eingangsstempel Gendarmeriepostenkommando in Weidling vom 12.6.1938

 

Erläuterungen zu Dokument 1:

Da dieser Antrag aus verschiedenen Gründen von besonderer Wichtigkeit ist, soll er im Original wiedergegeben werden:

Dieser Antrag wurde von Max Resch, dem ehemaligen Generaldirektor der Ersten Wiener Walzmühle Vonwiller, handschriftlich verfasst und – wie aus Dokument 2 hervorgeht – persönlich der Bezirkshauptmannschaft Tulln überbracht. 

Es handelt sich um keine Forderung, um keine Beschwerde, sondern um eine unterwürfige Bitte. Man hat ihm am 2. April, also über zwei Monate davor, den Reisepass abgenommen – offenbar eine von oben angeordnete Maßnahme. Max Resch beklagt sich nicht, sondern versucht mögliche Gründe für die Abnahme des Passes zu widerlegen (eventuelle Steuer- oder Gebührenrückstände, Verstoß gegen die Devisenverordnung) und gibt auch das Versprechen ab, der Vermögens-anmeldung zu entsprechen.

Diese Vermögensanmeldung konnte von ihm, da es die benötigten Formulare dafür nicht gab, erst am 7. Juli 1938 abgegeben werden. [2]

Seit 26.4.1938 war die Vermögensanmeldung für Juden und deren nicht jüdische Ehefrauen verpflichtend, wenn in- und ausländisches Vermögen den Wert von 5000 RM überstieg. [3][4]

 

Im zweiten Teil des Schreibens versucht er Positives über Familienangehörige mitzuteilen – dass seine Frau „Vollarierin“ ist und sein Schwiegersohn (Johann / Hans Fischa) ein hochdekorierter Marine-Offizier im Weltkrieg I war [5], soll die Empfänger des Antrages günstig stimmen. Danach nennt er auch die zweite Tochter (Margarethe, verheiratete Metall), deren Wohnort in der Schweiz bzw. deren Asylangebot seine Bitte um Ausreise in dieses Land plausibel erscheinen lässt. Von deren Ehemann, Rudolf Aladar Metall, schreibt er lieber nichts, da dieser selbst in den ersten Lebensjahren der mosaischen Religion angehörte. [5] [6]

 

 

Abb. R 41. Eigenhändig geschriebenes Ansuchen um Ausreisebewilligung von Max Resch.

Quelle: NÖLA, BH TU, Gruppe XI/5/251 – 1938, Ansuchen um Ausreisebewilligung

Max Resch 6.6.1938 (= 1. Dokument / 1. Blatt des Aktes)

Das diesbezügliche Ansuchen um Publikationserlaubnis für Abbildungen von Archivalien wurde am 9.7.2020 genehmigt

 

Dokument 2 mit Beilagen:

12. Juni 1938: Ergänzungen von Max Resch (Weidling) an die BH Tulln / Eingangsstempel BH Tulln vom 13.6.1938

mit 3 Beilagen

 

Erläuterungen zu Dokument 2:

Der genaue Wortlaut des kurzen Ergänzungsschreibens von Max Resch:

„In Befolg der in den heutigen Tageszeitungen bekannt gegebenen Weisungen für die Auswanderung, unterbreite ich in Ergänzung meines am 8. d. Mts. persönlich überreichten Ausreiseansuchens angefaltet:

1)    Erklärung

2)    Personaldaten

3)    Abschrift der Steuerbestätigung

4)    Postkarte

Ergebenst Max Resch

4 Beilagen“

Es sind allerdings nur 3 Beilagen vorhanden, die vorgesehene 4. Beilage (Postkarte) fehlt:

.) 30.4.1938: Amtsbestätigung des Steueramtes Klosterneuburg; keine Rückstände bei Steuern und Gebühren

.) 12. Juni 1938: Rückkehrverzicht von Max Resch

.) Personaldaten von Max Resch

 

 

Max Resch möchte keinen Fehler begehen. Er bezieht sich mit seinem Ergänzungsschreiben offenbar auf den Artikel „Ausreisebedingungen für Nichtarier“, der am 12. Juni 1938 u.a. in der Wiener Zeitung erschienen ist und in dem der Polizeipräsident in Wien verlautbart, dass für Nichtarier eine Ausreisebewilligung vom zuständigen Passamt erforderlich ist. Dass es sich um eine Verfügung für das ganze Land handelt, ist daran zu erkennen, dass auf die Adresse des Wiener Passamts in der Bräunergasse 5 extra hingewiesen wird: [7]

 

 

Abb. R 42. „Ausreisebewilligungen für Nichtarier“, in: Wiener Zeitung vom 12. Juni 1938, S. 7 [7]

 

Im Ergänzungsschreiben betont Max Resch, dass er, wie im Zeitungsartikel gefordert, sein Ausreiseansuchen persönlich beim zuständigen Passamt in Tulln abgegeben hat.

Im Zeitungsartikel sind die Erfordernisse für die Ausreisebewilligungen sehr unübersichtlich bzw. irreführend unter Punkt 1 und 2 aneinandergereiht:

Zum Punkt 1 nimmt Max Resch Stellung, indem er als Beilage folgenden Rückkehrverzicht anfügt:

Weidling, 12. Juni 1938

Erklärung:

Ich erkläre hiermit, dass ich mich verpflichte, ohne behördliche Bewilligung, nicht in das Deutsche Reich zurückzukehren.

Max Resch

 

Er hat offenbar eingesehen, dass es ein Fehler war, in Dokument 1 nachträglich die Worte „und einreisen“ einzufügen, um dadurch eine spätere Rückkehr nach Österreich zu ermöglichen (s. Abb. R 41).

Im Zeitungsartikel wird Punkt 2 „zum Zwecke von Geschäftsreisen“ absatzmäßig nicht von den folgenden Anforderungen getrennt, die offenbar (zum Teil!) auch für Ausreisewillige gelten.

Max Resch nimmt insofern darauf Bezug, als er in einer Beilage die Angaben zur Person vervollständigt (er nennt nun ausdrücklich als „Rasse“ „Jude“ und als Religionszugehörigkeit „Konfessionslos“) und als weitere Beilage eine Amtsbestätigung des Steueramtes Klosterneuburg vom 30. April 1938 mitschickt, dass es bei Max Resch keine Steuer- oder Gebührenrückstände gibt.

Auf die ursprünglich mitgesandte Postkarte für die Verständigung über die Entscheidung der Behörde scheint die BH Tulln verzichtet zu haben.

 

--------------------------------------

Dokument 3:

 

20.Juni 1938: Gendarmeriepostenkommando Weidling, Bez. Tulln, Niederösterreich, Nr. 732 an BH Tulln (Erhebungsergebnisse)

Rückseite:

21.6.1938: BH Tulln mit Betreff „R e s c h Max, Weidling; Ausreisebewilligung in die Schweiz“ an Geheime Staatspolizei / Staatspolizeileitstelle Wien / B-Nr. 5736/38 II B 4 J – Eingangsstempel 24.6.1938

30.Juni 1938: Geheime Staatspolizei / Staatspolizeileitstelle Wien / B-Nr. 5736/38 II B 4 J an die Bezirkshauptmannschaft in Tulln

Entscheidung der Gestapo: Ausreise bewilligt, Wiedereinreisevermerk abgelehnt / Eingangsstempel

 

Erläuterungen zu Dokument 3:

 

Es beinhaltet die Ergebnisse des Gendarmeriepostenkommandos Weidling, die gemäß dem Auftrag der BH Tulln „zur Erhebung und Berichterstattung, über das staatsbürgerliche Verhalten, den Leumund, über die Vermögensverhältnisse, sowie der Rassenzugehörigkeit“ vorgenommen worden sind.

„Zum umseitigen Auftrage wird angezeigt: Max Resch, am 10. I. 1869 in Schwarztal, Bez. Caplitz, C.S.R. geb., nach Wien zuständig, konfl., verh., Generaldirektor i.R., in Weidling, Lenaugasse Nr. 28 wohnhaft, ist der Rasse nach Volljude, war bis zum Jahre 1908 mosaisch, seither konfessionslos, bezüglich seines staatsbürgerlichen Verhaltens ist Nachteiliges nicht bekannt, genießt einen guten Leumund, besitzt gemeinsam mit seiner Gattin Martha Resch, Arierin, Private, in Weidling, Lenaugasse Nr. 28 ein Haus mit 8 Zimmern und Nebenräumen und einen 6000 m2 großen Garten und in Teplitz, C.S.R. ein Haus mit drei mittleren Wohnungen und kleinem Garten /: an drei Parteien vermietet:/

 

Außerdem besitzt Resch

(Barguthaben, Wertpapiere, Einlagenbücher)

 

seine Gattin Martha Resch besitzt

(Barguthaben, Wertpapiere, Einlagenbücher)

 

An pension (sic!) bezieht Max Resch von der ersten Wiener Walzmühlen monatlich 1220 Rm und eine Angestelltenpension von 141 Rm.“

 

Bemerkenswerte Informationen:

.) Austritt aus der mosaischen Religionsgemeinschaft bereits 1908, seither konfessionslos

.) tadelloses staatsbürgerliches Verhalten und guter Leumund

.) Hinweis auf die beachtliche Größe der Villa und des Gartens

.) Hinweis auf den Besitz eines vermieteten Hauses in Teplitz und auf Barguthaben, Wertpapiere, Einlagenbücher (genaue, umfangreiche Auflistung)

.) Anführung von zwei Pensionen der Firma Erste Wiener Walzmühle

 

Auf der Rückseite findet man u.a. die Entscheidung der Gestapo:

Geheime Staatspolizei / Staatspolizeileitstelle Wien / B-Nr. 5736/38 II B 4 J     

 

Wien, 30. Juni 1938

 

Urschriftlich: An die Bezirkshauptmannschaft in Tulln

Anlagen: Keine

 

Ich erhebe gegen die Erteilung einer Ausreisebewilligung an den Juden R e s c h Max in staatspolizeilicher Hinsicht zum Zwecke der Auswanderung keine Einwendung. Der Erteilung eines Wiedereinreisevermerkes stimme ich nicht zu.

I.A.

gez. Dr. Ebner

Stempel der Gestapo mit Paraffe Ha

 

Beglaubigt: Jettmar

Kanzleiangestellte

 

Eingangsstempel der BH Tulln vom 5. Juli 1938 / XI.5/309

 

Dokument 4:

 

9.8.1938: Erklärung von Max Resch / Verzicht auf Einreise

 

Erläuterungen zu Dokument 4:

Max Resch wird nach dem Bescheid der Gestapo nochmals dazu veranlasst, seinen Verzicht auf die Wiedereinreise nach Österreich zu dokumentieren.

 

 

Dokument 5:

 

Bescheide der BH Tulln

a) 6. Juli 1938: „Zl.II-5/309, R e s c h Max, Weidling; Ausreisebewilligung in die Schweiz zum Zwecke der Auswanderung“

Vorläufig aufbehalten (Partei hat Bescheinigung über die Entrichtung der Reichsfluchtsteuer und die Unbedenklichkeitsbescheinigung beizubringen).

b) 9. August 1938: Steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes Tulln vom 9. August 1938 vorgewiesen

Reichsfluchtsteuer im Betrage von RM 38.879.- am 5. August 1938 lt. Bestätigung Nr. 36 der Steueradministration Wien I (Konto 727-F 1) bezahlt.

Ausreise nach allen europäischen Staaten (mit Ausnahme Russland) bewilligt.

 

Erläuterung zum Dokument 5:

Die Ausreisebewilligung wird am 6. August vorbehaltlich der Bestätigung über die Bezahlung der Reichsfluchtsteuer und der steuerlichen Unbedenklichkeits-bescheinigung, am 9. August 1938 schließlich endgültig erteilt.

 

-------------------------------------------

Dokument 6:

5. August 1938: Reichsfluchtsteuerbescheid f. Martha Resch (eigentlich Sicherheitsbescheid) – Abschrift vierseitig

Eingangsstempel vom Gemeindeamt Weidling, Bez. Tulln, N.Ö., Zl. 2002 mit Datum 9. August 1938

--------------------------------------------

Dokument 7:

5. August 1938: Reichsfluchtsteuerbescheid f. Max Resch – Abschrift vierseitig 

 

Eingangsstempel vom Gemeindeamt Weidling, Bez. Tulln, N.Ö., Zl. 2001 mit Datum 9. August 1938

----------------------------------------

Dokument 8

Mantelbogen der „Ortsgemeinde Weidling, Verwaltungsbezirk Tulln, NÖ“, ursprünglich nur für die Abschriften der „Reichsfluchtsteuerbescheide“ gedacht.

 

10. August 1938: Die beiden beiliegenden Bescheide, und zwar Sicherheitsbescheid Resch Martha und Reichsfluchtsteuerbescheid Resch Max, beide ausgestellt von der Steueradministration für den 1. Bezirk Wien, Reichsfluchtsteuerstelle für das Land Österreich vom 5. August 1938 werden als dorthin gehörig abgetreten.

2 Beilagen                                                    Der Gemeindeverwalter

11. August 1938: Eingangsstempel BH Tulln

13. August 1938: Ablage in der BH Tulln in der Mappe „Jüdische Auswanderer“

 

Erläuterungen zu den Dokumenten 6, 7 und 8:

 

Es handelt sich um die Abschriften des Sicherheitsbescheides für Martha Resch und des Reichsfluchtsteuerbescheides für Maximilian Resch sowie um den Mantelbogen, in dem diese beiden Bescheide von der Gemeinde Weidling an die BH Tulln gesendet wurden. Dieser wurde später als Ummantelung des ganzen Aktes verwendet.

 

Die Bezahlung der Reichsfluchtsteuer wird auf dem Mantelbogen zwar bestätigt, eine schriftliche Bestätigung liegt allerdings nicht bei.

Auf dem Bescheid von Max Resch wird die Steuer mit einem Viertel des Vermögenswertes festgesetzt. Bei einem geschätzten Wert von 155.516 RM waren das für Max Resch 38.879 RM Reichsfluchtsteuer.

Seine Frau Martha, die keine jüdischen Vorfahren hatte, katholisch getauft war, später konfessionslos geworden war, erhielt einen Sicherheitsbescheid, nach dem sie bei einer Vermögenssumme von 20.293 RM 5063 RM, aufgerundet 5100 RM, zu zahlen hatte.

Es wurde angenommen, dass sie ebenfalls vorhatte, das Land zu verlassen, obwohl sie offenbar keinen Passantrag gestellt hatte, auf den man sich berufen konnte. Ob sie diese Summe schließlich wirklich bezahlt hat, ist nicht bekannt.