4.3.3. Eine Familie wird zerrissen – Juden, Katholiken, evangelische Christen, Konfessionslose innerhalb einer Familie

 

Max Resch und Rudolf Aladár Métall wurden als Juden geboren. Sie traten zwar aus der IKG aus (Max Resch 1908, er war danach konfessionslos [13]; Rudolf Aladár Métall 1909, er war danach evangelisch AB [14]

Für die neuen Machthaber war jedoch ein Austritt aus der IKG bzw. eine Konversion zur Beurteilung als „Volljude“ bedeutungslos; entscheidend für sie war, dass drei der vier Großeltern jüdisch waren.

Martha Resch stammte aus einer katholischen Familie.

 

Die unterschiedliche Situation der beiden Töchter:

 

Sie hatten väterlicherseits zwei jüdische Großeltern, die Großeltern mütterlicherseits wurden als „Arier“ eingestuft. Somit galten sie als „Mischlinge 1. Grades“.

Während Gertrude Resch-Fischa mit einem Katholiken verheiratet war und keine Repressalien und Benachteiligungen durch das national-sozialistische System zu befürchten hatte, war ihre Schwester Margarethe Resch-Métall jedoch die Ehefrau eines Juden (Rudolf Aladár Métall), und in einem solchen Fall wurden „Mischlinge 1. Grades“ wie Juden behandelt. [15]

 

Während es für Gertrude und ihre Familie gefahrlos schien, in Österreich zu bleiben – die 1938 geborene Tochter Susanna Fischa, später verheiratete Easton, war im Sinne der Nürnberger Gesetze Mischling 2. Grades [16] – war es für Margarethe in Hinblick auf die eigene Sicherheit erforderlich, das Land zu verlassen.

 

Bei Martha Resch war es ihre freie Entscheidung, 1938 nicht zu emigrieren, um dadurch das weitere Leben gemeinsam mit ihrem Mann führen zu können.

Sie konnte sich nicht dazu entschließen, auf ihr wunderschönes Haus samt Dienerschaft zu verzichten und das Land zu verlassen. [17]

Im Sicherheitsbescheid für Martha Resch vom 5. August 1938 steht zwar: „Meine Feststellungen lassen darauf schließen, daß Sie den Wohnsitz – gewöhnlichen Aufenthalt im Land Österreich oder im übrigen Reichsgebiet – aufgeben werden. Auf Grund des § 7 des Reichsfluchtsteuergesetzes ersuche ich Sie daher, sofort in Höhe von 5.100.- RM Sicherheit zu leisten.“ [18] Aber das war wohl eine Vorsichtsmaßnahme der Machthaber bzw. ein Vorwand, um auch von ihr finanzielle Leistungen zu erhalten.

 

Max Reschs Enkelin bedauert, dass sie ihren Großvater und ihre Tante nie gefragt hat, wie es ihnen gelungen ist, so rasch die Reichsfluchtsteuer zu bezahlen, um das Land verlassen zu dürfen. [19] Man darf annehmen, dass die Emigration von langer Hand geplant war: Bereits einige Jahre vor dem Krieg hatte Max Resch die Voraussicht, ziemlich viele Goldbarren in einer Schweizer Bank deponieren zu lassen. [20] Aber vielleicht waren diese Zahlungen nach der Schenkung des halben Hauses an die Enkelin gar nicht mehr erforderlich.

Max muss zutiefst traurig gewesen sein, dass Martha, die er abgöttisch liebte und die er immer mit Juwelen und Diamanten überschüttet hatte, sich weigerte, in die Schweiz zu emigrieren. Aber überraschend kam ihr Entschluss wohl nicht. [21]

 

Selbst nach dem Krieg, als sich Gertrude Fischa geb. Resch und ihre Tochter Susanna im Jahr 1947 in Montreal der Familie Rudolf und Margarethe Metall anzuschließen, bei der ja auch Max Resch lebte, war sie nicht bereit, Wien zu verlassen. Als ihre zwei Töchter sie dazu überreden konnten, nach Amerika zu kommen, war es zu spät: Max Resch sah seine Frau nie mehr: [22a]

Er starb 1950 in Great Neck. [22b]

 

Was wusste man über das Schicksal jüdischer Familienangehöriger?

 

Max Reschs Enkelin, Frau Susanna Fischa-Easton, die am Ende des 2. Weltkrieges 7 Jahre alt war, hat ihre Erinnerungen schriftlich festgehalten: „Während des Krieges wusste ich noch nicht, dass ich einen jüdischen Großvater oder andere jüdische Verwandte hatte. Es wäre zu gefährlich gewesen, das in der Zeit des Nationalsozialismus einem Kind zu erzählen.“ [23]

„Ich weiß nicht, ob meine Mutter etwas über das Schicksal ihres Onkels Sigmund und ihrer Tante Hedwig wusste.“ [24]

Die Enkelin selbst war bis vor wenigen Jahren der Meinung, dass sie in Böhmen geblieben waren oder sich eventuell in Wien versteckt hatten. Auf jeden Fall gab es wenig oder sogar keinen Kontakt zwischen den getrennten Familienmitgliedern. [24]

 

 

 

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[1] Passantrag von Max Resch, u.a. Ansuchen um Ausreisebewilligung:

NÖLA, BH TU, Gruppe XI/5/251 – 1938

[2] Vermögensverzeichnis Max Resch / Datum auf der Seite 4 des Formulars:

NÖLA, BH TU, Gruppe XI/5-973/1938 Resch Max 

[3] Advokaten 1938, S. 29

[4] Vgl. dazu den Termin, der auf dem „Verzeichnis über das Vermögen von Juden“ / S. 1 vermerkt ist.

Vermögensverzeichnis Max Resch:

NÖLA, BH TU, Gruppe XI/5-973/1938 Resch Max

[5] Vgl. 4.2. Resch - Exkurs 2: Max Reschs Schwiegersohn Johann Fischa

[6] Geburtseintragung von Rudolf Aladár Métall / Geburtsbuch Z2 / Zahl 1941 (s. Genteam, Index der jüdischen Matriken)

Quellenangabe

"Österreich, Niederösterreich, Wien, Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde, 1784-1911," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-9B2W-1C9?cc=2028320&wc=4692-DXM%3A344266801%2C344266802%2C344500001 : 20 May 2014), Wien (alle Bezirke) > Geburtsbücher > Geburtsbuch Z 1903 Juli-Dez. > image 48 of 196; Israelitischen Kultusgemeinde Wien (Jewish Community of Vienna) Municipal and Provinical Archives of Vienna, Austria.

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-9B2W-1C9?i=47&wc=4692-DXM%3A344266801%2C344266802%2C344500001&cc=2028320 (Zugriff: 3.12.2019)

[7] ANNO/ÖNB: Wiener Zeitung Nr. 160 vom 12. Juni 1938, S. 7

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=19380612&seite=7&zoom=33 (Zugriff: 3.12.2019) 

[8] Mündliche Überlieferung zur Flucht von Max Resch aus Österreich, zum Teil aus Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018

[9] Über Rudolf Aladar Metall siehe Kapitel 4.1. (Kinder von Maximilian Resch und Martha Resch, geb. Sollfrank) sowie 4.2. Resch - Exkurs 3: Rudolf Aladár Métall 4.2. Rudolf Metall war Rechtsanwalt mit internationaler Erfahrung und arbeitete bei der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) (englisch: International Labour Organization, ILO), die ihr Hauptquartier in Genf in der Schweiz hatte.

[10] Taufeintragung von Martha geb. Sollfrank

Staatliches Gebietsarchiv Litomerice - Archivabteilung N • inv.č. 8250 • sig. 174/33 • 1878 - 1880 • Ústí nad Labem

http://vademecum.soalitomerice.cz/vademecum/permalink?xid=09ddd7cea03b9b8d:-1b1ffbd2:1261cfe24ad:-7cbb&scan=202#scan202 (Zugriff: 19.1.2020)

[11] Ziviltrauung Max Resch – Martha Sollfrank

Staatliches Gebietsarchiv Litomerice – Archivabteilung: Ziviltrauung O • inv.č. 10658 • sig. C24/1 • O • 1868 - 1917 • matriční obvod Teplice

http://vademecum.soalitomerice.cz/vademecum/permalink?xid=09ddd7cea03b9b8d:-55df6153:12c61053793:-75b5&scan=29#scan29 (Zugriff: 14.3.2019)

[12] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 76 

[13] s. Passantrag von Max Resch / NÖLA, BH TU, Gruppe XI/5/251 – 1938 /

Erhebungsergebnisse des Gendarmeriepostenkommandos Weidling, im Kapitel „4.3. Resch – Die Flucht 1938“ bezeichnet als „Dokument 3“; 

[14] Vgl. 4.2. Resch - Exkurs 3 Rudolf Aladár Métall

[15] Die Gruppe der „jüdischen Mischlinge“ wurde weiter unterteilt in „jüdische Mischlinge ersten Grades“ mit zwei jüdischen Großeltern und „jüdische Mischlinge zweiten Grades“ mit einem jüdischen Großelternteil. Ungeachtet angenommener gleicher „biologisch-rassischer Abstammung“ wurden „Mischlinge ersten Grades“ jedoch in unterschiedliche Kategorien eingeordnet: Sie galten nicht als „Mischlinge“, sondern als „Voll-Juden“, wenn sie der jüdischen Kultusgemeinde angehörten, mit einem Juden verheiratet waren oder nach 1935 einen Juden ehelichten. Für diese Gruppe von „Halbjuden“ wurde später der Begriff „Geltungsjude“ geprägt.

Wikipedia: Halbjude

https://de.wikipedia.org/wiki/Halbjude (Zugriff: 16.4.2020)

[16] Vgl. ÖSTA Vermögensverkehrsstelle Nr. 2383 / Akt zur Schenkung einer Haushälfte von Max Resch an Christine Fischa, S. 10 / Foto 7850 / 24.3.1939 (1 P 132/38)

[17] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 76

[18] Sicherheitsbescheid der Martha Resch und Reichsfluchtsteuerbescheid des Max Resch:

NÖLA, BH TU, Gruppe XI/5-429/1938: Sicherheitsbescheid

[19] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 76

[20] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 83

[21] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 84

[22a] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 77, 79, 80

[22b] Lt. Einantwortungsurkunde 838/ 52 im BG Klosterneuburg Abt. I vom 23. März 1951 zu Grundbuch Katastralgemeinde Weidling – KG-Nummer: 01706

Lenaug. 28, EZ 133, B-Blatt (Seite 80)

[23] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 80

[24] Susi memoirs, unveröffentlichte Memoiren der Enkelin von Max und Martha Resch, pdf, 2018, S. 66