3.2. Samek – Exkurs 4: Hedwig (Hede) Marienschek

 

Ansprüche von HEDWIG MARIENSCHEK an das „Deutsche Reich“ nach der Beschlagnahmeverfügung, betreffend die beiden Häuser von Dr. Oskar Samek [1]

 

Hedwig (Hede) Marienschek

 

 

Abb. S 20. Hede Marienschek – Mitgliedsbuch „Bühnenbund in der tschechoslovakischen Republik“,

Zulassungsschein vom „Ring der österreichischen Bühnenkünstler“ / Quelle: „Digitale Services der ÖNB“


1) Anmeldung einer Forderung auf das beschlagnahmte Vermögen

des Herrn Dr. Oskar Israel Samek

 

Am 22. April 1942 meldet Hedwig Marienschek, damals wohnhaft in Wien 20., Dammstr. 3/16, in einem anwaltschaftlichen[2] Schreiben an den Oberfinanzpräsidenten in Berlin ihre Forderung „auf das beschlagnahmte Vermögen des Herrn Dr. Oskar Israel Samek, derzeit New York“ an. [1]

 

Der Rechtsanwalt Dr. Oskar Israel S a m e k hatte in Wien nachstehenden Liegenschaftsbesitz:

1.)   Das Haus Wien XIV. Reindorfg. 18, E.Z.270 Fünfhaus,

2.)   Das Haus Wien X., Antonsplatz 16, E.Z. 2847 Favoriten,

      weiters hatte der Genannte noch 2 Grundstücke in Atzgersdorf (Wien) und Eisenstadt.

Dr. Samek ist im Herbst des Jahres 1938 nach Amerika ausgewandert und fällt daher unter die elfte Verordnung des RBG. Ich war mit dem Genannten jahrelang befreundet und wollte dieser, da ich als Sängerin nicht heiraten sondern mich der Künstlerlaufbahn widmen wollte, nach seiner Ausreise materiell unterstützen und sicherstellen. Zu diesem Zwecke beauftragte er seine Vermögensverwalterin Frau Antonia K i n d l, Wien, XIV., Reindorfgasse 18, mir monatlich aus den Erträgnissen der Liegenschaften einen Betrag von RM 200.- steuerfrei zukommen zu lassen. Bis heute habe ich nichts erhalten, da immer darauf hingewiesen wurde, dass in erster Linie die „Juva“ bezahlt werden müsse, um eine Beschlagnahme der Liegenschaften hintanzuhalten. Trotzdem die „Juva“ und alle anderen Steuern pünktlich und vollständig bezahlt wurden, wurde das Vermögen beschlagnahmt.

Ich melde daher die bisher aufgelaufene Forderung von RM 8.600.- (43 Monate a RM 200.-) und fortlaufend ab 1. Mai 1942 steuerfrei RM 200.-

Wien, am 22. April 1942

HMarienschek (eigenhändige Unterschrift)

 

2) Biografisches:

Hedwig Auguste Anna Marienschek wurde am 27. Juli 1902 in der Wallensteinstr. 57 geboren und am 3. August 1902 in der Pfarre Wien 20., St. Brigitta, getauft. [3]

Ihre Eltern Johann Marienschek, Fahrkartendrucker, geb. 16.12.1869 in der Pfarre Wien 05, St. Florian, und Johanna Sophie Wirth, geb. 30.03.1877 in der Pfarre Wien 02., St. Johann, schlossen am 25.02.1900 in der Pfarre St. Brigitta die Ehe. [4]

Ihre Adresse im Jahr 1942: Wien 20., Dammstr. 3/16 [1]

An derselben Adresse wohnte lt. Lehmann seit 1925 die Witwe Johanna Marienschek, eine BBBmt-Witwe. Johanna Marienschek ist am 30.9. 1946 im selben Grab wie später Hedwig bestattet worden. [5]

 

3) Ihre Beziehung zu Oskar Samek lässt sich in der Intensität kaum bestimmen:

In ihrem Antrag an den Oberfinanzpräsidenten in Berlin schreibt sie: „Ich war mit dem Genannten jahrelang befreundet“ bzw. dass sie selbst nicht heiraten wollte. Es ist keine Rede von einer Verlobung, sondern von einer völlig freiwilligen Förderung und Unterstützung durch Dr. Samek.

Zum Zeitraum der Freundschaft: „…und wollte dieser […] [zu ergänzen: mich] nach seiner Ausreise materiell unterstützen und sicherstellen.“ [1] Diese Formulierung lässt darauf schließen, dass die Freundschaft erst mit der Emigration Dr. Sameks im Jahr 1938 endete und jedenfalls nach der Beendigung der Beziehung mit Erna Fleck (1927) anzusetzen ist.

 

Eine Bekanntschaft von Oskar Samek und der Familie Marienschek hat es angeblich insofern gegeben, als Oskar Samek einer Verwandten Hedwigs, die ein kleines Handarbeitsgeschäft in der Alserstraße besaß, öfters in Rechtsangelegenheiten geholfen haben soll. [6]

 

Auch ein Gedicht [7], das Dr. Oskar Samek im Jahr 1953 an sie gerichtet haben soll, ist für die Bestimmung der Beziehung wenig hilfreich:

 

Die „Jungfrau“ naht mit schüchternen Geberden

Und dankt für der Rosen lieblichen Duft

Und hofft, dass Sie nicht etwa böse werden

wegen des unerwarteten politischen Duft!

Doch macht es nichts; es war doch schön der Schubert

Und auch der „Wonnemonat Mai“ gefiel,

Und wenn zum Schluss noch in Erscheinung trat der Hubert,

So müssen Sie verzeih’n: es war zuviel!

 

Mit Dank           Dr. Samek

3. Sept. 1953

 

Es soll hier nicht leichtfertig eine Interpretation versucht werden, sondern in erster Linie dieses Material präsentiert werden.

 

Allerdings sollen einige Fragen aufgeworfen werden:

.) Warum wird Hede Marienschek per „Sie“ angesprochen? Wurde das frühere DU-Wort zurückgenommen?

Im Jahr 1929 finden sich in ihrem Tagebuch Eintragungen, die auf eine große Vertrautheit mit Dr. Oskar Samek schließen lassen. Nur drei Beispiele:

13. März 1929: „Mit Oskar im Kaffee“

3. Juni 1929: „Oskar erzählt mir, daß sich viele Leute gegen Georg als Begleiter von Karl Kraus stellen…“

9. Juni 1929: „Mit Oskar zum Essen.“ [8]

 

.) Welcher „unerwartete politische Duft“ ist gemeint? Für wen „unerwartet“?

.) Wer ist Hubert? Ein neuer Bekannter? Etwa Georg Knepler? Oder handelt es sich gar um eine Umschreibung für eine unheilbringende politische Person und ihr System?

 

 

Abb. S 21a. Hede Marienschek, ca. 1955.

Quelle: „Digitale Services der ÖNB“

 

 

4) Georg Knepler und Hedi Marienschek:

 

a) Über die Bekanntschaft Georg Kneplers mit Dr. Oskar Samek und Hedi Marienschek

 

Im Jahr 1928 beendete der frühere Klavierbegleiter von Karl Kraus bei dessen „Vorlesungen“ bzw. bei den Offenbach-Operettenaufführungen, Dr. Otto Janowitz, ein Korrepetitor an der Wiener Staatsoper, auf Wunsch der Leitung des Opernhauses seine Zusammenarbeit mit Karl Kraus. In dieser Situation trat Dr. Oskar Samek an den 22-jährigen Musikstudenten Georg Knepler mit der Frage heran, ob er sich diese Aufgabe zutrauen würde.

Dieser erinnert sich Jahrzehnte später in seinem Buch „Karl Kraus liest Offenbach“ an seine Bedenken:

„…mein Klavierspiel war nicht schlecht – ich war damals Schüler von Eduard Scheuermann -, aber es gab bessere Pianisten als mich. Als Begleiter hatte ich zwar schon einige, aber bescheidene Erfahrung hauptsächlich mit angehenden Sängern, zu denen damals auch Hedi Marienschek gehörte, oder mit Amateurmusikern, zu denen Oskar Samek zählte. Er war ein leidenschaftlicher Sänger von Opernarien, bei denen ich ihn in Freundeskreisen öfter begleitete.“ [8]

 

Über einen gemeinsamen Auftritt von Hede Marienschek und Georg Knepler bei einer Konzertveranstaltung des Schriftstellers, Lyrikers und Komponisten Dr. Franz Marschner wird beispielsweise in der Neuen Freien Presse vom 4. Juni 1928 berichtet. [9]

 

 

In der Wienbibliothek findet man u. a. die folgende Ankündigung von Karl Kraus – Vorlesungen, bei der auch Georg Knepler als Klavierbegleiter angeführt ist:

 

 

Abb. S 21b. Ankündigung von Karl Kraus Vorlesungen.

Quelle: Wienbibliothek, Konvolutssignatur P-137.784, Datum: 1929


b) Über die Freundschaft Georg Kneplers mit Hedi Marienschek

 

Laut Aussagen im Familienkreis war Georg Knepler ihre große Liebe, doch kam es angeblich zu keiner festen Beziehung, weil Knepler damals schon verheiratet war.

Dass es sich aber um eine tiefere Freundschaft handelte, legen bestimmte Details in seinem Buch „Karl Kraus liest Offenbach“ nahe:

.) Das Buch ist Hedi Marienschek gewidmet: „Für Hedi Marienschek“

.) Knepler verwendet auf S. 11 die Formulierung „meine Freundin Hedi Marienschek“

.) Hedi hat sich bei ihren Tagebuchaufzeichnungen auf seine Person bzw. seine Proben- und Begleittätigkeit konzentriert: [8a]

 

„Ich hatte [als Quellen für das Buch „Karl Kraus liest Offenbach“, Anm. des Verfassers] ferner die Tagebuchaufzeichnungen zur Verfügung, die meine Freundin Hedi Marienschek damals Tag für Tag in Kurzschrift in ihre kleinen Taschenkalender eingetragen hatte. Nach vielen langen Jahren fand ich sie in der gleichen Wiener Wohnung wieder, in der sie damals gewohnt hatte, und sie besaß auch noch ihre Kalender und machte mir auf meine Bitte hin Auszüge daraus: alles, was sich auf Karl Kraus und meine Proben- und Begleittätigkeit für ihn bezieht.“

 

c) Lebensstationen Georg Kneplers (geb. 1906 in Wien, gest. 2003 in Berlin) [10]

 

 

 

Abb. S 21c. Georg Knepler (vorne), 1952

Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 183-14055-0002 / CC-BY-SA 3.0

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Knepler#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-14055-0002,_Berlin,_Beethoven-Ehrung.jpg (Zugriff: 20.7.2020)

 

  • ab 1928: Studienfächer Klavier, Dirigieren, Musikwissenschaft
  • 1931: Dissertation über Johannes Brahms
  • 1928 bis 1931: Klavierbegleiter von Karl Kraus bei dessen „Vorlesungen“ der Operetten von Offenbach; Auftritte u.a. in Wien, Berlin, Prag und München; außerdem Kapellmeister, Korrepetitor und Dirigent an der Wiener Volksoper und am Wiener Stadttheater
  • 1932/33 Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht und Hanns Eisler
  • 1933 Verbot jeder Tätigkeit in Deutschland, weil er Jude und Kommunist war, und Rückkehr nach Österreich
  • 1934: Verhaftung, im selben Jahr Emigration nach England; Entwicklung der eigenen Forschungsarbeit auf der Grundlage der Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels
  • 1946: Remigration nach Wien; Kulturreferent der KPÖ
  • 1950: Gründung der Deutschen Hochschule für Musik Berlin und Leitung als Rektor bis 1959
  • 1959 bis 1970 Leiter des Musikwissenschaftlichen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin; Ziel: Entwicklung einer marxistisch orientierten Lehre und Forschung als Gegenpol zur bürgerlichen Musikwissenschaft

 

 

5) Der weitere Lebensweg von Hedi Marienschek

 

Der ehrgeizige Wunsch von Oskar Sameks und Georg Kneplers Freundin, als Künstlerin Karriere zu machen, hat sich wohl nur zum Teil erfüllt. Immerhin findet man ihren Namen häufig in den Tageszeitungen zwischen 1925 und 1945. Hede Marienschek war sehr oft im Radio in der Konzertstunde um 17.30 Uhr, der Konzertakademie um 16.05 Uhr oder am Vormittag um 10.50 Uhr zu hören.

Um 1930 wurde sie oft als Opernsängerin bezeichnet, zu ihrem Repertoire gehörten auch Stücke aus Operetten, es gibt aber auch die Beschreibung „Konzertsängerin“ oder einfach nach der Stimmgattung: „Sopran“.

1940 wird sie im „Völkischen Beobachter“ ob ihrer Koloraturen gelobt. [11]

Am Programmzettel eines Konzertes vom 20. Mai 1941 im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses wird deutlich, dass sie an Veranstaltungen mitwirkte, an denen auch MusikerInnen teilnahmen, denen zumindest eine gewisse Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut nachgesagt werden muss. Neben Hede Marienschek (Sopran), dem Chor des Wiener Schubertbundes und dem Waldhornquartett der Wiener Symphoniker nahm an diesem Konzert mit dem Titel „Auf Wanderschaft“ u. a. auch der Kreischor der NS.-Frauenschaft des Kreises III teil. [12]

 

Von ihrer einstigen Bekanntheit und Beliebtheit als Künstlerin war später selbst innerhalb der Familie nicht viel bekannt.

Ein Neffe hat in Erinnerung, dass sie später eine Stelle im Dorotheum annahm, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und dass sie sich in den letzten Lebensmonaten stark von der Realität abschottete.

Hedwig Marienschek starb am 15.3.1986. [13]

Sie wurde am 26.03.1986 auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet. [5]

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[1] ÖSTA, KT 1076, Registratur 18349 / P6g/ 1, Anmeldung einer Forderung auf das beschlagnahmte Vermögen von Dr. Oskar Samek IMG 7880ff.

[2] Hedwig Marienschek wurde von der Rechtsanwältin Dr. Elsa Oettl, Verteidigerin in Strafsachen, Wien I., Tuchlauben 4, vertreten.

[3] Hedwig Marienschek – Geburt 27.7.1902, Taufe 3.8.1902

Matricula online, Erzdiözese Wien, Pfarre Wien 20., St. Brigitta, Taufbuch 01-28b, Fol. 475, 02-Taufe_0046

https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/20-st-brigitta/01-28b/?pg=48 (Zugriff: 26.3.2020)

[4] Trauung Johann Marienschek – Johanna Sophie Wirth 25.2.1900

Angaben lt. Matricula Online, Erzdiözese Wien, Pfarre Wien 20., St. Brigitta, Taufbuch 01-28b, Fol. 475, Aufnahme 02-Taufe_0046

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/20-st-brigitta/01-28b/?pg=48 (Zugriff: 26.3.2020)

[5] lt. Verstorbenensuche Wien: Zentralfriedhof Gruppe 175/ Reihe 11/ Nummer 8

https://www.friedhoefewien.at/grabsuche_de

[6] Auskunft eines Mitglieds der Familie Marienschek

[7] Gedicht von Dr. Oskar Samek an Hede Marienschek. Quelle: „Digitale Services der ÖNB“

[8] Georg Knepler, Karl Kraus liest Offenbach: Erinnerungen, Kommentare, Dokumentationen. Berlin 1984, S. 219

[8a] Georg Knepler, Karl Kraus liest Offenbach: Erinnerungen, Kommentare, Dokumentationen. Berlin 1984, S. 11

[9] ANNO, Zeitschriftensuche, Neue Freie Presse, 4. Juni 1928, S. 6

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=19280604&query=text:%22Marienschek%22&ref=anno-search&seite=6 (Zugriff: 19.7.2020)

[10] Wikipedia: Georg Knepler

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Knepler (Zugriff: 20.7.2020)

[11] Völkischer Beobachter vom 21. 11.1940, S. 6

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=vob&datum=19401121&query=text:%22Marienschek%22&ref=anno-search&seite=6 (Zugriff: 20.7.2020)

[12] S. Wiener Konzerthaus / Programm & Karten vom 20.05.1941

https://konzerthaus.at/konzert/eventid/12926 (Zugriff: 20.7.2020)

[13] Lt. Anmerkung in der Taufeintragung [3]