3.2. Samek – Exkurs 3: Erna Fleck

 

Ansprüche von ERNA FLECK an das „Deutsche Reich“ nach der Beschlagnahme-verfügung, betreffend die beiden Häuser von Dr. Oskar Samek [1]

 

 

Erna Fleck erhebt wegen des Vermögensverfalls von Dr. Oskar Samek Zahlungsansprüche an das „Deutsche Reich“

 

Der Antrag

 

Am 28. Jänner 1942 erfolgt durch Frl. Erna Fleck die Anmeldung einer monatlichen Rente von RM 200.-, der Antrag wird durch den Rechtsanwalt Dr. Konrad Zembaty an das Oberfinanzpräsidium in Berlin C 2, Münzstraße 12 gerichtet.

 

Die Begründung für ihre Forderung erfolgt in den Punkten 2 und 3 ihres Antrages:

 

2) Ich habe den Genannten im März 1919 kennengelernt, er hat mir die Ehe versprochen, mich überall als seine Braut vorgestellt, sodass ich mich ihm noch im selben Jahre hingegeben habe; die beabsichtigte Eheschliessung scheiterte aber an dem unbeugsamen Widerstande seiner seither verstorbenen Mutter.

 

3) Im Jahre 1927 wurde das Verhältnis gelöst und hat mir Dr. Oskar (Israel) S a m e k zwecks Vermeidung seiner strafgerichtlichen Verfolgung gem. § 506 St. G. aus dem Titel der Verführung unter Zusage der Ehe und eines Zivilrechtsstreites aus dem Titel des § 1328 a.b.G.B., Entschädigung wegen der angetanen Verführung, aus seinem unter Zahl 1.) angeführten Hausbesitz eine monatliche fortlaufende im vorhinein fällige Rente von S. 200.- bis 230.- ausgesetzt, wobei er noch sonstige Leistungen, wie Ärzterechnungen etc. aus eigenen Mitteln bezahlte.

 

Unter Zahl 1.) werden die beiden Häuser in Wien 15., Reindorfgasse 18, und Wien 10., Antonsplatz 16, angeführt.

Unter Zahl 4.) argumentiert sie, dass infolge der Beschlagnahmeverfügung der GESTAPO nun keine Renten mehr ausbezahlt würden.

Unter Zahl 5.) wird als Begründung für ihre Ansprüche zusätzlich verminderte Heiratsfähigkeit angeführt.

Außerdem wird das „Deutsche Reich“ in sehr selbstbewusster Art und Weise an seine Verpflichtungen erinnert:

 

Das Deutsche Reich haftet für die Schulden eines Juden, dessen Vermögen dem Reiche verfällt, bis zur Höhe des Verkaufswertes.

Da die beiden Häuser einen monatlichen Mietzinseingang von RM 770.- bis 800.- aufweisen, ist mein Rentenanspruch vollauf gedeckt.

 

Der abschließende Passus unter Zahl 6.) wirkt noch offensiver:

6.) Demzufolge bitte ich gem. § 7/2 der 11. VO. Zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941, R.G.Bl.I, S. 722 vorliegende

ANMELDUNG DER FORTLAUFENDEN MONATSRENTE VON RM 200.—

Zur Kenntnis nehmen zu wollen und stelle überdies die B I T T E

I.             zur Sicherung meiner Rentenforderung den Rentenanspruch ob den genannten Liegenschaften grundbücherlich sicherstellen lassen zu wollen

II.            die zuständige Behörde (gegenwärtig die Grundstückverwalterin Frau Antonia K i n d l in Wien, XV., Reindorfgasse Nr. 18) anzuweisen, mir die Rente von RM 200.- monatlich im vorhinein spätestens am 6. Des Fälligkeitsmonates bis zu meinem Lebensende zur Auszahlung zu bringen.

Wien, am 29. Jänner 1942                                               Erna Fleck eh.

 

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An den eigentlichen Antrag schlossen Erna Fleck und ihr Anwalt DREI BEILAGEN („Informationen“ genannt):

 

.) Beilage A = Aussage von Erna Fleck am 28. Jänner 1942 vor dem RA

 

Die meisten Passagen sind inhaltlich ähnlich wie im eigentlichen Antrag, es gibt aber einige Informationen, die sich vom eigentlichen Antrag etwas unterscheiden:

 

2) Im März 1919 habe ich den damaligen Rechtsanwalt in Wien, Dr. Oskar Samek kennengelernt, im Laufe des Jahres 1919 verdichtete sich diese Bekanntschaft zu einem intimen Verhältnis und schliesslich haben wir uns verlobt, sodass ich von Dr. S a m e k überall als seine Braut vorgestellt wurde und mich auch als dessen Braut gerierte.

3) Eine Eheschliessung scheiterte am Widerstande seiner Mutter und im Jahre 1927 gelangte das Verhältnis in der Form zur Auflösung, dass mir Dr. SAMEK aus seinen Häusern eine Rente von monatlich S 230.- zugestand, wobei er mir die verschiedenen sonstigen Rechnungen, wie Zahnarzt, Ärzterechnungen u.s.w. abgesondert bezahlte.

 

4) Nach dem Umbruche versprach mir Dr. SAMEK, dass aus seinem Vermögen an mich eine fortlaufende Entschädigungsrente von monatlich RM 200.- zu zahlen sei.

Beweis dessen Frau Antonia K i n d l, beh. konz. Gebäudeverwaltung in Wien XV., Reindorfgasse 18.

Ich erhebe daher Anspruch auf Zahlung der fortlaufenden Rente von RM 200.- monatlich aus den Zinserträgnissen der Herrn Dr. Oskar Israel Samek gehörigen Häuser in Wien, XV., Reindorfgasse 18 und Wien, X., Antonsplatz 16 (Gdb. E.Z. 270 Kat. Gem. Rudolfsheim und E.Z. 2847 Kat. Gem. Favoriten)

Erna Fleck (eigenhändige Unterschrift)

 

.) Beilage B = Aussage von Antonia Kindl und Erna Fleck am 12. Jänner 1942 vor dem RA samt Angaben über den Ertrag der Häuser durch die Hausverwalterin

 

Aus der Aussage der „Zeugin“ Antonia Kindl:

In Punkt 1) ihrer „Information“ weist sie auf ihre Tätigkeit als Kanzleileiterin (seit 1927) bei Dr. Oskar Samek, später als Hausverwalterin hin. [2]

In Punkt 2) gibt sie Auskunft über den Hausbesitz von Dr. Oskar Samek in Wien.

 

Punkt 3) Schon vor dem Umbruche hat Dr. Oskar SAMEK an Frl. Erna Fleck monatlich 200.- S manchmal 230.- S fortlaufend zur Auszahlung gebracht und habe ich diese Beträge oft selbst an Frl. FLECK gegeben, grösstenteils hat sie seine Wirtschafterin, Frau Franziska F r i t s c h , Wien XV., Reindorfg. 18 an Frau FLECK übermittelt und zwar aus dem folgenden mir von Dr. Oskar Israel SAMEK bekanntgegebenen Rechtsgrunde:

Frl. Erna FLECK war die Verlobte des Dr. Oskar Israel SAMEK; als die Verlobung auseinanderging hat er sich zu einer fortlaufenden Unterhaltsleistung an Frl. FLECK verpflichtet und mir auch als er am 18. Sept. 1938 Wien verliess den ausdrücklichen mündlichen Auftrag erteilt, aus der Verwaltung seiner beiden obgenannten Häuser und aus seinem sonstigen Vermögen an Frl. Erna FLECK monatlich 200.- RM fortlaufend zur Auszahlung zu bringen.

 

Im folgenden Punkt weist sie auf Schwierigkeiten bei der Auszahlung der Rente bzw. auf große finanzielle Probleme durch die JUVA (= Judenvermögensabgabe) hin:

Punkt 4) In der Folgenzeit habe ich am 29. Dez. 1938 bei der Devisenstelle Wien zu Sachgeb. 30/Hu/B, Nr. 14601, Akte: Allg. S 249 um Auszahlung eines Teilbetrages von RM 57.- angesucht; es wurde mir auch die Genehmigung erteilt und habe ich diesen Betrag an Frl. Erna FLECK ausbezahlt.

            Späterhin konnte ich nichts zur Auszahlung bringen, weil eine Judenvermögensabgabe von RM 18.000.-- vorgeschrieben wurde und vom Creditverein der Zentralsparkasss der Gem. Wien der Credit von RM 7.000.-- auf dem Hause Wien, X., Antonsplatz 16 gekündigt wurde, sodass ich zwecks Vermeidung der drohenden Versteigerung der beiden Häuser die Zahlungen einstweilen eingestellt habe.

            Ich konnte auch an die Devisenstelle nicht herantreten, weil die Juva offen war und ich daher die steuerliche Unbedenklichkeit für Dr. Oskar Israel SAMEK nicht beibringen konnte.

Auch heute ist noch die Juva nicht ganz abgezahlt; es haften ca 4.000.—RM aus, während der Creditverein zur Gänze ausbezahlt ist.

            Nach Abstattung der restlichen Juva hätte ich auftragsgemäss die fortlaufenden Zahlungen an Frl. Erna FLECK wieder aufgenommen. [1]

 

.) Beilage C = Aussage von Franziska Fritsch am 14. Jänner 1942 vor dem RA

Ich war seit dem Jahre 1925 – 1938 Wirtschafterin bei dem ledigen vorm. Rechtsanwalt Dr. Oskar Israel S a m e k .

Er gab mir glaublich schon seit dem Jahre 1926 monatlich 200 – 230.- S, die ich dem Frl. Erna F l e c k in Wien, XV., Grenzgasse 5 zu übergeben hatte.

Ich weiss mich zu erinnern, dass, wenn nicht ich diese Beträge an die Genannte überbrachte, sie der Doktor selbst oder auch hie und da Frau Antonia K i n d l gezahlt hat. Aus welchem Grunde diese Zahlungen erfolgten, weiss ich wohl nicht; ich vermutete aber, dass es sich um eine Entschädigung handle, weil Dr. Oskar Israel S a m e k dem Frl. Erna F l e c k die Ehe versprochen haben soll, deren Abschliessung jedoch unterblieben ist. [1]

 

Biografisches:

In der Beilage C zum Antrag gibt Erna Fleck an persönlichen Daten unter Punkt 1) Folgendes an:

Erna Fleck, geb. am 29. November 1895 in Sigless, Bezirk Mattersburg, N.D., röm. kath., ledig, Vollarierin.

In der Information der Franziska Fritsch wird als Ernas Wohnadresse Wien XV., Grenzgasse 5, genannt.

 

Grenzgasse 5:

1915 bis 1919 wohnte in der Grenzg. 5 lt. Lehmann der Stuckateur Josef Fleck. [3]

 

Er starb am 13. 4. 1919 75-jährig. [4]

 

 

 

 

 

Ernas Bruder Joseph Fleck,

ein erfolgreicher und bekannter Maler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. S 19b. Joseph Fleck, ca. 1945.

Englischsprachige Wikipedia.

GNU Free Documentation License / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Joseph_Fleck

(Zugriff: 13.7.2020)

 

An der Adresse Grenzg. 5 ist im Jahr 1920 ein Josef Fleck, akademischer Maler, nachweisbar, ein Bruder der Erna, der sein Atelier in Wien XII., Grünbergstr. 23 hatte. [5]

Er wanderte im Jahr 1922 mit 29 Jahren in die USA aus. Einwanderungsdaten:

Josef Fleck, 29 J., ledig, geb. 1893, „artist painter“, Einwanderung am 9.6.1922 in Ellis Island, New York, Abfahrtshafen: Hamburg, Schiffsname: Reliance, Kontaktperson in Wien: Mutter Barbara Fleck, Wien 14., Grenzgasse 5, Ziel: Mo., Kansas City, Kontaktperson: Onkel Robert Ulrich [6]

 

Es handelt sich um einen älteren Bruder Ernas, über den folgende Daten bekannt sind:

Joseph A. Fleck, geb. 25.8.1892 Sigleß (Burgenland), gest. 6.4.1977 Pleasanton (Kalifornien); „Studium an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Anschließend freischaffend als Landschafts-, Portrait- und Genremaler tätig. Emigration nach Amerika, wo er in Houston, Texas, und Taos, New Mexico, arbeitete." [7]

 

 

Vgl. auch die Angaben in der englischsprachigen Wikipedia [8]

Über die Eingabe „Josef Fleck artist painter“ gelangt man zu zahlreichen Seiten, die Bilder von Josef Fleck zeigen.

 

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Im Jahr 1921/22, 1923 und 1924 wohnte lt. Lehmann Barbara Fleck, Stukkateurgew(erbe) an der Adresse Grenzg. 5. Es handelt sich offenbar um Erna Flecks Mutter bzw. die Witwe nach dem Stuckateur Josef Fleck, die nach dem Tod ihres Mannes den Betrieb noch einige Jahre weiterführte.

Barbara Fleck ist auch im Lehmann, Branchenverzeichnis, unter „Stukkaturer“ eingetragen.

In den Lehmann-Verzeichnissen von 1925 fehlt Barbara Fleck bereits.

Am 21.1.1928 starb an der Adresse Grenzg. 5 die Witwe Barbara Fleck, geb. Reisner, mit 72 Jahren. [9]

 

Eine Ernestine Fleck, Beamtin, XIV., Grenzg. 5 ist im Lehmann erst ab dem Jahr 1931 nachweisbar. [10]

 

Im letzten Lehmann-Adressbuch von 1942 wird Ernestine Fleck, Beamtin, an der Adresse Wien XV., Grenzgasse 5, noch immer als Haushaltsvorstand geführt. [11] Auch im Herold-Adressbuch von 1949 scheint sie noch an dieser Adresse auf.

 

Das Ende der Beziehung von Erna Fleck zu Dr. Samek wird allerdings bereits mit ca. 1926 datiert und ausdrücklich mit dieser Adresse verbunden. 

Das Haus, das heute die Adresse Grenzgasse 5 hat, wurde erst nach 1945 erbaut.

 

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[1] ÖSTA, KT 1076, Registratur 18349 / P6g/ 1, Akt 0-5300-G-384,

Anmeldung einer monatlichen Rente von RM 200.- durch Frl. Anna Fleck IMG 7871 - 7878

[2] Vgl. Kapitel 3.2. Samek – Exkurs Antonia Kindl

[3] Lehmann Adressbuch von Wien, Einwohnerverzeichnis 1915

https://www.digital.wienbibliothek.at/periodical/zoom/148029?zoom=2&lat=1600&lon=1000&layers=B (Zugriff: 12.4.2020)

[4] Sterbeeintragung Josef Fleck, 13.4.1919

Matricula Online, Erzdiözese Wien, Pfarre Wien 15., Reindorf, Sterbebuch 03-64, Fol. 39, 02-Tod_0039

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/15-reindorf/03-64/?pg=41 (Zugriff: 12.4.2020)

[5] Lehmann Adressbuch von Wien, Einwohnerverzeichnis 1920

https://www.digital.wienbibliothek.at/periodical/zoom/165383?zoom=3&lat=879.41489&lon=1380.44415&layers=B (Zugriff: 12.4.2020)

[6] Immigration Josef Fleck 1922

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:3Q9M-C95R-895B-Y?i=179&cc=1368704&personaUrl=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3AJN2T-HM2 (Zugriff: 12.4.2020)

"New York Passenger Arrival Lists (Ellis Island), 1892-1924," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:3Q9M-C95R-895B-Y?cc=1368704&wc=4XCB-N15%3A1600362389 : 26 January 2018), Roll 3125, vol 7133-7135, 9 Jun-12 Jun 1922 > image 180 of 1074; citing NARA microfilm publication T715 and M237 (Washington D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.).

[7] Siehe: Reiter, Cornelia (Bearb.)/ Koja, Stephan (Bearb.)/ Márkus, Hella (Bearb.): Kunst des 20. Jahrhunderts. Bestandskatalog der Österreichischen Galerie des 20. Jahrhunderts, Bd. 1: A–F, hrsg. v. d. Österreichischen Galerie Belvedere, Wien 1993, S. 226

[8] https://en.wikipedia.org/wiki/Joseph_Fleck (Zugriff: 13.7.2020)

[9] Sterbeeintragung Barbara Fleck, 21.1.1928

Matricula Online, Erzdiözese Wien, Pfarre Wien 15., Reindorf, Sterbebuch 03-68, Fol. 3, 03-Tod_0003

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/15-reindorf/03-68/?pg=38 (Zugriff: 12.4.2020)

[10] Lehmann Adressbuch von Wien, Einwohnerverzeichnis 1931

https://www.digital.wienbibliothek.at/periodical/zoom/301341?zoom=3&lat=679.48271&lon=702.68826&layers=B (Zugriff: 12.4.2020)

[11] Lehmann Adressbuch von Wien, Einwohnerverzeichnis 1942

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/zoom/279595?zoom=2&lat=1.28&lon=1017.92&layers=B (Zugriff: 12.4.2020)