3.2. Samek – Exkurs 1: Karl Kraus

 

 

Abb. S 12. Karl Kraus (1920)

Wienbibliothek, Handschriftensammlung, H.I.N.-235404,

Bildrechte: CC BY-NC-ND 4.0

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Datei:Karlkraus.jpg (Zugriff: 12.7.2020)

 

 

Dr. Oskar Samek als Freund, Bewunderer und Mitstreiter von Karl Kraus und als Bewahrer seines Nachlasses

 

Der Schriftsteller Karl Kraus war prägend für Oskar Sameks Leben.

Selbstverständlich kann im Rahmen dieses kleinen Exkurses keine umfassende Darstellung gegeben werden, aber auf der Suche in verschiedenen Quellen bezüglich Dr. Oskar Samek ist der Autor auf einige Aufzeichnungen gestoßen, die das Verhältnis zwischen dem Rechts-anwalt und dem Schriftsteller und Kritiker verdeutlichen. 

 

Karl Kraus als Schauspieler in Rudolfsheim:

 

Es handelt sich zwar nur um einen zufälligen Berührungspunkt, aber im Jahr 1892 trat Karl Kraus in Oskar Sameks Heimatort Rudolfsheim in „Schwenders Kolosseum“, einem Vergnügungsetablissement, in dem auch das Volkstheater Rudolfsheim untergebracht war, gemeinsam mit Max Reinhardt auf. Aus den folgenden Zeilen von Karl Kraus geht einer-seits hervor, dass er zu Reinhardt keine gute Beziehung hatte, andererseits dass sein Debüt nicht gerade erfolgreich war:

Ich bekam, ohne Schauspielunterricht genossen zu haben, Gelegenheit, als Franz Moor in einer Aufführung der „Räuber“ zu gastieren, in der er [Reinhardt; Verf.] den Spiegelberg darzustellen hatte. Er machte (woraus sich dem Psychologen meine Abneigung erklären wird) zweifellos günstigere Wirkung, und ich wäre […] vielleicht auch dann durchgefallen, wenn mich nicht gleich beim Aufgehn des Vorhangs ein zu weites Kostüm nebst zu weiter Perücke dem Gelächter der anwesenden Freunde preisgegeben hätte [...] [1]

 

Dr. Oskar Samek erlebte den Misserfolg sicher nicht mit, obwohl sein Wohnhaus Reindorfgasse 18 nur ca. fünf Minuten von Schwenders Kolosseum entfernt war – der spätere Rechtsanwalt war damals erst ca. 3 Jahre alt.

 

Prozesse und andere Kämpfe um das Recht

 

Bei den zahlreichen Prozessen, die Samek für Karl Kraus führte, war eine intensive Zusammenarbeit nötig. Voraussetzung für diese streitbare Haltung war aber die gleiche Motivation. Ihr Ziel: Kritikfähigkeit auch in Kleinigkeiten und Details sowie scheinbaren Banalitäten und Kampf gegen Willkür und Parteilichkeit der Presse.

 

Diese Grundhaltung und dieses Kämpfen um des Prinzips willen veranlasste Dr. Oskar Samek ja auch, bis zum Tod bezüglich der Liegenschaft in Eisenstadt gegen verschiedene vermeintliche Ungerechtigkeiten zu kämpfen.

Dieses Grundstück hatte keinen großen Wert. Hier konnte er es sich – im Gegensatz zu den anderen drei Liegenschaften, die noch zu Lebzeiten verkauft wurden – leisten, auf den raschen Abschluss einer Restitution zu verzichten. Er konnte aber auch zeigen, dass er insgesamt mit der Restitution nicht zufrieden war. [2]

 

Dr. Oskar Samek als Testamentsvollstrecker, Nachlassverwalter und Erbe

 

Karl Kraus und Dr. Oskar Samek schätzten einander sehr. Dies äußerte sich auch darin, dass Karl Kraus Dr. Oskar Samek bat, sein Testament zu vollstrecken. [3]

Als „Begünstigter“ des Testaments wurde Dr. Samek an zwei Stellen genannt:

1) „Die Bücher sollen zur Hälfte Dr. Oskar Samek gehören (…)“

2) „Was rechts im Schreibtisch (mit Ausnahme von sonstigen Briefen, also hauptsächlich Briefe von Frauen) möge gf. Dr. SAMEK an sich nehmen und nach Gutdünken behandeln.“ [4]

 

Im Testament war eine differenzierte Zuteilung an zahlreiche Personen (vor allem viele Verwandte) vorgesehen.

 

Ein Dokument vom 12.12.1942 im Akt der Vermögensanmeldung von Dr. Oskar Samek im Österreichischen Staatsarchiv stand aber in deutlichem Widerspruch zu der Aufteilung im Testament. Darin wurde belegt, dass Dr. Oskar Samek einer der beiden Erben von Karl Kraus war: [5]

 

Beschluss

 

Nach dem am 12.6.1936 verstorbenen Karl K r a u s wurde vom gefertigten Gerichte die Verlassenschaftsabhandlung durchgeführt. Die Verlassenschaft wurde mit Einantwortungsurkunde vom 1.9.1938 den nachbenannten Erben je zur Hälfte eingeantwortet und zwar:

 

Professor Dr. Karl Jaray, Wien, III., Langackergasse 22

Dr. Oskar S a m e k , Rechtsanwalt in Wien, XIV., Reindorfgasse Nr. 18.

            Die Geheime Staatspolizei-Staatspolizeileitstelle Wien hat mit G.Z.B. 712/D-II P 1 den Nachlaß des verstorbenen Schriftstellers Karl K r a u s sichergestellt und zu Gunsten von Steuern und anderen Verbindlichkeiten versteigert. Der Erlös von RM 1.010.52 wurde laut Mitteilung der Geheimen Staatspolizei der Gerichtskasse überwiesen und von derselben unter der G.Z. III Vw.B I/2 No. 880 überwiesen.

            Von den (sic!) in der Gerichtskasse erlegten Betrag gebühren den vorgenannten Erben je die Hälfte, somit je … RM. 505.26.

 

Aus der Verlassenschaftsabhandlung im WStLA bzw. dem Beschluss vom 5.3.1937 geht jedoch hervor, dass die von Oskar Samek genannten Erben ihr Erbrecht in der Übertragserklärung vom 27.11.1936 (dieses Dokument ist leider verschollen) je zur Hälfte an Dr. Oskar Samek und Dr. Karl Jaray übertragen haben. [6]

 

 

 

Abb. S 13. WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8575 Beschluss, Übertragung des Erbrechts v. 5.3.1937, Fol. 8

 

Die Übertragung des Erbrechts wird auch durch die später zum Akt hin-zugefügte Einantwortungs-urkunde vom 1. September 1938 bestätigt. [7]

 

 

 

Dr. Karl Jaray [7a]

 

 

 

 

 

 

 

Abb. S 14. Karl Jaray (1848 – 1947), um 1925.

https://en.wikipedia.org/wiki/Public_domain (Zugriff: 12.7.2020)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karl_Jaray_(1878-1947).jpg

 

(Zugriff: 12.7.2020)

 

 

Einige Lebensstationen von Karl Jaray

 

·        geb. 14.3.1878 in Wien; Glaubensbekenntnis: Mosaisch, später Konversion zum röm.-kath. Glauben

·        1895-1901: Technische Hochschule Wien

·        1902: Deutsche Technische Hochschule in Prag, Promotion zum Dr. tech.

·        1904: Habilitation an der Deutschen Technischen Hochschule in Prag

·        1901: Bauassistent bei den k.k. Staatsbahnen in Villach

·        1901 – 1908: Lehrtätigkeiten als Assistent und Dozent an der deutschen Technischen Hochschule Prag

·        1913 – 1918: a.o. Prof für Bauökonomie an der dt. TH Prag

·        1918 – 1925: o. Prof. für Enzyklopädie des Hochbaus an der dt. TH Prag

·        ab 1925: freiberuflicher Architekt in Wien

·        1938: Emigration nach Prag

·        1939 – 1943: in London

·        1943 – 1947: Architekt in Buenos Aires

·        + 29.11.1947 in Buenos Aires

 

 

Wohnung von Karl Kraus

 

„Kraus' Wohnung in der Lothringerstraße 6, wo er seit 1912 gelebt hatte, wurde aufgelöst. Sein Nachlassverwalter Oskar Samek baute Kraus' Arbeitszimmer in einer ehemaligen Tischlerwerkstätte (15., Reindorf-gasse 18) originalgetreu auf. 1938 wurde es von der SA wahrscheinlich vernichtet. Dennoch konnte Kraus' literarisches und publizistisches Vermächtnis zu großen Teilen gerettet werden. Freunde wie Helene Kann, die schon zu seinen Lebzeiten Kraus' Handschriften archiviert hatte, und sein Anwalt Oskar Samek nahmen Teile des Nachlasses mit ins Exil in die Schweiz, nach Schweden und in die USA. Nach 1945 kamen die einzelnen Bestandteile des heutigen Kraus-Archivs im Abstand von über fünf Jahrzehnten wieder nach Wien zurück und befinden sich nun in der Wienbibliothek im Rathaus.“ [8]

 

Einige Dokumente und andere Informationen über den Nachlass von Karl Kraus

 

a) „Firma“ von Karl Kraus, Die Fackel

 

Am 10. Oktober 1913 wurde vom Handelsgericht Wien die Eintragung einer Einzelfirma in das Register Abt. A vorgenommen: [9]

Geschäftszahl Firm. 13087 / RgA XXVII, 34/2

Sitz der Firma: Wien, III. Hintere Zollamtsstrasse Nr. 3

Firmawortlaut: „Die Fackel“ Herausgeber Karl Kraus

Inhaber: Karl Kraus, Herausgeber der Zeitschrift „Die Fackel“ in Wien

 

Es ist dem Autor bewusst, dass die folgende zeitliche Aufstellung über die Firma „Die Fackel“ nach dem Tod von Karl Kraus für die meisten Leser nicht sehr interessant ist, aber möglicherweise beinhaltet sie hilfreiche Informationen für Karl Kraus – oder Oskar Samek – Spezialisten.

 

 

Am 3. Juli 1937 stellen die beiden erbserklärten Empfänger der Verlassenschaft, Prof. Dr. Karl Jaray, Wien, XIX., Langackergasse 22, und Dr. Oskar Samek, Rechtsanwalt, in Wien XIV., Reindorfgasse 18, beim Handelsgericht einen Antrag, der auszugsweise wiedergegeben werden soll: [10]

 

 

Abb. S 15. Antrag auf Änderungen einer Firma vom 3.7.1937 beim Handelsgericht Wien - IMG 8580

 

„Die Fackel“ wird im handschriftlichen Testament von Karl Kraus eigentlich nicht ausdrücklich als Firma genannt, vom Handelsgericht allerdings schon.

Mit der Verwaltung dieses Teils der Verlassenschaft wurde jedenfalls Dr. Oskar Samek betraut.

 

Am 10.8.1937 wurden vom Handelsgericht die „Änderungen einer Firma“ eingetragen: [11]

Der Inhaber Karl K r a u s gestorben. (sic!)

Bis auf weiteres wird die Firma von Dr. Oskar Samek, Rechtsanwalt in Wien, vertreten und durch Beisetzung seiner Unterschrift unter den Firmenwortlaut gezeichnet.

 

Am 1.7.1938 wird dem Handelsgericht vom Bezirksgericht Margarethen Folgendes mitgeteilt: [12]

Auf die dg. Anfrage vom 21.6.1938 GZ. Reg. A 27/34/4 wird mitgeteilt, dass die Verlassenschaft nach Karl Kraus noch nicht beendet ist, da die Bezahlung der Erbgebühren noch aushaftet.

 

Einantwortungsurkunde vom 1. September 1938 / Auszug: [13]

2 A 694/36/17

Einantwortungsurkunde.

Der Nachlass des am 12. 6. 1936 mit Hinterlassung einer letztwilligen Anordnung verstorbenen Schriftstellers Karl Kraus, zuletzt Wien 4., Lothringerstrasse 6/2 wohnhaft gewesen, wird auf Grund des Gesetzes und des Notariatsaktes vom 27. 11. 1936 den nachbenannten Personen, die sich ohne die Rechtswohltat des Inventars zu Erben erklärt haben und zwar

1/ Prof. Dr. Karl Jaray Wien 19. Langackergasse 22

2/ Dr. Oskar Samek, RA. Wien 14. Reindorfgasse 18

eingeantwortet.

Amtsgericht Margarethen Abt.2,

Wien, am 1.9.1938.

 

Beschluss des Handelsgerichts Wien, Abt. 8 vom 8. September 1938 / Anmeldung zum Handelsregister [14]

Firma: „Die Fackel Herausgeber Karl Kraus.

Mit Bezug auf die Einantwortungsurdkunde (sic!) des Bezirksgerichtes Margareten – Wien vom 1/9.1938, 2 A 694/36-17 werden die Erben Herren:

1/ Prof. Dr. Karl J a r a y , Wien 19., Langackergasse 22,

2/ Dr. Oskar Samek, RA. Wien XIV., Reindorfgasse 18, aufgefordert, die Herstellung der Registerordnung in Ansehung des verstorbenen Inhabers Karl K r a u s mittels notariell beglaubigten Gesuches zum Handelsregister anzumelden.

 

Darunter wurde eine handschriftliche Anmerkung eines Beamten vom 27.9.1938 festgehalten – Inhalt: [14]

(…) Frau Antonia Fantner, 14. Reindorfgasse 18 (…) Kanzleileiterin von Hr. Dr. Oskar Samek RA in Wien (…) gibt bekannt, dass die Fa. nicht mehr besteht; Prof. Jaray ist unbekannt (…) im(?) Ausland (Tschechoslowakei?) während Dr. Samek sich auf der Fahrt nach Amerika befindet und voraussichtlich nicht mehr zurückkehren wird.

Wien(?) 27./ 9.38

Unterschrift: „Antonia Fantner“

 

5. Oktober 1938: Information an das Handelsgericht über Flucht Professor Jarays und Beschlagnahme der Literatur: [15]

Prof. Jaray ist seit 14. März l.J. geflüchtet. Sein Büro wird unter der kommissarischen Verwaltung des SS-Sturmbannführers Max P l o b n e r liquidiert. Die literatur des Prof. Jaray, im besonderen „die Fackel“ von Karl Kraus befindet sich noch im Hause, Langackergasse 22, ist jedoch von der Gestapo beschlagnahmt.

Die Unterschrift des kommissarischen Verwalters

(Stempel darunter: Verwalter auf Grund des Gesetzes über die Bestellung von kommissarischen Verwaltern und kommissarischen Überwachungspersonen, Gesetzblatt 80/38)

 

Diese Information erfolgt auf dem Firmenpapier oder Briefpapier von Prof. Jaray mit folgendem Briefkopf:

PROF. DR. TECH. KARL JARAY

ARCHITEKT WIEN

XIX, LANGACKERGASSE 22, TEL. B-11-0-39

 

10. Oktober 1938: Anfrage des Handelsgerichts an die Bezirkshauptmannschaft Landstraße, bezüglich der Firma „Die Fackel“ Herausgeber Karl Kraus, Inhaber: Karl Kraus (verstorben), „ob der Betrieb an der gemeldeten Adresse noch aufrecht geführt wird, bezw. seit wann der Betrieb eingestellt ist. [16]

 

Diese Anfrage wurde am 25.10.1938 von der Bezirkshauptmannschaft Landstraße ohne den Zusatz, dass Karl Kraus bereits verstorben war, an das Marktamt weitergeleitet und am 8.11.1938 folgendermaßen beantwortet:

Seit 11. März 1938 eingestellt. Nach Auskunft des Portiers war im Hause 3. Hintere Zollamtsstraße 3 nur der Sitz der Zeitung. Sein Wohnort ist unbekannt.

Diese Auskunft wurde am 23. 12. 1938 von der Bezirkshauptmannschaft Landstraße an das Handelsgericht übermittelt.

Auf dem Dokument befindet sich eine handschriftliche Anmerkung eines Beamten des Handelsgerichts vom 25.1.1939, dass die Firma in das Verzeichnis jener Unternehmen aufgenommen werden sollte, deren Löschung vorgesehen war. [17]

 

Die Firma wurde am 31.7.1939 offiziell gelöscht. [18]

 

b) Was geschah mit den beiden Teilen der Verlassenschaft, die Dr. Oskar Samek und Prof Dr. Karl Jaray am 1. September 1938 eingeantwortet wurden?

 

Darüber gibt der Beschluss des Amtsgerichts Wien, I., Riemergasse, Abt. 21, vom 12. 12. 1942 Auskunft: [19]

Die Geheime Staatspolizei-Staatspolizeileitstelle Wien hat mit G.Z.B 712/D-II P 1 den Nachlaß des verstorbenen Schriftstellers Karl K r a u s sichergestellt und zu Gunsten von Steuern und anderen Verbindlichkeiten versteigert. Der Erlös von RM.1.010.52 wurde laut Mitteilung der Geheimen Staatspolizei der Gerichtskasse überwiesen und von derselben unter de G.Z.III Vw.B I/2 No.880 überwiesen.

Von den (sic!) in der Gerichtskasse erlegten Betrag gebühren den vorgenannten Erben je die Hälfte, somit je RM.505.26.

Von dieser Summe erhielten jedoch die beiden Erben nichts. (Zur Bewertung des Nachlasses von Karl Kraus in der Todfallsaufnahme vgl. Kapitel 3.4.5. Nachlass von Karl Kraus)

Begründung bei Dr. Oskar Samek: Vermögensverfall bzw. Pfändungsverfügung (vgl. Kapitel 3.4.5. Nachlass von Karl Kraus)

Begründung bei Dr. Karl Jaray ist offenbar seine Übersiedlung nach Prag bzw. sein unbekannter Aufenthalt: [20]

Dr. Karl J a r a y übersiedelte nach Prag I.,186 und ist laut Auskunft der Polizei-direktion in PRAG vom 15.8.1941 unbekannt wohin verzogen. Hievon wird das Deutsche Amtsgericht in PRAG als nach dem letzten Wohnort zuständigen Pfleg-schaftsgericht verständigt, die Überweisung  des dem Genannten gehörigen Betrages an das Deutsche Amtsgericht wird nachstehend verfügt.

Die Gerichtskassa Wien Schalter III wird angewiesen, von dem unter Kassenzeichen III Vw.B.1/2 Nr. 880 verwahrten Betrag von RM.575.87(…) den Restbetrag von RM.505.26 in Worten Fünfhundertfünf 26/100 Reichsmark an das Deutsche Amts-gericht unter der Bezeichnung: „Kuratelsvermögen des Dr. Karl J a r a y“ zu überweisen.

 

Ein Gebäude für das Karl-Kraus-Museum in der Reindorfgasse 18

 

Von der Wagenremise zur Tischlerwerkstatt

 

 

1) Auf dem Plan für Jonas M. Samek (1904?) zur Erbauung eines Wohn- und Geschäftshauses in der Reindorfg. 18 findet man, vom Hauseingang gesehen, im Hinterhof links eine „Wagenremise“. Dieses Gebäude war Vorläufer für das Karl-Kraus-Museum.

 

                                                                                                            Hausflur

 

Abb. S 16. Planausschnitt von 1904 für Jonas M. Samek mit „Wagenremise“.

Kopie eines Dokuments aus den Akten im Archiv der Baupolizei, MA 37 (Foto 8720)

 

2) Dieses Gebäude wurde später möglicherweise zu einer Tischlerwerkstatt umgebaut, wo die Verkaufs-stücke des Möbelhändlers Jonas M. Samek repariert und restauriert wurden. [21]

 

Umbau 1936:

3) Nach dem Tod von Karl Kraus am 12. Juni 1936 ließ Dr. Oskar Samek die baulichen Voraussetzungen für ein Karl-Kraus-Museum schaffen, das in den Ausmaßen dem Büro von Karl Kraus in der Lothringer Straße entsprechen sollte, indem er ein bereits bestehendes ebenerdiges Gebäude im Hof entsprechend umbauen ließ. [22]

 

 

a) Der Architekt und Stadtbaumeister Adolf Micheroli erstattete am 21. August 1936 folgende Bauanzeige:

Der Gefertigte zeigt gemäß § 61 der Bauordnung für Wien an, daß im linken Hof-seitentrakt des Hauses Wien, 14. Bezirk, Reindorfgasse Or. Nr. 18, K. Nr. 270, Einlagezahl 270/ Grundbuch Rudolfsheim, daß die bestehende Eingangstür an die Stelle des Fensters verlegt wird und daß außerdem vor die feuchte Wand eine Düwa-Hohlziegelwand aufgeführt und eine Mauervorlage abgestemmt werden. Mit den Arbeiten wird Montag, den 24. ds., (= 24. August 1936) begonnen.

 

b) Aus dem Bescheid der Bezirkshauptmannschaft Rudolfsheim-Fünfhaus / Baudienst. Selbständiger Wirkungsbereich

B.H.XIV/XV Zl. 14/2789/36 B.

Abschrift vom 3. September 1936

 

Bescheid.

Die baulichen Veränderungen im obgenannten Gebäude darin bestehend, dass die Türe des ebenerdigen Einbaues an der linken Grundgrenze im hinteren Haushofe um etwa 1 m nach vorne verrückt und die hintere Wand des Einbaues mit einer Düwahohlziegelwand verkleidet wird, werden gemäß § 61 der Bauordnung für Wien zur Kenntnis genommen.

 

 

c) Plan für den Umbau des Gebäudes im linken Hofseitentrakt zu einem „Karl-Kraus-Museum“ im Jahr 1936:

 

Abb. S 17. Plan von 1936 für Dr. Oskar Sameks „Karl-Kraus-Museum“.

Aus den Akten im Archiv der Baupolizei, MA 37 (Foto 7162)

 

Geplanter Umbau im Jahr 1938

 

4) Im Jahr 1938 war ein großer Umbau geplant. Am 17. Mai 1938 erteilte die Bezirkshauptmannschaft Rudolfsheim-Fünfhaus per Bescheid (B.H.XIV/XV Zl. 14/269/38 B) [22]

„die Bewilligung für bauliche Abänderungen, die darin bestehen, dass zwei tragende Mittelpfeiler im Bereiche des Lichthofes durch ausbetonierte eiserne Ständer ersetzt, das auflastende Mauerwerk durch entsprechende Ueberlagsträger unterfangen, in der Feuermauer beim Lichthofe drei durch Träger gesicherte Nischen ausgestemmt, einige Leichtwände im hintersten Betriebsraume an der genannten Feuermauer abgetragen, im Hofe an dieser Grundgrenze ein Büroraum eingebaut und im Keller einige Scheidemauern niedergelegt und eine neue aufgestellt werden soll.“

 

Zwei Vorschriften, speziell den Büroraum betreffend:

.) Der Büroraum muss heizbar eingerichtet werden.

.) Der Fussboden des Büroraumes muss mindestens 15 cm über den (sic!) Hofniveau liegen und gegen den Untergrund verlässlich isoliert sein. (Foto 8683) [22]

 

Es muss jedoch angenommen werden, dass dieses Bauvorhaben nicht ordnungsgemäß bzw. fristgemäß zu Ende geführt wurde, denn am 29. September 1938 erfolgte ein Mahnbescheid, weil nicht nach Vollendung der Bauarbeiten um Benützungsbewilligung angesucht wurde. [22]

 (Foto 8684)

Außerdem scheint es so, als wäre mit „Büroraum“ nicht das „Karl-Kraus-Museum“ gemeint, sondern eher ein Raum für die Rechtsanwaltskanzlei.

 

Das „Karl-Kraus-Museum“ heute

 

5) Was ist vom „Karl-Kraus-Museum“ geblieben?

 

 

Das Foto unten zeigt ein kleines Gebäude an jener Stelle, wo sich früher einmal die Wagenremise und später die ehemalige Tischlerwerkstätte befunden haben soll. Hier soll Dr. Oskar Samek das Arbeitszimmer von Karl Kraus nachgebildet haben. Von der Gedenkstätte für Karl Kraus ist jedoch nichts geblieben – und der Raum (heute Privatbesitz) kann nicht betreten werden. Von oben ist nur ein Blechdach zu erkennen, das teilweise mit Efeu bewachsen ist. Darunter soll sich ein Wintergarten befinden.

 

 

Abb. S 18. Reindorfgasse 18. Blick von oben auf jene Stelle,

wo sich das Karl-Kraus-Museum befunden haben soll.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019) 7082

 

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[1] Karl Kraus, Die Fackel 37 (1935), Nr. 912-915, S. 46f. Zitiert nach:

Konstanze Heininger, »Ein Traum von großer Magie«: Die Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt. Herbert Utz Verlag, 2015, S. 52f.

[2] Österr. Staatsarchiv, KT 1076, Registratur 18349, Akt 0-5300-G-384, P6g / 8, 9, 10; vgl. auch Kapitel 3.4.4. Enteignung und Restitution

[3] Siehe WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.1 – Karl Kraus, Testament und Abschrift

[4] Siehe WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.1 - Karl Kraus, Testament und Abschrift

[5] ÖSTA, KT 1076, Registratur 18349 / P 6g/ 1 (Aufschrift: P 6f), Dokument 21 A 509/41-40

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[6] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8575 Beschluss, Übertragung des Erbrechts v. 5.3.1937, Fol. 8

[7] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.3 - Verlassenschaftsabhandlung Karl Kraus| 1936-1938

K12-3 IMG_8565 Einantwortungsurkunde v. 1.9.1938

[7a] Architektenlexikon Wien 1770 – 1945, online:

http://www.architektenlexikon.at/de/257.htm (Zugriff: 22.7.2020)

[8] Wien Geschichte Wiki: Karl Kraus

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Karl_Kraus (Zugriff: 16.1.2020)

[9] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8571 Eintragung einer Einzelfirma, Fol. 5

[10] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8579 Berichtigung des Firmenregisters, Fol. 10

K12-4 IMG_8580 Berichtigung des Firmenregisters, Fol. 10v

[11] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8582 Änderung bei e. Firma, Fol. 12

[12] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8592 BG Margarethen an Handelsgericht, Fol. 17

[13] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8593 Einantwortungsurkunde, Fol. 18

[14] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8594 Beschluss Fackel - Samek, Jaray, Fol. 19 - A. Fantner

[15] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8595 Jarays Flucht, Fol. 20

[16] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8596 Auskunft BH Landstr. über Betrieb der Fackel, Fol. 21

K12-4 IMG_8598 Betriebsüberprüfung durch BH Landstr., Fol. 22v

[17] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8597 Antwort BH Landstr., Fol. 22

[18] WStLA, Akt 3.1.4.A1.K12.4 - Handelsgerichtsakt 'Die Fackel' | 1913-1939

K12-4 IMG_8601 Löschung einer Firma, Fol. 24

K12-4 IMG_8602 Löschung einer Firma, Fol. 25

K12-4 IMG_8603 Löschung einer Firma, Fol. 25v

[19] ÖSTA, VA Kt. 98 Registratur 11304, Oskar Samek - Beschlagnahmeverfügung 6.9.1941, IMG_7793

IMG_7791 ÖSTA, Oskar Samek - Ausbürgerungsverfahren 1941

[20] ÖSTA, KT 1076 Registratur 18349 / P 6g/ 1 (Aufschrift: P 6f), Dokument 21 A 509/41-40 vom 12.12. 1942

IMG 7886, 7887

IMG_7886 ÖSTA, Nachlass Karl Kraus, Samek, Jaray

IMG_7887 ÖSTA, Verlassenschaft Karl Kraus, Samek, Jaray 2

IMG_7888 ÖSTA, Nachlass Kraus, Samek, Jaray

[21] Vgl. Günter Oppitz, „Die Besitzer des Hauses Reindorfgasse 18 von 1789 bis 1954. Oder: Das Haus, in dem Dr. Oskar Samek ein kleines Karl-Kraus-Museum einrichtete“, Kapitel 6.2.2. Haus eines „Möbelhändlers“ auf der Homepage www.guenteroppitz.at

[22] Quelle: Akten im Archiv der Baupolizei, MA 37

[23] Vgl. Günter Oppitz, „Die Besitzer des Hauses Reindorfgasse 18 von 1789 bis 1954. Oder: Das Haus, in dem Dr. Oskar Samek ein kleines Karl-Kraus-Museum einrichtete“, Kapitel 6.2.4. Ein Haus, in dem bis 1938 Dr. Oskar Samek wohnte und einen Gedenkraum für Karl Kraus einrichtete“ auf der Homepage www.guenteroppitz.at