2.5. Splitter zum Leben in der Fremde

 

Am 1. März 1939 wird von der Passstelle in Prag für Viktor Ephrussi ein Visum für England ausgestellt. Er kommt am 4. März am Flughafen Croydon südlich von London an.

 

Am 1. März hat Elisabeth mit den Kindern die Schweiz verlassen und holt Viktor am 4. März vom Flughafen ab.

 

Die Familie lebt in einem gemieteten Haus in St. David’s, einem Vorort von Tunbridge Wells, ca. 60 km südsüdöstlich von London. [1]

 

Seine humanistische Bildung eröffnet ihm Möglichkeiten, die schrecklichen Ereignisse der letzten Monate zu bewältigen und mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit zurechtzukommen. [2]

 

Eigentlich war nicht Viktor, sondern sein Bruder Stefan dazu ausersehen, die Bankgeschäfte nach Ignaz Ephrussi weiterzuführen. Aber er brannte 1889 mit einer nicht standesgemäßen Frau durch und wurde in die evangelisch-lutherische Kirche aufgenommen. Er hatte sich damit selbst enterbt.

Der melancholische und träumerische, künstlerisch, literarisch und historisch interessierte Viktor (er plante u.a. ein Grundlagenwerk über Byzanz) musste nun die Bank übernehmen. [3]

 

Viktors Lebenssituation und seine literarische Bildung sind wohl die Gründe dafür, dass zwei Werke als seine Lieblingslektüre im Exil genannt werden können: [4]

.) Ovid, bes. „Tristia“

.) Vergil, Aeneis

 

 

In „TRISTIA“ schildert der Dichter Ovid seine Verbannung nach Tomis am Schwarzen Meer (1. bis 2. Jahrzehnt der 1. Jhdts). Warum er von Kaiser Augustus verbannt wurde, ist nicht eindeutig geklärt: Ovid selbst bekennt nur, dass eine seiner Dichtungen, die „Ars amatoria“ (= „Liebes-kunst“) nämlich, geschrieben trotz der strengen Sittengesetzgebung des Augustus, ihm zum Verhängnis geworden sei, und ein – auch im Weiteren ungenanntes – Vergehen, irrtümlich geschehen und ganz ohne Absicht, aber zum Ärger des Kaisers. [5]

Für Viktor Ephrussi war nicht wesentlich, aus welchen Gründen Ovid verbannt wurde, es war auch nicht wichtig für ihn, dass Ovid seine neue Umgebung als barbarisch, unwirtlich und bedrohlich empfand (vgl. [5]), sondern er sah in Ovid einen Leidensgenossen in Bezug auf die Sehnsucht nach der Heimat.

Die Beschäftigung mit der Exilsituation in „Tristia“ hat zweifellos große Einflüsse auf die Exilliteratur des 20. Jahrhunderts ausgeübt. Ein Beispiel dafür: Der 1940 publizierte Roman „Exil“ von Lion Feuchtwanger, in dem der bayrische Komponist Sepp Trautwein vor den Nazis nach Paris geflohen ist. [5] [6]

 

Das zweite Werk, das eine Flucht aus der Heimat behandelt, ist die „AENEIS“ von Vergil. Aeneas, einem trojanischen Fürstensohn, gelingt es, nach der Einnahme und Zerstörung seiner Heimatstadt Troja durch die Griechen die brennende Stadt mit seinem engsten Verwandten zu verlassen. Seine Frau Krёusa kommt allerdings auf der Flucht um. Vom höchsten Gott Jupiter ist er dazu ausersehen, den Trojanern eine neue Heimat in Italien zu schaffen, er wird jedoch von Juno (griechisch: Hera), die den Trojanern feindlich gesinnt ist, durch Irrfahrten und Seestürme daran gehindert. [7]

 

Aeneas strandet an der Küste Karthagos und trifft auf die phönizische Königin Dido. Während er in einem Tempel der Juno auf sie wartet, sieht er eine Wandmalerei mit seiner eigenen Geschichte über den Fall Trojas. Aeneas tritt in eine Art Dialog mit den Gemälden und ist zutiefst erschüttert. Das Nacherleben der Ereignisse rührt ihn nach langer Zeit wieder zu Tränen. Die Bilder machen ihm aber nicht nur den Verlust der Heimat bewusst, sondern konfrontieren ihn mit den vielen unbegreiflich schrecklichen und grausamen Szenen. [8] [9]

 

 

 

Abb. E 33. Aeneas und sein Gefährte Achates am Eingang des Tempels von Karthago

Aeneas beim Tempel von Karthago | Aeneis 1, 449 | Text bei Perseus | Quellenangabe | Lizenz: Standardlizenz des Landesbildungsservers. [10]

 

Viktor Ephrussis Frau hat wie Krёusa die Flucht nicht überlebt. Sie ist in Kövecses gestorben. Viktor hat zwar im Kreise der Familie de Waal keine Bilder von der Flucht vor sich, keine Zeugnisse vom Untergang Wiens, aber jeden Tag „verfolgte er in der Times die Nachrichten über den Krieg, an Donnerstagen las er die Kentish Gazette“, um sich über die Zustände in seiner Heimat zu informieren. [11] Er kann sich mit Aeneas identifizieren, der ohne persönliche Schuld, ohne eine Entscheidung treffen zu können, das Schicksal annehmen muss, dass es für ihn die frühere Heimat nicht mehr gibt.

 

Viktor Ephrussi erlebt das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr: Er stirbt am 12.März 1945, einen Monat vor der Befreiung Wiens durch die Russen und wird in der Fremde, auf dem Städtischen Friedhof Charing begraben. [12]

 

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[1] Edmund de Waal, Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi. Paul Zsolnay Verlag Wien, 9. Auflage, 2019, S. 268f.

[2] de Waal, S. 271

[3] de Waal, S. 142f.

[4] de Waal, S. 271

[5] Wikipedia: Tristia

https://de.wikipedia.org/wiki/Tristia (Zugriff: 28.8.2020)

[6] Wikipedia: Exil (Feuchtwanger)

https://de.wikipedia.org/wiki/Exil_(Feuchtwanger) (Zugriff: 28.8.2020)

[7] Wikipedia: Aeneis

https://de.wikipedia.org/wiki/Aeneis (Zugriff: 29.8.2020)

[8] Sanes Blog. Sammelsurium.

http://sabine.knienieder.com/vergils-aeneis-epos-ueber-aeneas-inhalt-und-hintergrund/ (Zugriff: 29.8.2020)

[9] Aeneis, Buch 1, bes. V. 459 – 479

https://www.gottwein.de/Lat/verg/aen01.php (Zugriff: 29.8.2020)

[10] Die meisten Illustrationen zu diesem Werk stammen aus diesem Buch: 60 Compositionen zu Vergils Aeneide, gestochen unter Leitung von Eduard Schuler, Karlsruhe 1840. Die Bilder wurden von der Redaktion des Landesbildungsservers aus einem Originalexemplar eines Sonderdrucks eingescannt, der nur die Abbildungen enthhält und der laut bibliographischen Angaben ebenfalls im Jahr 1840 gedruckt wurde. Folgende Angabe zum Verlag findet man im Vorsatzblatt: "Karlsruhe Kunstverlag 1840".

https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/sprachen-und-literatur/latein/texte-und-medien/materialien-zu-vergils-aeneis/aeneis-buch-1.html (Zugriff: 29.8.2020)

[11] de Waal, S. 271

[12] de Waal, S. 272

 

 

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