2.3. Ephrussi – Die Flucht 1938, eine familiäre Tragödie

 

Chronologie:

 

Judenfeindlichkeit und Enteignung [1]

Am 23. April 1938 wurde der Boykott jüdischer Geschäfte ausgerufen. Im Palais Ephrussi fand eine Haussuchung durch die Gestapo statt. [1a]

 

Viktor und Rudolf Ephrussi, der jüngste Sohn von Viktor und Emmy Ephrussi, wurden festgenommen – sie waren 3 Tage lang nicht zu Hause – und wurden möglicherweise im berüchtigten Hotel Metropole derart unter Druck gesetzt und misshandelt, dass sie keine andere Chance zum Verlassen des Landes sahen, als durch eine Unterschrift auf das Familieneigentum zu verzichten. [1b]

 

 

Abb. E 18. IMG_6641 Leopold-Figl-Hof, Standort des Hotel Metropol, von der Marienbrücke aus – Foto: Günter Oppitz (23.8.2019)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. E 19. IMG_6633 Mahnmal

für die Opfer der GESTAPO

 

 

 

Foto: Günter Oppitz (23.8.2019)

 

Weitere Bilder und Informationen über das Hotel Metropole findet man im Artikel Bertha von Suttner, geb. Kinsky“ von Günter Oppitz auf der Homepage www.guenteroppitz.at / - Kapitel 4.6. „Hotel Metropole in Wien“, verfasst im August 2019 [7]        

                               

Am 26. April 1938 begann Hermann Görings „Vermögensumverteilung“; Juden waren nun zur Meldung von Vermögenswerten über 5000 RM verpflichtet. [1c]

Am 27. April 1938 war die „vollständige Arisierung“ des Palais Ephrussi abgeschlossen. [1d] Die Familienwohnung wurde als Sitz des Amtes für Wildbach- und Lawinenverbauung verwendet. Im Nobelstock des Palais residierte das Amt Rosenberg („Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“). [1e]

Ab dem 28. April 1938 hatte das Bankhaus Ephrussi einen neuen Besitzer: C.A. Steinhäusser zahlte seine jüdischen Kollegen, die das Geld ohnehin für die Reichsfluchtsteuer benötigten, seiner Meinung nach angemessen aus.

Am 12. August 1938 wurde „Ephrussi&Co.“ im Handelsregister gelöscht, drei Monate später hieß es „Bankhaus C.A. Steinhäusser“ [1f]

Vgl. zu den Besitzverhältnissen des Bankhauses „Ephrussi&Co.“, später „C. A. Steinhäusser Bankkommanditgesellschaft“ im Kapitel 2.4. Hausbesitz – Enteignung und Restitution.

                          

Der Kampf um die Ausreisebewilligung [2]

 

Der 78-jährige Viktor Ephrussi und seine 58-jährige Frau Emmy wollen nicht alles aufgeben, was die Familie im Laufe der Jahrzehnte erworben hat. Sie können die Freunde (Gutmann, Altmann, Rothschild) nicht verstehen, die das Land bereits verlassen haben und alles zurückgelassen haben. Sie warten zu, sind nicht fähig, eine Entscheidung zu treffen. [2a]

 

Wer kann Viktor und Emmy Ephrussi raten und helfen?

 

Drei Kinder von Viktor und Emmy Ephrussi leben schon lange nicht mehr in Wien:

.) Elisabeth, die 1924 als eine der ersten Frauen an der Wiener Universität in Jus promoviert hat, erhält dann ein Stipendium in den USA, heiratet den Holländer Hendrik de Waal und lebt mit ihm in Paris, später in Ascona in der Schweiz. [2b]

.) Gisela heiratet 1925 einen reichen jüdischen Bankier namens Alfredo Bauer und zieht mit ihm nach Madrid. [2c]

.) Iggie (Ignaz) studiert nach der Matura in Köln Wirtschaft und nimmt eine Anstellung in einer Frankfurter Bank an. Er soll 1933 wieder in Wien


sein, um in die Bank „Ephrussi&Co.“ einzutreten. Er jedoch interessiert sich viel mehr für Kleidung und Mode und „flüchtet“ nach Paris, später nach New York. [2d]

.) Rudolf, ein Nachzügler, 12 Jahre jünger als Ignaz, lebt als Einziger noch bei seinen Eltern.

 

Am 1. Mai 1938 erhielt Rudolf die Ausreisegenehmigung in die USA – mit Hilfe eines Freundes, der ihm einen Job in Paragould, Arkansas, verschaffte. Er dürfte kurz danach Wien verlassen haben und nach Frankreich gereist sein. [2e]

Seine Einreise in die USA ist durch eine Passagierliste dokumentiert [2f]

 

Schiff: „Champlain“ / Abfahrt von Le Havre am 23.11.1938, Visum QVI 19508, ausgestellt in Paris am 2.11.1938

 


 

                    Abb. E 20. Rudolf Ephrussi auf dem                                             Abb. E 21. Rudolf Ephrussi auf dem

 

                   Visum für Brasilien von Nov. 1962 [2g]                                          Visum für Brasilien von Jan. 1964 [2h]

 

In der Volkszählung bzw. in der Bevölkerungsliste vom 22.4.1940 wird über Rudolf Ephrussi u. a. Folgendes festgehalten: [2i]

Ephrussi Rudolph, 21 Jahre, ledig, Roomer / Untermieter, Geburtsort: Österreich, Wohnort am 1. April 1935: Österreich, Angaben zur Beschäftigung: Book-Keeper / Buchhalter, Branche / Sektor: Cotton Office / Baumwoll-Büro

Er wohnte als Untermieter bei Arthur und Jennie Jackson in Arkansas, Kreis/Bezirk Greene, Stadt Paragould, W. Court St.(?) x04 (?)

Im Visum für Brasilien wird 1962 als Beruf „Manager“ angegeben [2g], im Visum von 1964 „Exekutivbeamter“ [2h].

 

Die Emigration [3]

 

Elisabeth kehrt kurzfristig aus dem Ausland nach Wien zurück, um ihren betagten Eltern zu helfen. Sie begibt sich in große Gefahr, da sie ja selbst Jüdin ist, aber der niederländische Pass und ihre Ausbildung als Rechtsanwältin sollen ihr helfen.

13. Mai: Im Pass gibt es den Stempel „Passinhaber ist Auswanderer“.

15. Mai: Im Pass gibt es den Stempel „Einmalige Ausreise nach CSR“.

Am 20. Mai wird die endgültige Ausreisegenehmigung erteilt. [3a]

 

21. Mai: beschwerliche Reise nach Kövecses (heute Slowakei) zum Landgut von Emmys verstorbenen Eltern. [3b]

Der heutige Ortsname ist Štrkovec und bezeichnet ein Dorf und eine Gemeinde im Bezirk Rimavská Sobota in der Region Banská Bystrica in der Südslowakei nahe der Grenze zu Ungarn. Bis zum Vertrag von Trianon von 1920 war es Teil Ungarns. Sein ungarischer Name ist Kövecses. [4]

Die heutige Dauer einer Zugfahrt von Wien Hauptbahnhof nach Rimavska Sobota beträgt mindestens 6 Stunden 16 Minuten mit zweimaligem Umsteigen. Zielbahnhof ist Obecni Urad. Střkovec ist davon ca. 30 km entfernt und mit einem Auto heute in ca. 25 Minuten zu erreichen. Nach einer Busverbindung wurde nicht gesucht.

Heute lässt sich die Strecke von Wien 1., Universitätsring 14 (Palais Ephrussi), nach Štrkovec (Kövecses) mit dem Auto laut Routenplaner in ca. 4 Stunden (380 km) bewältigen (ohne Pausen, ohne Stau). [5]

 

Wie lange es dauerte, bis Viktor und Emmy Ephrussi in Kövecses ankamen und wie erschöpft sie waren, kann nur erahnt werden.

 

 

Abb. E 22. Routenplaner (für eine Autofahrt) für die Strecke

von Wien 1., Universitätsring 14 (Palais Ephrussi), nach Štrkovec (Kövecses)

 

Ab Ende September nehmen die Bedrohung durch das Hitler-Regime und die Judenfeindlichkeit zu.

Am 6. 10. 1938 wird eine hitlerfreundliche slowakische Regierung gebildet.

 

Am 12. 10. 1938 stirbt Emmy Ephrussi an Herzversagen (möglicherweise Selbstmord): [3c]

Im Smrtný list (Totenschein) der „Ema Ephrussiova rod. Scheyova“ (= Emma Ephrussi geb. Schey“) ist sie an „srdečna vada“ (= Herz-Schaden oder Herz-Fehler) gestorben. Dies schließt jedoch nicht aus, dass sie Selbstmord begangen hat (durch eine Überdosis von Herztabletten) – wie in Familienkreisen nicht ausgeschlossen wurde. [6]

Fast ein halbes Jahr lebt der Witwer Viktor Ephrussi noch in Kövecses, dem Sterbeort seiner Frau. Die Bedrohung durch die Nationalsozialisten wächst.

 

Am 1.3. 1939 erhält mit Elisabeths Hilfe ein Visum für Großbritannien.

Am 4.3.1939 kommt Viktor schließlich im ca. 1830 km entfernten Tunbridge Wells, seinem Emigrationsort, bei der Familie de Waal an. [3d]

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[1] Edmund de Waal, Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi. Paul Zsolnay Verlag Wien, 9. Auflage, 2019, S. 249 – 260

[1a] Edmund de Waal, S. 249

[1b] Edmund de Waal, S. 252f.

[1c] Edmund de Waal, S. 259

[1d] Edmund de Waal, S. 253

[1e] Edmund de Waal, S. 258

[1f] Edmund de Waal, S. 259

[2] Edmund de Waal, S. 261 – 264

[2a] Edmund de Waal, S. 246f.

[2b] Edmund de Waal, S. 224f., S. 234

[2c] Edmund de Waal, S. 224

[2d] Edmund de Waal, S. 227 – 232

[2e] Edmund de Waal, S. 262

[2f] Einreise von Rudolf Ephrussi in die USA:

Schiff: „Champlain“ / Abfahrt von Le Havre am 23.11.1938, Visum QVI 19508, ausgestellt in Paris am 2.11.1938

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-95NW-9LQS?i=41&cc=1923888&personaUrl=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3A242V-CFP (Zugriff: 29.6.2020)

New York, New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:33S7-95NW-9LQS?cc=1923888&wc=MFK7-6Z9%3A1030082401 : 21 May 2014), 6256 - vol 13468-13469, Dec 1, 1939 > image 42 of 737; citing NARA microfilm publication T715 (Washington, D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.).

[2g] Visum für Brasilien von Nov. 1962 für Rudolf Ephrussi

Quellenangabe

"Brasil, Cartões de Imigração, 1900-1965," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:33SQ-G5BM-98D9?cc=1932363&wc=QS6K-RM7%3A1019548401%2C1020283401 : 8 May 2019), Group 8 > 004915082 > image 48 of 203; Arquivo Nacional, Rio de Janeiro (National Archives, Rio de Janeiro).

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33SQ-G5BM-98D9?i=47&cc=1932363 (Zugriff: 29.6.2020)

[2h] Visum für Brasilien von Jänner 1964 für Rudolf Ephrussi

Quellenangabe

"Brasil, Cartões de Imigração, 1900-1965," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:33SQ-G5BM-98X4?cc=1932363&wc=QS6K-RM7%3A1019548401%2C1020283401 : 8 May 2019), Group 8 > 004915082 > image 40 of 203; Arquivo Nacional, Rio de Janeiro (National Archives, Rio de Janeiro).

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:33SQ-G5BM-98X4?i=39&cc=1932363&personaUrl=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3AKNGF-CN4

(Zugriff: 29.6.2020)

[2i] Volkszählung 1940 – Rudolf Ephrussi

„United States Census, 1940," database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/ark:/61903/3:1:3QS7-L9M1-FD1D?cc=2000219&wc=QZXB-B5Z%3A790105701%2C791982801%2C792591601%2C951412201 : accessed 11 January 2020), Arkansas > Greene > Clark Township, Paragould, Ward 2 > 28-7B Clark Township, Paragould City Ward 2 bounded by (N) W Hunt; (E) Missouri Pacific Railroad; (S) W Court; (W) S 2nd, W Highland, S 6th; also Paragould City Jail, St. Mary's Convent > image 10 of 18; citing Sixteenth Census of the United States, 1940, NARA digital publication T627. Records of the Bureau of the Census, 1790 - 2007, RG 29. Washington, D.C.: National Archives and Records Administration, 2012.

https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:3QS7-L9M1-FD1D?i=9&cc=2000219&personaUrl=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3AKQVR-MZG (Zugriff: 23.8.2020)

[3] Edmund de Waal, S. 264 – 269

[3a] Edmund de Waal, S. 263f.

[3b] Edmund de Waal, S. 264

[3c] Edmund de Waal, S. 266

[3d] Edmund de Waal, S. 268

[4] Wikipedia: Štrkovec

https://en.wikipedia.org/wiki/%C5%A0trkovec (Zugriff: 22.8.2020), Übersetzung durch den Autor

[5] Google Maps https://www.google.com/maps/dir/Universit%C3%A4tsring+14,+1010+Wien/980+45+%C5%A0trkovec,+Slowakei/@47.7887632,17.4672176,8z/data=!4m14!4m13!1m5!1m1!1s0x476d07bdba2e5153:0x12621804a6d3086b!2m2!1d16.3622475!2d48.2134768!1m5!1m1!1s0x473f84cb14f8c355:0x400f7d1c6972650!2m2!1d20.324126!2d48.3575732!3e0 (Zugriff: 22.8.2020)

[6] Siehe Abb. des Totenscheins in „Die Ephrussis. Eine Zeitreise“. Herausgegeben von Gabriele Kohlbauer-Fritz und Tom Juncker im Auftrag des Jüdischen Museums Wien. Katalog zur Ausstellung 2019/2020. Paul Zsolnay Verlag. 1. Auflage, Wien 2019, S. 159

 

 

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