4. WOHNADRESSEN ZUM ZEITPUNKT DER EHESCHLIESSUNG

 

Prinzipiell war im 19. Jahrhundert die Wohnadresse mitentscheidend, in welcher Pfarre die Trauung vollzogen wurde.

Die Trauung sollte in jener Pfarre stattfinden, in der die Brautleute wohnten. Falls es sich um zwei verschiedene Pfarrbezirke handelte, bestand zwar prinzipiell Wahlmöglichkeit, es war aber üblich, eher in der Pfarre der Braut zu heiraten.

 

Der genaue Wortlaut im „Praktischen Handbuch über das in Ehesachen der Katholiken zu beobachtende Verfahren, nach dem Ehegesetze vom 8. Oktober 1856“:

 

„Die Vornahme des Trauungsactes kommt demjenigen Seelsorger zu, in dessen Pfarrsprengel beide Brautleute, oder auch nur eines derselben wohnen. Im letzteren Falle, d. i., wenn die Brautleute unter verschiedene Pfarrbezirke gehören, bleibt es der Wahl der Brautleute überlassen, ob sie sich von dem Pfarrer des Bräutigams oder jenem der Braut copuliren lassen wollen, weil jeder dieser Seelsorger über den seinem Pfarrsprengel gehörigen Theil pfarrliche Iurisdiction ausübet. Gewöhnlich ist es, die Ehe vor dem Pfarrer der Braut zu schließen.“ [1]

 

Die Wohnungszeugnisse, die vorzulegen waren, dienten als Beleg dafür, dass die Pfarrer berechtigt waren, die Amtshandlung, die ja auch Rechtsgültigkeit hatte, in ihrem Pfarrbezirk durchzuführen.

In einem Hofkammerdekret und in den Regierungsverordnungen aus dem Jahr 1827 wird festgehalten, dass „der angeordneten Beibringung dieser Zeugnisse lediglich die Absicht zum Grunde liegt, daß der Pfarrer bei Anmeldung der Brautleute wegen des Aufgebotes in den Stand gesetzt werde, hieraus mit Grund beurtheilen zu können, ob ihm diese Amtshandlung nach der ihm in seinem Pfarrbezirke eingeräumten geistlichen Jurisdiction auch zustehe, oder nicht“ und dass „sonach diese Zeugnisse nicht so sehr zum Nutzen und Vortheile der Parteien, als vielmehr zum Behufe der öffentlichen Ordnung und zur Bedeckung der Amtshandlung der Pfarrer dienen…“ [2]

 

In der Pfarre Mariahilf wird in der Anmerkungsspalte lediglich bestätigt, dass die Dokumente überprüft wurden, konkrete Angaben über die Wohndauer in der Pfarre werden nicht gemacht.

 

In anderen Pfarren wurde die bisherige Wohndauer an einer bestimmten Adresse im Kirchenbuch vermerkt,

z. B. in St. Florian (Matzleinsdorf). Bei jenen, die aus Wien stammten, wurde darauf verzichtet.

 

Um 1850 scheint es eine Frist von 6 Wochen gegeben zu haben, die man in der Pfarre zugebracht haben musste, um hier heiraten zu dürfen, deshalb wohl immer wieder die Formulierung in den Trauungsbüchern von St. Florian (Matzleinsdorf): „über 6 Wochen l(aut) Z(eugnis)“. [3]

 

Um 1860 scheint diese Frist wesentlich länger gewesen zu sein. Nun heißt es: „über 1.J. in Wien“

Beispiel: Trauung St. Florian Matzleinsdorf am 15.1.1860 [4]

In den späteren Eintragungen bezieht sich der Schreiber allerdings ausdrücklich auf die Wohndauer IN WIEN.

 

Aber man konnte auch in Mariahilf heiraten, wenn die Wohnadresse außerhalb des Pfarrbereichs lag, falls die eigentlich zuständige Pfarre zustimmte. Die Trauungsvollmacht der Wohnpfarre wurde dann normalerweise in der Anmerkungsspalte der Eintragung erwähnt.

 

Beispiel: Trauung am 5. Mai 1861 in der Pfarre Mariahilf

Die Zustimmung der Pfarre Reindorf, die für diese beiden Vororte zuständig war, wurde vom Pfarrpriester einerseits in der Anmerkungsspalte vermerkt, zusätzlich wurde in der ersten Spalte festgehalten, dass sie vom „…Pfarramte Reindorf anher zur Trauung entlassen“ wurden. [5]

 

Wohnadresse des Bräutigams und der Braut

 

Die Wohnadresse des Bräutigams zum Zeitpunkt der Eheschließung gibt zwar keine Auskunft darüber, wo das Ehepaar nach der Hochzeit tatsächlich gewohnt hat, aber es darf angenommen werden, dass im überwiegenden Teil der Fälle jedenfalls keine Rückkehr an den Herkunftsort erfolgt ist.

 

Vergleicht man die Trauungszahlen des gesamten Jahres mit den Zahlen von Bräutigamen mit Adressangabe außerhalb des heutigen Stadtbereichs von Wien, erkennt man, dass die Zahl verhältnismäßig gering ist.

 

4.1. Wohnort des Bräutigams zum Zeitpunkt der Eheschließung

außerhalb des heutigen Stadtgebietes von Wien

 

 

Jahr

andere österr. Bundesländer

andere Länder/Staaten

1850

4

 

Ungarn

1851

8

 

Böhmen, Mähren

1852

3

Stmk.

k.k. Schlesien, Ungarn

1853

5

 

Galizien, Mähren

1854

8

OÖ, Stmk.

Ungarn, k.k. Schlesien, Böhmen

1855

2

 

Italien

1856

4

 

Mähren, Ungarn/Slowakei (Preßburg)

1857

1

 

2x Ungarn/Slowakei (Preßburg), Ungarn

1858

4

 

Mähren, 3x Ungarn, Böhmen

1859

5

3x Stmk.

Mähren

1860

3

Tirol

Siebenbürgen

1861

6

 

Mähren, Ungarn/Slowakei (Preßburg)

1862

6

OÖ, Tirol

Mähren

1863

2

 

Böhmen, Mähren

1864

5

2x Böhmen, Mähren

1865

11

 

 

1866

6

Stmk.

Böhmen

1867

11

Stmk.

Ungarn/Slowakei (Komorn), Kroatien, Serbien, Galizien

1868

8

Stmk.

Ungarn, Krain, Ungarn/Slowakei (Preßburg)

1869

13

Rumänien, Ungarn, k.k. Schlesien

1870

12

3x Stmk, OÖ

2x Mähren, Polen, Böhmen, Ungarn/Slowakei (Preßburg)

 

 

4.2. Wohnort der Braut zum Zeitpunkt der Eheschließung

außerhalb des Pfarrgebietes von Mariahilf

 

Bei 92% der Heiraten hatte die Braut ihren Wohnsitz in der Pfarre Mariahilf, bei 95% der Heiraten hatte zumindest einer der Brautleute eine Adresse innerhalb der Pfarre Mariahilf.

 

Es erschien also sinnvoll, bei der Braut vor allem jene Trauungen zu untersuchen, bei denen die Frau/das Mädchen einen Wohnsitz hatte, der nicht zur Pfarre Mariahilf gehörte.

In diesen Fällen wurden Überlegungen angestellt, welche Gründe es gegeben haben könnte, in der Pfarre Mariahilf zu heiraten.

 

Diese Fälle wurden zwar nicht namentlich erfasst, aber einzeln untersucht und mögliche Beweggründe pro Jahr festgehalten und dokumentiert.

 

Zur Erinnerung:

Zwischen 1850 und 1870 gab es in der Pfarre Mariahilf 2917 Trauungen (= 100%).

 

Bei 239 Hochzeiten davon (= 8%) lag die Wohnadresse der Braut nicht im Pfarrgebiet von Mariahilf, bei 152 Hochzeiten (= 5%) wohnten beide Brautleute außerhalb des Pfarrgebietes.

 

Folgende Gründe könnten das Brautpaar veranlasst haben, in Mariahilf zu heiraten, obwohl die Braut nicht hier wohnte:

  • ein besonderes Heiratsalter bzw. eine besondere Konstellation (vgl. Kapitel 5.1. Das Heiratsalter)
  • Witwenschaft eines der beiden Ehepartner (vgl. Kapitel 5.2. Witwenschaft)
  • Mögliche Motivation für Angehörige bestimmter Standes- und Berufsgruppen, in Mariahilf zu heiraten (vgl. Kapitel 5.3. Adelige und Angehörige bestimmter Berufsgruppen)
  • Durchführung von Trauungen zwischen Ehepartnern verschiedener Konfessionen, vor allem evangelisch und katholisch (vgl. Kapitel 5.4. Evangelische Brautleute)
  • unbekannte Motive für eine Heirat in Mariahilf, die nicht aus den Matriken herauszulesen sind (vgl. Kapitel 5.5. Unbekannte Motive)

 

Zusammenfassung: Wenn die Braut bei ihrer Trauung zwischen 1850 und 1870 nicht im Gebiet der Pfarre Mariahilf wohnte, konnten die Gründe dafür, dass sie nicht in ihrer Heimatpfarre heiratete, in den meisten Fällen aus den Angaben in den Matriken ziemlich klar erkannt werden. Die Heirat in der Pfarre Mariahilf gewährleistete eine Hochzeit in einer alten, stilvollen ehemaligen Wallfahrtskirche und gleichzeitig die Anonymität der Großstadt. Man hatte die Möglichkeit, zumindest bei diesem Ereignis unerwünschte, nur neugierige, eventuell missbilligende und am Wohl des Brautpaares nicht interessierte Menschen fernzuhalten.

 

 

[1] Ehegesetze 1856

Praktisches Handbuch über das in Ehesachen der Katholiken zu beobachtende Verfahren, nach dem Ehegesetze vom 8. Oktober 1856, verfasst von Wilhelm Schöller und Fr. J. Schopf, Pest 1857, digitalisiert : ÖNB 9.6.2016, S. 104, § 100

https://books.google.at/books?id=E85oAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q=%C2%A7%20100&f=false (Zugriff: 15.3.2018)

 

[2] Gesetzessammlung 1831

Sammlung der Gesetze für das Erzherzogthum Oesterreich unter der Ens, Band 38, k.k. Hof- u. Staats-Aerarial-Dr., Wien 1831, S.  Digitalisat: ÖNB 13.4.2015

https://books.google.at/books?id=SLthAAAAcAAJ&pg=PA903&lpg=PA903&dq=Wohnungszeugnis+Trauung&source=bl&ots=-fgUtX120l&sig=8CMusUdr9sm9DlVVy7B3_3lNwLg&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiypsWW4-3ZAhVDJJoKHUmSB6kQ6AEIOTAD#v=onepage&q&f=false  S. 240 (Zugriff: 15.3.2018)

 

[3] Trauung am 7.5.1849 – Johann Samm ∞ Sabina Weiß

Erzdiözese Wien, Pfarre 05., St. Florian (Matzleinsdorf), Trauungsbuch 02-17, Fol. 2, Bild 02-Trauung_0002; online:

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/05-st-florian-matzleinsdorf/02-17/?pg=4 (Zugriff: 15.3.2018)

 

[4] Trauung am 15.1.1860 –

Johann Wlk ∞ Katharina Filistein

Erzdiözese Wien, Pfarre 05., St. Florian (Matzleinsdorf), Trauungsbuch 02-19, Fol. 119, Bild 02-Trauung_0120; online:  

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/05-st-florian-matzleinsdorf/02-19/?pg=122 (Zugriff: 15.3.2018)

 

[5] Trauung am 5. Mai 1861 – Pankraz Reh, Braunhirschengrund Nr. 154 ∞ Leopoldine Theresia Baumgartner, Sechshaus Nr. 41

Erzdiözese Wien, Pfarre 06., Mariahilf, Trauungsbuch 02-10, Fol. 92, Bild 03-Trauung_0094; online:

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/06-mariahilf/02-10/?pg=97 (Zugriff: 15.3.2018)