3. DIE HERKUNFT DER BRAUTLEUTE IN DEN JAHREN 1850 BIS 1870

 

 

  • Es wird zwar immer wieder davon gesprochen, dass die Zuwanderung aus den Kronländern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts  extrem zugenommen habe. So heißt es z. B. in einer privaten Internetplattform unter „Geschichte“ / „Bevölkerungsentwicklung in Wien“:

„…doch vervielfachte sich die Zahl der Zuwanderer ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als Wien allein zwischen 1857 und 1869 rund 218.000 neue Einwohner bekam.“[1]

 

  • Auch bei der Indexerstellung der Trauungen von Mariahilf zwischen 1850 und 1870 entstand beim Verfasser dieses Artikels der Eindruck, dass sehr viele Brautleute aus den Kronländern stammten. Immer wieder gab es Schwierigkeiten, tschechische Ortsnamen richtig zu lesen bzw. die entsprechenden Orte auf einer Karte zu finden. Aber es war während der Indexerstellung nicht möglich festzustellen, wie groß der Anteil der Zuwanderer tatsächlich war.

 

  • Es gibt zwar eine Untersuchung, die prinzipiell eine Antwort auf die Frage der Zuwanderung gibt, aber einerseits wollte ich wissen, wie weit diese Zahlen bzw. Prozentsätze, die für ganz Wien erhoben wurden, auch für den kleinen Bereich der Pfarre Mariahilf und noch dazu für die Gruppe der Katholiken gültig waren. Außerdem war eine größere Differenzierung bezüglich der Herkunftsländer beabsichtigt.

 

Als Ausgangspunkt für dieses Kapitel sollen die Ergebnisse dieser Studie für das Jahr 1856 dienen:

  

In den Statistischen Mitteilungen der Stadt Wien (Heft 4/2000) veröffentlicht das Statistische Amt eine demographische Studie der Bevölkerungsentwicklung auf dem Gebiet des heutigen Wien. Darin wird angegeben, wieviel Prozent der Bevölkerung, die 1856 in Wien lebte, aus Wien, aus anderen Bundesländern, aus Böhmen und Mähren sowie aus anderen Staaten stammten.

   

Für das Jahr 1856 wurden folgende Angaben gemacht [2]:

 

Wien: 43, 8 %

andere Bundesländer: 18, 8 %

Böhmen und Mähren: 22, 5 %

Andere Staaten: 11, 5 %

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20010618_OTS0047/die-wiener-bevoelkerung-in-den-letzten-jahrhunderten

 

Heiratsmatriken als Informationsquelle für die Zuwanderung [3]

 

Für das Auffinden der Geburtsorte von Bräutigam und Braut liefern die Heiratsmatriken von Mariahilf unschätzbare Hilfen. In Taufbüchern aus diesem Zeitraum findet man keine Angaben über den Herkunftsort der Kindeseltern.

In den Trauungsbüchern dagegen steht ausdrücklich „gebürtig von …“. Es kann angenommen werden, dass in den meisten Fällen die Eltern von Bräutigam und Braut an diesem Ort verblieben sind, auch wenn das selten ausdrücklich vermerkt wurde.

 

Leider konnte keine  einheitliche Linie bei der Angabe der „anderen Länder/Staaten“ verfolgt werden, da manchmal in den Kirchenbüchern zwar Herkunftsländer (eventuell ohne identifizierbare Orte) angegeben werden, sich aber gezeigt hat, dass diese nicht mit den heutigen Staaten ident sein müssen, z. B. Ungarn und Slowakei. Im Allgemeinen wurden die vom Schreiber verwendeten Ländernamen, z. B. Krain, Galizien, verwendet.

 

Wenn allerdings heute Orte im Gegensatz zu früher eindeutig zu Österreich gehören, wurden diese Österreich zugeordnet (z.B. burgenländische Orte, die ja früher zu Ungarn gehörten).

 

Auch Orte die heute im Bereich der Bundesrepublik Deutschland liegen, wurden diesem Staat zugeordnet.

 

In einzelnen Fällen war eine Zuordnung des Wohnortes zu einem Bundesland oder Staat nicht möglich, weil es mehrere Orte mit diesem Namen gibt.

 

Es gibt manchen Bräutigam und manche Braut, die herkunftsmäßig in meiner Tabelle nicht aufscheinen, weil sie diesbezüglich nicht erfasst werden konnten – vergessene Information des Kirchenbuchschreibers, unleserliche Schrift, unlösbare Probleme bei der Zuordnung eines Ortsnamens zu einem bestimmten Land. Die Zahlen und Angaben bei „andere Länder und Staaten“ sind also nicht ganz korrekt bzw. nicht ganz vollständig.

 

3.1. Geburtsort bzw. Herkunftsland des Bräutigams

 

Jahr

Zahl d.

Trau-ungen

Stadt

Maria-hilf

andere Vorstädte u.Vororte

andere Bundes-länder

Böhmen

Mähren

öst.

Schles

Deutsch-

land

Ungarn / Slowakei

andere Länder und Staaten

1850

111

3

4

27

17

3

21

10

1

16

4

Frkr., 2x pr. Schles., Südtirol, Kroatien

1851

154

5

3

48

34

5

25

14

1

7

7

Südtirol, Illyrien, preuß. Schlesien, Kroatien

1852

162

3

12

42

33

7

27

8

3

9

7

2x Illyrien, 3x preuß. Schlesien, Italien, russ. Polen

1853

140

4

4

35

23

8

20

13

6

15

3

Illyrien, Südtirol, 2x preuß. Schlesien, Galizien

1854

127

7

6

28

26

2

24

9

3

8

5

preuß. Schlesien, 2x It., 2x Galizien, Slowenien

1855

99

6

4

21

15

5

21

7

1

6

5

3x It., Schweiz, Küstenl., Krain, Galizien, pr. Schles.

1856

112

1

7

35

23

3

18

5

6

8

3

Banat, preuß. Schlesien

1857

147

3

8

33

26

5

29

23

3

1

12

Siebenbürgen, Schweiz, preuß. Schlesien

1858

129

0

6

26

19

6

24

16

2

11

11

Küstenland, 2x Galizien, Krain, preuß. Schlesien

1859

137

6

5

29

27

7

31

11

3

5

5

3x preuß. Schlesien, Frkr., 2x Galizien, Slowenien

1860

139

2

9

30

24

5

27

18

4

9

6

Galizien, Krain, Schweiz

1861

152

8

2

34

36

7

29

11

2

11

5

2x Slowenien, Krain, Dänemark, Gottschee

1862

141

3

5

32

27

5

27

16

2

12

3

2x Kroatien, Südtirol, It., Syrmien, 2x preuß. Schlesien

1863

106

1

4

27

10

3

23

17

7

4

8

Galizien

1864

141

2

5

33

26

10

32

18

2

5

2

pr. Schles., Schweiz, Küstenland, Kroatien, Slowenien

1865

94

3

2

20

20

7

17

10

4

3

6

Galizien, England

1866

113

0

1

26

24

5

23

11

4

7

5

Krain, 2x preuß.Schles., Küstenl., Militärgrenze, It.

1867

146

4

10

33

26

9

29

11

4

5

4

2x Krain, Polen, 2x pr. Schles.,Schweiz, S-Tirol, 3x Galizien

1868

157

5

7

32

33

7

31

13

6

6

8

S-Tirol, Frkr., Krain, 3x preuß. Schlesien, Galizien, Schweiz, Küstenland

1869

186

7

8

41

33

10

40

24

5

6

2

4x Militärgrenze, Galizien, 2x Krain, It., pr. Schles., Kroatien

1870

224

5

5

51

42

8

53

24

9

8

7

2x Galizien, It., Banat, Slowenien, Slawonien, pr. Schles. , Militärgrenze, Siebenbürgen

Summe

2917

78

117

683

544

127

571

289

78

162

118

119

 

100%

3%

4%

23%

19%

4%

20%

10%

3%

6%

4%

4%

 

Bei 30% lagen also die Geburtsorte im Bereich des heutigen Stadtgebietes von Wien, 19% kamen aus dem heutigen Niederösterreich.

Die Länder Böhmen, Mähren, österr. Schlesien, Ungarn/Slowakei, Deutschland sowie die vielen verschiedenen Länder und Staaten, die in der letzten Spalte zu finden sind, erreichten zusammen einen Anteil von 47%.

 

3.2. Geburtsort bzw. Herkunftsland der Braut

 

Jahr

Zahl d.

Trau-ungen

Stadt

Maria-hilf

andere Vorstädte u.Vororte

andere Bundes-länder

Böhmen

Mähren

öst.

Schles

Deutsch-

land

Ungarn / Slowakei

andere Länder und Staaten

1850

111

3

4

27

17

3

21

10

1

16

4

Frkr., 2x pr. Schles., Südtirol, Kroatien

1851

154

5

3

48

34

5

25

14

1

7

7

Südtirol, Illyrien, preuß. Schlesien, Kroatien

1852

162

3

12

42

33

7

27

8

3

9

7

2x Illyrien, 3x preuß. Schlesien, Italien, russ. Polen

1853

140

4

4

35

23

8

20

13

6

15

3

Illyrien, Südtirol, 2x preuß. Schlesien, Galizien

1854

127

7

6

28

26

2

24

9

3

8

5

preuß. Schlesien, 2x It., 2x Galizien, Slowenien

1855

99

6

4

21

15

5

21

7

1

6

5

3x It., Schweiz, Küstenl., Krain, Galizien, pr. Schles.

1856

112

1

7

35

23

3

18

5

6

8

3

Banat, preuß. Schlesien

1857

147

3

8

33

26

5

29

23

3

1

12

Siebenbürgen, Schweiz, preuß. Schlesien

1858

129

0

6

26

19

6

24

16

2

11

11

Küstenland, 2x Galizien, Krain, preuß. Schlesien

1859

137

6

5

29

27

7

31

11

3

5

5

3x preuß. Schlesien, Frkr., 2x Galizien, Slowenien

1860

139

2

9

30

24

5

27

18

4

9

6

Galizien, Krain, Schweiz

1861

152

8

2

34

36

7

29

11

2

11

5

2x Slowenien, Krain, Dänemark, Gottschee

1862

141

3

5

32

27

5

27

16

2

12

3

2x Kroatien, Südtirol, It., Syrmien, 2x preuß. Schlesien

1863

106

1

4

27

10

3

23

17

7

4

8

Galizien

1864

141

2

5

33

26

10

32

18

2

5

2

pr. Schles., Schweiz, Küstenland, Kroatien, Slowenien

1865

94

3

2

20

20

7

17

10

4

3

6

Galizien, England

1866

113

0

1

26

24

5

23

11

4

7

5

Krain, 2x preuß.Schles., Küstenl., Militärgrenze, It.

1867

146

4

10

33

26

9

29

11

4

5

4

2x Krain, Polen, 2x pr. Schles.,Schweiz, S-Tirol, 3x Galizien

1868

157

5

7

32

33

7

31

13

6

6

8

S-Tirol, Frkr., Krain, 3x preuß. Schlesien, Galizien, Schweiz, Küstenland

1869

186

7

8

41

33

10

40

24

5

6

2

4x Militärgrenze, Galizien, 2x Krain, It., pr. Schles., Kroatien

1870

224

5

5

51

42

8

53

24

9

8

7

2x Galizien, It., Banat, Slowenien, Slawonien, pr. Schles. , Militärgrenze, Siebenbürgen

Summe

2917

78

117

683

544

127

571

289

78

162

118

119

 

100%

3%

4%

23%

19%

4%

20%

10%

3%

6%

4%

4%


Bei 30% lagen also die Geburtsorte im Bereich des heutigen Stadtgebietes von Wien, 19% kamen aus dem heutigen Niederösterreich.

Die Länder Böhmen, Mähren, österr. Schlesien, Ungarn/Slowakei, Deutschland sowie die vielen verschiedenen Länder und Staaten, die in der letzten Spalte zu finden sind, erreichten zusammen einen Anteil von 33%.

 

Es ist jedenfalls festzuhalten, dass es bemerkenswerte Unterschiede bei den Herkunftsorten der männlichen und der weiblichen Eheleute gibt.

Während bei den Bräutigamen fast die Hälfte aus dem „Ausland“ kommt, ist es bei den Bräuten nur ein Drittel.

Im Gegensatz dazu sind die Zahlen bei den Frauen aus dem Bereich des heutigen Wien und aus Niederösterreich (61%) deutlich höher als jene bei den Männern (49%).

 

Mögliche Ursachen:

Die Suche nach neuen, besseren beruflichen Möglichkeiten könnte bei den Männern ein stärkerer Antrieb gewesen sein als bei Frauen, die Heimat zu verlassen und sich an einem fernen Ort anzusiedeln.

 

Zu dieser Zeit wurde oft am Wohnort der Braut, manchmal aber auch am Herkunftsort der Braut geheiratet. Es wäre also durchaus denkbar, dass manche zugewanderte Frau in ihrer (früheren) Heimat heiratete und daher in den Kirchenbüchern von Mariahilf nicht aufscheint.

 

Die Zahlen dokumentieren, dass der Zuzug in einem hohen Ausmaß erfolgte. Fast die Hälfte der Männer, die hier heirateten, stammte aus den Ländern der Monarchie, bei den Frauen war der Anteil erwartungsgemäß geringer, mit einem Drittel übertraf man die Summe aus dem heutigen Niederösterreich und den übrigen Bundesländern bei weitem.

 

Für bemerkenswert halte ich auch die Tatsache, dass doppelt so viele Männer aus Böhmen zuwanderten wie aus Mähren und dass die Zuwanderung  aus Ungarn / Slowakei nur sehr gering war.              

 

Vergleich der Erhebungen des Statistischen Amtes von 1856

mit den aus den Trauungsmatriken von Mariahilf gewonnenen Erkenntnissen

 

Die Tabelle beinhaltet die Werte des Statistischen Amtes, die Durchschnittswerte für die Brautpaare, bezogen auf die Herkunftsorte bzw. –länder. Es werden aber auch die Werte für Bräutigam und Braut getrennt angegeben, weil sie ja stark voneinander abweichen. Die Angaben für Wien beziehen sich auf das heutige Stadtgebiet.

 

 

Wien

Andere Bundesländer

Böhmen + Mähren

Andere Staaten

Summe in %

Statistisches Amt

43,8 %

18,8 %

22,5 %

11,5 %

96,6 %

Brautleute (Durchschnittswert)

34 %

25 %

27 %

13 %

99 %

Bräutigam

30 %

23 %

30 %

17 %

100 %

Braut

38 %

27 %

24 %

9 %

98 %

 

Es scheint so, als wäre der Anteil der Zuwanderer aus allen anderen Ländern bei der Erhebung 1856 (34 %) doch deutlich niedriger gewesen als bei den Heiraten in Mariahilf (40 %): Die Differenz beträgt 6 %.

Der Anteil jener Personen, die im Gebiet des heutigen Wien geboren wurden, differiert sogar um knapp 10%.

 

Es soll aber nochmals darauf hingewiesen werden, dass die Untersuchung des Statistischen Amtes einen bestimmten Stichtag im Jahr 1856 bzw. den ganzen Bereich des heutigen Wien betrifft, die Angaben über die Brautleute sich auf einen Zeitraum von 1850 bis 1870 und auf Trauungen in einer ganz bestimmten Wiener Pfarre beziehen – es wird bei Heiraten vor allem eine bestimmte Altersschicht stärker vertreten sein.

 

 

[1] Bevölkerungsentwicklung in Wien / Rubrik Geschichte / veröffentlicht von 1020-wien.at (eine private Internetplattform mit dem Ziel über Wien, Schwerpunkt 2. Bezirk Leopoldstadt, zu informieren); online:

http://www.1020-wien.at/demografie-wien.php  (Zugriff: 14.3.2018)

 

[2] Statistisches Amt / Daten 1856

Statistisches Amt, Eine demographische Studie der Bevölkerungsentwicklung auf dem Gebiet des heutigen Wien, in: Statistische Mitteilungen der Stadt Wien (Heft 4/2000), zitiert nach:

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20010618_OTS0047/die-wiener-bevoelkerung-in-den-letzten-jahrhunderten (Zugriff: 14.3.2018)

 

[3] Matriken der Pfarre Mariahilf

Matricula online, Österreich, Erzdiözese Wien, Pfarre 06., Mariahilf; online: http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/06-mariahilf/ (Zugriff: 29.3.2018)