Kapitel 6. Reindorfgasse 18 – früheres und derzeitiges Gebäude

 

Derzeit (November 2019) findet man an der Adresse Wien XV., Reindorfgasse 18, ein Haus, das 1904/1905 erbaut wurde (= „DAS NEUE HAUS“). Vorher stand hier ein Gebäude, das am Ende des 18. Jahrhunderts (jedenfalls vor 1789) errichtet wurde (= „DAS ALTE HAUS").

 

6.1. DAS ALTE HAUS

 

Leider konnte kein Foto gefunden werden, welches das Haus zeigt, das sich seit ca. 1770 – 1780 bis ungefähr 1904 am heutigen Standort Reindorfgasse 18 befand.

 

Deshalb wurde zuerst der Versuch unternommen, Karten und Häuserverzeichnisse als Informationsquellen heranzuziehen. Anschließend wurde eine Lithografie (um 1820) vorgestellt, die einen ungefähren Eindruck vom Aussehen des Hauses geben könnte.

 

6.1.1. Karten und Häuserverzeichnisse

 

Über die zunehmende Größe des Gebäudes geben manche Karten Aufschlüsse, und auch Häuserverzeichnisse bieten gewisse Anhaltspunkte durch Angabe der Stockwerke und der Anzahl von Wohnungen.

 

Umrisse der Gebäude auf Karten

 

.) Auf der Karte des Franziszeischen Katasters von 1819 [1] sind zwar keine Hausnummern eingezeichnet, sondern nur die Parzellennummern, aber diese sind auch im Grundbuch Braunhirschen unter Reindorf 35 angeführt [2]: Bauparzelle 167 (schwarz) und Grundparzelle 169 (rot).

 

 

Abb. 23. Franziszeischer Kataster von Mapire 1819.

Südöstlich  von der Kirche (Parzellennummer 117) befinden sich – am heutigen Standort von Reindorfgasse 18 –

die beiden Parzellen 167 und 169 [1]

 

Es ist deutlich zu erkennen, dass das damalige Gebäude nur etwas mehr als die Hälfte der Bauparzelle einnahm. Lediglich der Straßentrakt und ein Gebäudeteil zur Nachbarparzelle 166 waren ausgebildet.

 

.) Ein ähnliches Bild bietet die Franziszeische Katasterkarte, die man bei https://www.wien.gv.at/kulturportal/public/ mit der Datierung 1829 findet. [3]

 

 

Abb. 24. Franziszeischer Kataster 1829. Karte von https://www.wien.gv.at/kulturportal/public/

Bereich des Hauses mit der heutigen Adresse Reindorfgasse 18früher Reindorf KNR 35 [3]

 

  

.) Der Plan in Zieglers Wegweiser 1837 [4] weist zwar schon die Konskriptionsnummern auf, zeigt aber keine genauen Umrisse von Grundstücken oder Gebäuden. Er wird in diesem Zusammenhang daher nicht näher analysiert.

 

.) Im Jahr 1862 erschien Josephine Hackls Gemeinde-Schema mit einer Karte von Reindorf.

Damals war Franz Hornung Besitzer des Hauses. Als Berufe werden Gastwirt und Fuhrmann angegeben. [5] 

Die Karte in diesem Gemeinde-Schema lässt erkennen, dass auch auf der (früheren) Parzelle 169 ein kleiner Teil des Gebäudes mit der KNR 35 (Reindorf) steht, dass also mittlerweile die beiden Parzellen 167 und 169 zu einer Einheit verschmolzen sind, die aber erst ungefähr zur Hälfte verbaut ist. Es ist auch bereits die Arnsteingasse angelegt worden, aber nicht unmittelbar angrenzend an die Grundgrenze von Parzelle 169, sondern es ist eine Parzellenreihe dazwischen frei gelassen worden. Im Bereich von Reindorf 35 gibt es an der Hinterseite zu diesem Zeitpunkt vorerst nur das Eckhaus Arnsteingasse / Schulgasse, das die KNR 71 hat. [6]

 

 Abb. 25. Karte aus Josephine Hackls Gemeinde-Schema von 1862: Bereich von Reindorf KNR 35 (heute Reindorfg. 18).

Die Karte ist im Vergleich zum Digitalisat um 180° gedreht.

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/344512?zoom=6&lat=1650.04962&lon=2433.09&layers=B (Zugriff: 20.10.2019)

 

.) Die folgende Karte von 1871 (mit den neuen Orientierungsnummern) ist zwar etwas unscharf, sie zeigt aber, dass sich am Gebäude Kirchengasse 18 (blaues x – früher Reindorf KNR 35) im letzten Jahrzehnt wenig geändert hat. An der Hinterseite ist in der Arnsteingasse ein weiteres Haus erbaut worden. [7]

 

 

Abb. 26. Karte Steinhöffer 1871. Bereich der Kirchengasse 18. [7]

 

Größe der Liegenschaft und Zahl der Wohnungen – Vergleich mit anderen Häusern

 

.) Auf einem Plan aus dem Jahr 1775 im Häuserverzeichnis von Smöch [8] kann man erkennen, dass das Haus Kirchengasse 18 im Verhältnis zu vielen anderen Gebäuden in dieser Gasse relativ groß war. 

 

 

Abb. 27. Kartenausschnitt aus dem HV 1875 von Smöch – Bereich der Kirchengasse 18 [8]

 

Der Größenunterschied spiegelt sich auch in den Angaben im Häuserverzeichnis wider: [9]

Kirchengasse 18, frühere KNR 35, Zins: 3960, 1 Stockwerk, 16 Wohnungen, Besitzer: Samuel Neurath

Das Haus war also nicht ebenerdig, sondern einstöckig, und es gab 16 Wohnungen.

 

Das Nachbarhaus Kirchengasse 20 / Schulgasse 9 (früher: Reindorf KNR 34, Besitzer: Jacob Gaugusch) hatte „nur“ 13 Wohnungen, das andere Nachbargebäude Kirchen-Gasse 16 / Schulgasse 9 (früher: Reindorf KNR 36, Besitzer: Carl Netter) hatte gar nur 10 Wohnungen.

 

Das Haus gegenüber von Kirchengasse 18, nämlich Kirchengasse 15 (früher: Reindorf 21+22; Besitzer: Simon Singer), hatte dagegen zwei Stockwerke und 19 Wohnungen.

 

.) Im Kataster der Vororte aus dem Jahr 1888 sind die Angaben in Bezug auf die Wohnungszahlen ähnlich: [10]

Kirchengasse 18 hat 19 Wohnungen, Kirchengasse 20 12 Wohnungen, Kirchengasse 16 10 Wohnungen.

Das Haus gegenüber mit der Nr. 15 hat 22 Wohnungen.

In diesem Häuserverzeichnis werden aber die Ausmaße der Grundflächen angegeben, getrennt nach „verbaut“ und „unverbaut“.

 

Nr. 18: 906 m2 verbaut, keine unverbaute Fläche

Nr. 20: 586 m2 verbaut, keine unverbaute Fläche

Nr. 16: 439 m2 verbaut, 245 m2 unverbaut

Nr. 15: 712 m2 verbaut, 586 m2 unverbaut; im Gegensatz zu den 3 anderen Häusern jedoch 2 Stockwerke

 

.) Das HV von Lenobel aus dem Jahr 1905 kann bezüglich des Hauses Reindorfgasse 18 nur mit Vorbehalt verwendet werden. [11] Hier haben sich offenbar Fehler eingeschlichen: Als Baujahr wird zwar 1904 angegeben, aber es gibt laut Lenobel nur ein Stockwerk, obwohl das neue Gebäude nachweislich 3 Stockwerke hatte.

 

Zusammenfassung:

Für das Aussehen des alten Hauses ist wesentlich, dass es einstöckig war und, da es auch für Fuhrleute geeignet war, eine große Einfahrt bzw. ein großes Tor besessen haben muss. Es muss auch Gebäude oder Gebäudeteile gegeben haben, die als Stall geeignet waren. Im Parterre muss es auch zumindest einen sehr großen Raum gegeben haben, der als Gaststube für ein Wirtshaus diente. Mit Sicherheit gab es auch ein „Gassengewölbe“ des Trödlers Samuel Neurath, in dem dieser Pretiosen zur Schau stellte. [12] Es ist allerdings denkbar, dass diese Räumlichkeiten in früheren Zeiten zum Gasthaus gehörten.       

 

6.1.2. Wie könnte das Haus ausgesehen haben?

 

 

Es gibt eine Lithografie von 1820, welche die in unmittelbarer Nähe befindliche Reindorfkirche mit einigen Häusern der damaligen Zeit zeigt. Neben der Kirche befindet sich der Pfarrhof, der wegen seiner Bedeutung wohl etwas stattlicher war als die übrigen Häuser. Aber das übernächste Gebäude mit dem roten Dach, das einstöckig ist und in der Mitte ein großes Tor hat, könnte im Stil dem Haus entsprochen haben, das sich an der Stelle des heutigen Hauses Reindorfgasse 18 befand. [13]

 

 

Abb. 28. Titel: Ansicht von Reindorf. Litographie, koloriert, um 1820

Digitale Sammlung: Europeana Travel / Inv.-Nr. Pb 18156,219 / ÖNB

 

http://www.bildarchivaustria.at/Preview/7970676.jpg (Zugriff: 29.10.2019) [13]

 

 

6.2. DAS NEUE HAUS

 

6.2.1. Bauzeit und Baukonsens

 

6.2.1. Bauzeit und Baukonsens

Im Jahr 1904 (lt. Angabe im HV 1905 von Lenobel [11] und im Generalstadtplan 1904 von Wien [14]) oder im Jahr 1905 (lt. HV1928 von Salzberg [15]) wurde an der Stelle des alten Hauses ein neues errichtet, lt. HV Salzberg 1928 mit denselben Gesamtausmaßen von 906 m2, die auch  1875 (Smöch) und 1888 (Kataster der Vororte) genannt werden.

 

In zwei Jahrgängen des Lehmann-Adressbuches fehlt die Familie Samek an der Adresse Reindorfgasse 18. Wegen des Totalabrisses und des Neubaus benötigte sie ein Ausweichquartier in Wien 14., Ullmannstr. 41. (Möglicherweise hinkt der Lehmann mit den Jahren 1905 und 1906 der Realität etwas hinterher). [16]

Im Bescheid des Magistrat. Bezirksamtes für den XIV. Bezirk Z. 9415/04 „Jonas und Amalia Samek um Baukonsens“ vom 3. Mai 1904 wird für die Familie Samek jedenfalls bereits diese Adresse genannt: [17]

 

„Vom magistratischen Bezirksamte für den XIV. Bezirk wird Herrn Jonas Markus und Frau Amalia Samek XIV. Bez. Ullmannstrasse Nr. 41 als Eigentümer der im Grundbuche des XIV. Bezirkes, Einl(agezeahl) Nr. 270 inneliegenden Baustelle in der Reindorfgasse Nr. 18 auf Grund Stadtrathsbeschlusses vom 8. April 1904 Z. 4510[?] nach den genehmigten Planparien die Bewilligung erteilt auf dieser Realität nach Demolierung der bestehenden Objekte unter Einhaltung der sub Z. 7997 ex 1903 bekanntgegebenen Baulinie ein aus einem Gassendoppeltrakte in der Reindorfgasse und einem Hofdoppeltrakte bestehendes drei Stockwerke entfaltendes Wohn- und Geschäftshaus, nebst einem an der rückwärtigen Nachbarsgrenze befindlichen linken ebenerdigen Remisen – und einem rechten ebenerdigen Stallgebäude zu erbauen und bei demselben u. der Reindorfgasse zwei Lichteinfallschächte mit je einer Länge von 2.40 m und einer Breite von 90 cm herzustellen und im I. II. und III. Stock einen gemauerten Erker mit einem Vorsprunge von 0.65 m über den Mauergrund und einer Länge von 3.74 m anzubringen.“

 

* Eine genauere Beschreibung des Bauplans, insbesondere bezüglich der Lage des Remisen- und des Stallgebäudes, ist im Rahmen eines Updates in einigen Wochen geplant.

 

6.2.2. Die Fassade

 

Die heutige Fassade ist schlicht und unauffällig:

 

 

Abb. 29. Fassade des Hauses Reindorfgasse 18. Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

Nach Berichten von älteren Bewohnern soll etwa im Jahr 1953 eine große Fassadenrenovierung notwendig geworden sein, bei der aus Kostengründen nicht mehr die ursprüngliche, wesentlich ansprechendere Fassade wiederhergestellt werden konnte.

 

Ein alter Fassadenentwurf aus dem Archiv der Baupolizei zeigt (möglicherweise) die ursprüngliche Ausführung: [17]

 

 

Abb. 30. Fassadenplanung lt. Bauplan von 1904. Akten im Archiv der Baupolizei, MA 37 [17]

 

6.2.2. Haus eines „Möbelhändlers“

 

Nach dem Tod der Eltern bzw. Schwiegereltern Rosa Neurath (+ 1900) und Samuel Neurath (+ 1902) waren Amalie und Jonas Samek ab Jänner 1903 grundbücherlich im Besitz der gesamten Liegenschaft Reindorfgasse 18. [18]

 

Jonas Samek wurde bis 1904 im Lehmann-Adressbuch von Wien als Trödler bezeichnet, ab 1907, also mit der ersten Eintragung nach dem Bau des neuen Hauses, als Möbelhändler.  [19]

 

Offenbar besteht ein gewisser Zusammenhang zwischen dem Neubau und dem „Berufswechsel“ des Jonas Samek. Das alte Haus bot wohl nicht die Voraussetzungen für Möbellagerung, für Möbelrestaurierungen bzw. für Tischlerarbeiten.

 

Es sollen zwei Bedingungen des Baukonsenses, die hauptsächlich die Sicherheit betreffen, herausgegriffen werden [20]. Sie zeigen, dass die Behörden über die beabsichtigte Lagerung von Möbeln in größerem Umfang informiert waren.

 

9) Die im Parterre befindlichen Magazinsräume sind mit rauchdichtschließenden feuersicheren Abschlüssen gegen den Parterregang zu versehen und ist der mit Siemens – Kraftglas gedeckte Hofraum zur Möbellagerung bzw. zu Magazinszwecken nicht zu benützen.

 

10) Im Parterre und im Souterrain sind in der Nähe der Stiegenabgänge Hydranten mit 52 m/m Zuleitung herzustellen; bei den Hydranten sind Schläuche in solcher Länge anzubringen, daß dieselben bis in die entferntesten Punkte der Magazinsräume reichen.“ [20]

 

Von diesen Auflagen bzw. von dieser gewerblichen Tätigkeit gibt es noch Relikte:

 

a) Ein kleiner, unauffälliger Hydrant im Hausflur im Parterre, dessen Funktion den Bewohnern des Hauses nicht mehr bekannt ist. Die dazugehörigen Schläuche fehlen ja sicherlich auch schon seit Jahrzehnten, weil es auch schon lange keine Möbellagerungen in diesem Haus mehr gibt.

 

 

Abb. 31. Hydrant im Flur des Hauses Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

b) Die Schienen für den Möbeltransport innerhalb des Hauses, die heute zum Teil von einem Teppich verdeckt werden.

  

 

Abb. 32. Schienen für den Transport von Möbeln im Haus Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

6.2.3. Ein Haus mit Liebe zum Detail

 

Bei einem Gang durch das Haus gibt es manche Besonderheiten zu entdecken, die einen großen Kunstsinn des Bauherrn offenbaren und einen deutlichen Einfluss des Jugendstils zeigen.

 

Beispiele:

 

a) Kunstvolle Gestaltung des Hausflurs und schmiedeeisernes Eingangstor

 

 

Abb. 33. Flur des Hauses Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

  

b) Geschmackvolle Gestaltung des Eingangsbereiches zu den Wohnungen (Türen, Gangfenster, Böden):

 

 

Abb. 34. Eingangsbereich zu einer Wohnung im Haus Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

c) Schmiedeeiserne Fenstergitter zum Gang hin und rechts Haken für das Aufhängen von Mänteln außerhalb der Wohnung

 

 

Abb. 35. Schmiedeeiserne Gitter und Garderobehaken am Gang.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

d) Praktische bzw. kraftsparende Abstellvorrichtungen für Butten und andere Lasten vor den Wohnungs- oder Aufzugstüren:

 

 

Abb. 36. Abstellvorrichtungen im Stiegenhaus Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

e) Stilvolle Türschnallen

 

 

Abb. 37. Türschnalle im Parterre des Hauses Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

  

f) Kunstvolle Fensterscheiben

 

 

Abb. 38. Fensterscheiben im Stiegenhaus Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

g) Schmiedeeiserne Stiegengeländer

 

 

Abb. 39. Stiegenhausgeländer Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

6.2.4. Ein Haus, in dem bis 1938 Dr. Oskar Samek wohnte und einen Gedenkraum für Karl Kraus einrichtete

 

a) Erinnerung an Dr. Oskar Samek:

Laut den Erhebungen des "Fonds zur Hilfeleistung an politisch Verfolgte, die ihren Wohnsitz und ständigen Aufenthalt im Ausland haben", war die letzte Adresse von Dr. Oskar Samek in Österreich: Wien XIV., Reindorfgasse 18 / 5 [21] 

 

Zwei Fotos von jener Wohnung, in der Dr. Oskar Samek angeblich gelebt hat und in der sich auch sein Büro befunden haben soll:

 

 

Abb. 40. Ehemalige Wohnung von Dr. Oskar Samek im Haus Reindorfgasse 18.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

 

Abb. 41. Ehemalige Wohnung von Dr. Oskar Samek im Haus Reindorfgasse 18, von der Dachterrasse aus.

Foto: Günter Oppitz (22.10.2019)

 

b) Erinnerung an Karl Kraus und das Karl-Kraus-Museum:

 

In einem anderen Hof des Hauses Reindorfgasse 18 soll sich die ehemalige Tischlerwerkstätte befunden haben, in der Dr. Oskar Samek den Büroraum von Karl Kraus nachgebildet hat. Von der Gedenkstätte für Karl Kraus ist jedoch nichts geblieben – und der Raum (heute Privatbesitz) kann nicht betreten werden. Von oben ist nur ein Blechdach zu erkennen, das teilweise mit Efeu bewachsen ist. Darunter soll sich ein Wintergarten befinden.

 

* Eine kurze Analyse des Bescheids aus dem Jahr 1936 für den Umbau dieses Raumes zum Karl-Kraus-Museum ist im Rahmen eines Updates in einigen Wochen geplant.

 

Zur Beziehung zwischen Samek und Kraus einige Sätze aus einem Artikel von Gerhard Strejcek:

Dr. Oskar Samek war „Freund und Rechtsvertreter des "Fackel"- Herausgebers, für den er hunderte Prozesse führte.[…] Dass sich Samek als Hüter des Kraus’schen Erbes berufen fühlte, zeigt seine Initiative im Winter 1936, als er nach dem Tod des Autors dessen Arbeitszimmer in der Lothringerstraße ab- und detailgenau in seinem Haus in der Rudolfsheimer Reindorfgasse in einer ehemaligen Tischlerei im Hof als Privatmuseum wieder aufbaute. Die Kraus-Bibliothek ging anlässlich seiner erzwungenen Emigration im Oktober 1938 verloren, SA-Angehörige drangen in die Wohnräume ein und stapelten die Bücher im Hauseingang zur freien Entnahme, wie Dietmar Grieser berichtet.“ [22][23]

 

Einige Fotos vom Wohn- und Sterbehaus des Schriftstellers und Publizisten Karl Kraus:

 

 

Abb. 42. Lothringerstr. 6. Wohn- und Sterbehaus von Karl Kraus. 

Am linken Rand der Fassadenfront ist die Gedenktafel zu sehen.

Foto: Günter Oppitz (1.10.2019)

 

 

Abb. 43. Gedenktafel für Karl Kraus am Haus Lothringerstr. 6

Foto: Günter Oppitz (1.10.2019)

 

Karl Kraus wohnte im etwas zurückgesetzten Mitteltrakt eines riesigen Gebäudes mit der Anschrift Lothringerstraße 4 – 8, dessen Dimensionen einem erst bewusst werden, wenn man auf der anderen Seite dieser Straße steht.

  

 

Abb. 44. Lothringerstraße 4 – 8. Zurückgesetzter Trakt: Nr. 6, Wohn- und Sterbehaus von Karl Kraus.

Foto: Günter Oppitz (1.10.2019)

 

Am Haus Lothringerstr. 6 erinnert immerhin noch eine Gedenktafel daran, dass Karl Kraus hier gewohnt hat und 1936 hier gestorben ist.

 

Am Haus Reindorfgasse 18 gibt es keinen Hinweis darauf, dass es eine Verbindung zwischen diesem Gebäude und den zwei sehr streitbaren, auch umstrittenen Persönlichkeiten gab, deren Leistungen und Verdienste an anderer Stelle (z. B. Wienbibliothek) sehr wohl untersucht und gewürdigt werden. Man wird nicht darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Haus Dr. Oskar Samek gehörte, dass er hier 49 Jahre wohnte und dass er 1938 Österreich verlassen musste. Und man wird nicht daran erinnert, dass es hier ein kleines, von ihm gegründetes Karl-Kraus-Museum gegeben hat, das nach seiner Emigration aufgelöst wurde.

 

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[1] Franziszeischer Kataster von Mapire 1819

https://mapire.eu/de/map/cadastral/?layers=3%2C4&bbox=1817607.276820822%2C6138256.321049352%2C1818317.603736019%2C6138465.32854857 (Zugriff: 29.10.2019)

[2] Grundbuch Braunhirschen B 199, 1a, Dienstbuch A, Fol. 283, aus dem Bestand des Wiener Stadt- und Landesarchivs

[3] Karte von https://www.wien.gv.at/kulturportal/public/ → Eingabe „Reindorfgasse 18“ → Historische Stadtpläne → Franziszeischer Kataster 1829

[4] HV 1837 Ziegler „Wegweiser“

Wegweiser, in den Ortschaften: Fünfhaus, Sechshaus, Braunhirschen, Reindorf und Rustendorf : (Außer der Mariahilfer Linie) ; Mit einem Grundrisse / herausgegeben von Anton Ziegler. Wien 1837

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1858749?zoom=4&lat=1198.35425&lon=3406.72581&layers=B (Zugriff: 20.10.2019) (in der Wienbibliothek unter „Karten und Pläne“)

[5] 1862 Gemeinde-Schema / hrsg. von Josephine Hackl. Redacteur: A. Löffler. Wien : Keck & Comp., 1862, Häuserverzeichnis / Reindorf KNR 35

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/344503?zoom=1&lat=216.79309&lon=982.31782&layers=B (Zugriff: 20.10.2019)

[6]1862 Gemeinde-Schema

Gemeinde-Schema / hrsg. von Josephine Hackl. Redacteur: A. Löffler. Wien : Keck & Comp., 1862, Karte: Aufnahme [16]

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/344512?zoom=4&lat=1116.1887&lon=2336.14791&layers=B (Zugriff: 20.10.2019)

[7] Karte von Steinhöffer 1871

Orientirungskarten der Wiener Umgebung / Blatt: 8 (1871) Fünfhaus, Sechshaus, Rudolfsheim, Gaudenzdorf, Ob. u. Unt. Meidling, Wilhelmsdorf u. Breitensee / entworfen u. gezeichnet nach den neuesten Quellen v. Carl Steinhöffer. Wien : Artaria & Co., 1871

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1827167?zoom=6&lat=2837&lon=3646&layers=B (Zugriff: 29.10.2019)

(Wienbibliothek: unter „Stadtpläne und Karten“)

[8] 1875 HV Smöch

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/341809?zoom=6&lat=2237&lon=3465&layers=B

(Zugriff: 29.10.2019)

[9] 1875 HV Smöch

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/341801?zoom=3&lat=1437.83602&lon=1077.69909&layers=B (Zugriff: 29.10.2019)

[10] HV 1888 Kataster der Vororte

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/342956?zoom=3&lat=1292&lon=1004&layers=B (Zugriff: 24.10.2019)

[11] HV 1905 Lenobel

Häuser-Kataster der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien : verfasst auf Grund des vom k. k. Oesterr. Finanz-Ministerium und der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellten Quellenmaterials / Hrsg.: Josef Lenobel. XIV. Bezirk, Rudolfsheim. Wien 1905

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/815292?zoom=3&lat=3241.27128&lon=1419.6742&layers=B

(Zugriff: 24.10.2019)

[12] Vgl. Kapitel 4.4. Zeitungsmeldungen über die Familie Neurath / Nr. 3 und 5

[13] Titel: Ansicht von Reindorf. Litographie, koloriert, um 1820

Digitale Sammlung: Europeana Travel / Inv.-Nr. Pb 18156,219 / ÖNB

http://www.bildarchivaustria.at/Preview/7970676.jpg (Zugriff: 29.10.2019)

[14] Karte von https://www.wien.gv.at/kulturportal/public/ → Eingabe „Reindorfgasse 18“ → Historische Stadtpläne → Generalstadtplan 1904

[15] HV 1928 Salzberg

Häuser-Kataster der Bundeshauptstadt Wien : . 14. und 15. Bezirk / zsgest. auf Grund amtlicher Daten von J. Wolfgang Salzberg. Wien. 1928

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1793048?zoom=2&lat=59.205&lon=1663.28&layers=B (Zugriff: 29.10.2019)

[16] Vgl. Kapitel 5.2.

[17] Bescheid des Magistrat. Bezirksamtes für den XIV. Bezirk Z. 9415/04 „Jonas und Amalia Samek um Baukonsens“ vom 3. Mai 1904, Bestand der Baupolizei

[18] Vgl. Kapitel 5.1.

[19] Vgl. Kapitel 5.2.

[20] Bescheid des Magistrat. Bezirksamtes für den XIV. Bezirk Z. 9415/04 „Jonas und Amalia Samek um Baukonsens“ vom 3. Mai 1904, Bestand der Baupolizei

[21] Antragsformulare von Dr. Oskar Samek 1957 – 1961 / Erhebungen des Fonds zur Hilfeleistung an politisch Verfolgte, die ihren Wohnsitz und ständigen Aufenthalt im Ausland haben / Kopien von Formularen. In welchem Archiv sich die Originale befinden, ist derzeit (noch) nicht bekannt. 

[22] Strejcek 2019

Gerhard Strejcek, Streiten für Karl Kraus, in: Wiener Zeitung, 17.03.2019

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/literatur/2001567-Streiten-fuer-Karl-Kraus.html (29.10.2019)

[23] Grieser 1989

Dietmar Grieser, Karl Kraus – Reindorfgasse 18, in: Wiener Adressen. Ein kulturhistorischer Wegweiser von Dietmar Grieser. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1989, S. 189ff.