8. DER GESCHICHTLICHE HINTERGRUND FÜR DIE VIER STRASSENNAMEN

 

1) Die THEOBALDGASSE wurde 1862 einerseits nach dem ehemaligen Theobaldkloster benannt [17], andererseits war „St. Theobald“ wohl schon im 15. Jahrhundert eine Ortsbezeichnung, ein Ortsname.

 

 

Die Theobaldgasse war ursprünglich eine sehr kurze Gasse vor dem ehemaligen Klostergebäude, damals eine Erziehungsanstalt für junge Adelige.

 

2) Ihren Namen verdankt die WINDMÜHLGASSE dem Ortsnamen Windmühl, der Bezeichnung für eine eigenständige Vorstadt Wiens war, die 1850 in den damals 5. Bezirk Mariahilf aufgenommen wurde.

 

Möglicherweise hat nur eine einzige Windmühle dem Ort den Namen gegeben:

Auf dem Grund des zerstörten Franziskanerklosters St. Theobald sollte der Reichsherold Johann Francolin 1562 im Auftrag von Kaiser Friedrich I. Windmühlen errichten. Es ist jedoch nur eine einzige Windmühle (heutige Adresse: Capistrangasse 10) bekannt. Nachweisbar ist aber die Errichtung von Miethäusern.[18]

 

 

3) Die FILLGRADERGASSE wurde anlässlich der Parzellierung des Klostergartens der Karmeliter 1787 angelegt und anfangs als Rosengasse bezeichnet. Ab 1862 wurde sie nach der Witwe eines Glockengießers, Maria Anna Fillgrader (1763 – 1861), einer großen Wohltäterin, benannt. [19]

 

Auf der Info- und Serviceseite der Wiener Stadtverwaltung werden ihre Verdienste um die Armen etwas genauer ausgeführt [20]:

 

Durch das Elend und die bittere Not der Bewohnerinnen und Bewohner im Grätzel veranlasst, gründete Maria Anna Fillgrader, Witwe des Glockengießers Georg Fillgrader, eine Stiftung für verarmte Bürgerinnen und Bürger. Im Jahresbericht von 1867 bis 70 des Wiener Bürgermeisters wurde dazu festgehalten: "Name des Stifters: Fillgrader Maria-Anna. Datum der Urkunde: 14. Juli 1832. Widmung: Zum Ankauf von Brennholz für Arme in der Vorstadt Laimgrube".

 

1915 beschloss der Wiener Stadtrat, dass dem wohltätigen Ehepaar ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof gewidmet wird.

 

 

Dieses Ehrengrab für Johann Georg und Maria Anna Fillgrader, gestorben 1824 bzw. 1831, befindet sich in Gruppe 44A. [21]

 

 

 

 Abb. 20: Ehrengrab von Johann Georg und Maria Anna Fillgrader

auf dem Wiener Zentralfriedhof

Foto: Autor (2017) 

 

Maria Anna Fillgraders Wirken wurde im Rahmen einer Ausstellung des Bezirksmuseums Mariahilf mit dem Titel „Töchter Mariahilfs“ im November 2014 gewürdigt. [22]

  

Es gab allerdings zwei Stiftungen [23]:

 

1) von Maria Anna allein, Stiftbrief vom 14.7.1832:

„Zum Ankaufe von Brennholz für Arme der Vorstadt Laimgrube. Capit.: 1840 fl. ö. W. in Wertpap. – Jährl. Interess. 77 fl. 28 kr.“

 

2) von Georg und Anna Fillgrader, Stiftbrief vom 13.7.1837:

„Zur Unterstützung verunglückter Bürger von Wien unter vorzugsweiser Berücksichtigung der Bürger der ehemaligen Vorstadt Laimgrube und an der Wien. Capit.: 36.840 fl. in Werthpap. – Jährl. Interess. 1547 fl. 28 kr.“

 

Diese beiden Stiftungen werden auch 1871 [24] und 1895 [25] ausdrücklich festgehalten.

Unklar erscheint, warum bei der Würdigung der Verdienste des Ehepaares Fillgrader in heutiger Zeit meist nur von der Stiftung 1832 gesprochen wird.

 

Die Sterbeeintragung des Johann Georg Fillgrader [26] im Sterbebuch der Pfarre St. Josef ob der Laimgrube:

Gestorben am 2. August 1824, wohnhaft Laimgrube KNR 157; Johann Georg Fillgrader, gewesener bürgerlicher Stück- und Glockengießer, 69 ½ Jahre, Todesursache: Lungen- und Luftröhrenschwindsucht, begraben am 4. August auf dem Hundsturmer Friedhof

  

Die Sterbeeintragung der „Anna Fillgraber, k.k. Hof und bürg. Glockengiessers Witwe“ [27] findet man ebenfalls im Sterbebuch der Pfarre St. Josef ob der Laimgrube mit folgenden weiteren Angaben: Gestorben am 15. November 1831, wohnhaft Laimgrube Konskriptionsnummer 157, 76 Jahre, Todesursache: Lungengeschwüre, begraben am 17. November auf dem Hundsturmer Friedhof.

 

Im Häuserverzeichnis (HV) von 1821 (Gutjahr) [28] ist Georg Fillgrader in Laimgrube und An der Wien als Hausbesitzer von KNR 157 (in der Kothgasse, also der Gumpendorfer Straße) verzeichnet. Als frühere KNR wird 141 angegeben.

 

Im HV 1829 (Behsel) gibt es folgende Eintragung [29]:

KNR 157 (früher 141, noch früher 61): Anna Fillgrader, Kothgasse

 

Im HV 1875 (Schlesinger) werden die neue Orientierungsnummer und die alte Konskriptionsnummer genannt [30]:

Gumpendorfer Straße 35 = Laimgrube KNR 157 / Eigentümer: Josef Herz

Das heutige Gebäude in der Gumpendorfer Straße (früher Kothgasse) wurde im Jahr 1901 vom Architekten Anton Gürlich errichtet. [31]

 

 

 

 

Abb. 21: Hausnummer in der Fillgradergasse

Foto: Autor (2017)

 

Abb. 22: Fillgrader-Hof (gegenüber der Fillgrader-Stiege)

Foto: Autor (2017)

 

 

Abb. 23: Fillgrader-Stiege

Foto: Autor (2017)

 

 

Es gibt zwar eine Fillgradergasse, einen Fillgrader-Hof, eine Fillgrader-Stiege, ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, aber es gibt keine Gedenktafel, die daran erinnert, wo das Wohnhaus des Ehepaares Fillgrader stand.

 

4) Die CAPISTRANGASSE hat ihren Namen seit 1906 im Gedenken an den Franziskanermönch Johannes Capistranus, der im Jahr 1451 ein frei gewordenes älteres Kloster übernahm und den Heiligen Theobald und Bernhard weihte.

Der Gassenname ist nicht unumstritten, da Johannes Capistranus nicht nur ein berühmter Wanderprediger war, der 1690 heilig gesprochen wurde, sondern von manchen auch als Inquisitor gesehen wird, der vor allem die Juden verfolgte und Pogrome gegen sie richtete.

An ihn erinnert auch die Capistran-Kanzel im Wiener Stephansdom. [32]

 

 

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[17] WIKIPEDIA, Liste der Straßennamen von Mariahilf; online:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stra%C3%9Fennamen_von_Wien/Mariahilf#T (Zugriff: 6.7.2017)

 

[18] WIEN GESCHICHTE WIKI: Windmühl (Vorstadt); online:

https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Windm%C3%BChle_(Vorstadt) (Zugriff: 6.7.2017)

 

[19] WIEN GESCHICHTE WIKI, Fillgradergasse; online:

https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Fillgradergasse (Zugriff: 1.7.2017)

 

[20] Maria Anna Fillgrader im VI. Bezirk; online:

https://www.wien.gv.at/mariahilf/geschichte-kultur/fillgrader.html (Zugriff: 6.7.2017)

 

[21] Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs: Wien : X. bis XIX. und XXI. bis XXIII. Bezirk, hrsg. von Wolfgang Czerny u.a. Wien 1996, S. 109

[22] Mariahilf: Ausstellung im Bezirksmuseum über Frauen im Straßenbild“.

APA-Presseaussendung der Stadt Wien, online:

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20141103_OTS0056/mariahilf-ausstellung-im-bezirksmuseum-ueber-frauen-im-strassenbild (Zugriff: 1.7.2017)

 

[23] Das Armenwesen in Wien und die Armenpflege im Jahrzehnt 1863-1872: Geschichtlich, administrativ und statistisch bearbeitet vom städtischen statistischen Bureau. Wien 1875, S. 196; online:

https://books.google.at/books?id=JWoSAAAAIAAJ&pg=PA196&dq=Maria+Anna+Fillgrader&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiCxc2s0ujUAhVCbxQKHSgvAH0Q6AEIIjAA#v=onepage&q=Maria%20Anna%20Fillgrader&f=false (Zugriff: 1.7.2017)

 

[24] Die Gemeinde-Verwaltung der k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien in den Jahren 1867 - 1870, Bericht des Bürgermeisters Cajetan Felder,  Gerlach & Wiedling 1871, S. 583; online:

https://books.google.at/books?id=M01MAQAAIAAJ&pg=PA583&dq=fillgrader+stiftung&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjK74yd9-7UAhWkAcAKHZ5bDHsQ6AEIJjAB#v=onepage&q=fillgrader%20stiftung&f=false (Zugriff: 6.7.2017)

 

[25] Die Wiener Stiftungen: Ein Handbuch. Wien, Gerold in Komm., 1895, S. 361, 153; online:

https://books.google.at/books?id=xkcMAQAAMAAJ&q=fillgrader&dq=fillgrader&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiU5YTm_O7UAhUGCBoKHbKvARQQ6AEIPzAG (Zugriff: 4.7.2017)

 

[26] Sterbeeintragung von Johann Georg Fillgrader:

Erzdiözese Wien, Pfarre 06., St. Josef ob der Laimgrube, Sterbebuch 03-08, Fol. 51, Bild 02-Tod_0051; online:

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/06-st-josef-ob-der-laimgrube/03-08/?pg=53 (Zugriff: 5.7.2017)

 

[27] Sterbeeintragung der Maria Anna Fillgrader:

Erzdiözese Wien, Pfarre 06., St. Josef ob der Laimgrube, Sterbebuch 03-09, Fol. 86, Bild 02-Tod_0086; online:

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/06-st-josef-ob-der-laimgrube/03-09/?pg=88 (Zugriff: 5.7.2017)

 

[28] HV 1821 (Gutjahr); online:

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/412830?zoom=2&lat=1600&lon=1000&layers=B (Zugriff: 1.7.2017)

 

[29] HV 1829 (Behsel); online:

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/422809?zoom=2&lat=543.53909&lon=885.94455&layers=B (Zugriff: 1.7.2017)

 

[30] HV 1875 (Schlesinger); online:

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/342095?zoom=2&lat=567&lon=910&layers=B (Zugriff: 1.7.2017)

 

[31] Aktueller Stadtplan von Wien bei www.wien.gv.at / Kulturgut / Architektur / Gebäudeinformationen für Gumpendorfer Straße 35

 

[32] Wikipedia, Johannes Capistranus

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Capistranus (Zugriff: 1.7.2017)