6. ÄNDERUNGEN VON STRASSENVERLÄUFEN UND STRASSENNAMEN UND ENTSTEHUNG VON NEUEN STRASSENABSCHNITTEN

 

Es wurden folgende Straßen bzw. Gassen näher behandelt, weil sie in einem besonderen Zusammenhang mit der Neustrukturierung des Windmühlviertels am Anfang des 20. Jahrhunderts stehen:

 

a) Theobaldgasse

b) Windmühlgasse

c) Fillgradergasse

d) Capistrangasse

 

Vergleich der Straßen- bzw. Gassenverläufe von 2017 und 1904:

 

 

Abb. 15: Aktueller Stadtplan von 2017

 

 

Abb. 16: Stadtplan von Wien 1904

 

 

  

a) THEOBALDGASSE

 

2017: Die THEOBALDGASSE beginnt an der Gumpendorfer Straße bzw. an der Rahlgasse (am Johanna – Dohnal – Platz), quert die Königsklostergasse, schwenkt oberhalb der Fillgrader-Stiege nach rechts und erreicht mit Nummer 21 bzw. 20 die Mariahilfer Straße.

 

Der von mir genannte Orientierungspunkt „Fillgrader-Stiege“ wurde 1905-7 im secessionistischen Stil (Jugendstil) errichtet und stellt eine Verbindung zwischen Fillgradergasse und Theobaldgasse dar.

 

2004 wurde im Zuge einer internationalen Untersuchung die mittlerweile denkmalgeschützte Fillgrader-Stiege von einer Jury aus 80 Kunstprofessoren zur viertschönsten Treppenanlage Europas gekürt. [8][9][10]

 

 

 

Abb. 17: Fillgrader-Stiege

Foto: Autor (2017)

  

1904: Bis zur heutigen Fillgrader-Stiege war der Verlauf mit der heutigen THEOBALDGASSE identisch, dann allerdings verlief diese Straße gerade weiter entsprechend der heutigen Fillgradergasse bis zur Windmühlgasse.

 

b) WINDMÜHLGASSE

 

2017: Die WINDMÜHLGASSE beginnt zwischen Theobaldgasse 19 und 21, quert die Capistrangasse und endet mit Nummer 32 vor der Barnabitengasse am Fritz-Grünbaum-Platz (neben bzw. oberhalb der Gumpendorfer Straße).

 

1904: Die WINDMÜHLGASSE begann an einer ganz anderen Stelle, nämlich an der Mariahilfer Straße (zwischen 31 und 33, wo heute die Capistrangasse endet) – der Abschnitt zwischen der heutigen Theobaldgasse und der Capistrangasse war ja noch durch das Polizeigefangenenhaus blockiert – , machte nach zwei Häusern einen Schwenk nach rechts, folgte dem Verlauf der heutigen Windmühlgasse, erreichte mit Nummer 24A  bzw. 51 die Barnabitengasse, querte sie und folgte dem Verlauf der heutigen Schadekgasse, bis sie bei Nummer 57 bzw. 42 auf die Amerling-Straße traf.

 

c) FILLGRADERGASSE

 

2017: Die FILLGRADERGASSE beginnt an der Gumpendorfer Straße und schwenkt bei der Fillgrader- Stiege nach links und mündet bei Nummer 21 bzw. 22 in die Windmühlgasse.

 

1904: Die FILLGRADERGASSE hatte von Nr. 1-5 bzw. 2-8 (also von der Gumpendorfer Straße bis zur heutigen Fillgrader-Stiege) denselben Verlauf wie heute, führte allerdings danach gerade weiter Richtung Mariahilfer Straße. Rechts erreichte die Gasse mit Nummer 14 ein Ende. Von dort führte ein schmaler Pfad weiter zur Mariahilfer Straße. Der Block links von der früheren Fillgradergasse (heutiger Bereich der Theobaldgasse 15 - 19) war zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht (mehr) bebaut.

 

d) CAPISTRANGASSE

 

2017: Die sehr kurze CAPISTRANGASSE beginnt an der Fillgradergasse (zwischen 16 und 18) mit einer Stiege, quert die Windmühlgasse und erreicht bereits bei Nr. 5 bzw. 12 die Mariahilfer Straße.

 

1904: Eine CAPISTRANGASSE gab es noch nicht. Der Anfangsteil der heutigen Capistrangasse war der Anfangsteil der Windmühlgasse, der weitere Verlauf, wo sich heute die Capistran-Stiege befindet, hatte möglicherweise gar keine Bezeichnung.

Die Capistran-Stiege wurde laut Wikipedia, Stiegenanlagen in Mariahilf, in den 1980er Jahren zwischen Capistrangasse und Fillgradergasse errichtet.[9]

Eine Stiege hat es lt. Stadtplan 1904 allerdings schon damals hier gegeben. 

 

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Grafik: Vergleich der Straßenverläufe [11]

 

Der folgende Übersichtsplan zeigt die Straßenverläufe auf den Karten von 2017 und 1904, aber auch auf der leider etwas unscharfen Karte aus dem Jahr 1895. Es sind darauf aber auch jene Straßenabschnitte mit den entsprechenden Ziffern angedeutet, die 1895 (bzw. größtenteils sogar noch 1900) fehlen und wohl hauptsächlich mit der Umgestaltung des Windmühlviertels zwischen 1905 und 1907 in Zusammenhang stehen. Diese Straßenabschnitte werden im Anschluss an die Übersichtskarte näher beschrieben.

 

 

 

 

Abb. 18: Aktueller Stadtplan von Wien mit den Straßenverläufen von 2017, 1904 und 1895 (mit Berücksichtigung der Situation um 1900) sowie einer Kennzeichnung der 1895 noch nicht vorhandenen Gassenabschnitte durch Ziffern (entsprechend der folgenden Auflistung)

Vergleichskarte: Autor (2017)

 

 

 

Neue Straßenabschnitte um 1900 bzw. kurz danach

 

Folgende Straßenabschnitte waren laut Karte von 1895 noch gar nicht angelegt (es wird von den heutigen Straßennamen ausgegangen):

 

1) Den Bereich der heutigen Theobaldg. zwischen Pfaueng. und Mariahilfer Straße gab es 1895 noch nicht als Verkehrsweg. Das heißt, die damalige Fillgraderg. (rot gepunktet) endete schon nach wenigen Häusern im Bereich im Bereich der Pfauengasse.

 

2) Den Straßenzug der heutigen Theobaldgasse von der heutigen Fillgraderstiege zur Gumpendorfer Straße / Rahlgasse gab es noch nicht.

Die damalige Theobaldgasse (grün gepunktet) war nur ein ganz kurzer Abschnitt vor dem ehemaligen Theobaldkloster, dem späteren Polizeigefangenenhaus.

 

3) Den Abschnitt der heutigen Capistrangasse zwischen Fillgradergasse und Windmühlgasse gab es 1895 noch nicht, auf der Karte von 1900 ist jedoch bereits eine durchgehende Gasse von der damaligen Theobaldgasse bis zur Mariahilfer Straße vorhanden.

 

4) Den kleinen Straßenzug der heutigen Fillgradergasse zwischen Capistrangasse und Windmühlgasse gab es 1895 noch nicht.

 

5) Das Teilstück der heutigen Windmühlgasse zwischen Theobaldgasse und Capistrangasse wurde erst durch den Abriss des Polizeigefangenenhauses als Gasse nutzbar.

 

 

Der übersichtliche Stadtplan von 1887 zeigt, dass einerseits die Verbauung der Windmühlgasse von Nr. 15 bis etwa Nr. 35 mit langgestreckten Gebäuden Richtung Wien-Fluss die Errichtung einer Straße erschwerte (4), dass aber auch das Polizeigefangenenhaus und die Kirche St. Josef große Hindernisse für die später errichteten Straßenstücke 1, 3 und 5 darstellten.

 

 

 

 

Abb. 19: Stadtplan von Wien 1887

 

 

Auswirkungen der verkehrstechnischen Maßnahmen auf die Nummerierung des Geyling-Hauses

 

Natürlich ist es nicht möglich, im Rahmen dieses Artikels jede Adressänderung zu kommentieren, die sich aus den verkehrstechnischen Maßnahmen am Beginn des 20. Jahrhunderts ergeben hat, aber die am Anfang des Aufsatzes erwähnte Nummernänderung des Geyling-Hauses, die mich veranlasst hat, die Nachforschungen durchzuführen, soll kurz nochmals thematisiert werden.

 

Nachdem das Haus jahrzehntelang die Konskriptionsnummer 1 gehabt hatte, erhielt es bei der Einführung der Orientierungsnummern im Jahr 1863 die Bezeichnung Windmühlgasse Nr. 22.[12]

 

Nach der Umstrukturierung in den Jahren 1905 – 1907 nahm die Windmühlgasse nicht mehr bei der Mariahilfer Straße (im Bereich der heutigen Capistrangasse) ihren Anfang, sondern in dem neu geschaffenen Teilabschnitt 5, der an die heutige Theobaldgasse stößt. Da nun im Anfangsbereich der Windmühlgasse mehr gerade Nummern vergeben wurden als früher, ergab sich für das Geyling-Haus die Nr. 28.

 

Im Häuserverzeichnis 1905 (Lenobel) [13] wird Valerie Löw als Besitzerin des Hauses Windmühlgasse 22 angeführt, im Buch der Häuser und Hausbesitzer (1908) [14] hat das Haus derselben Eigentümerin die Nummer Windmühlgasse 28.

 

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[8] WIKIPEDIA, Fillgraderstiege

https://de.wikipedia.org/wiki/Fillgraderstiege

(Zugriff: 6.7.2017)

 

[9] WIKIPEDIA, Stiegenanlagen in Mariahilf

https://de.wikipedia.org/wiki/Stiegenanlagen_in_Mariahilf

(Zugriff: 6.7.2017)

 

[10] Es soll in diesem Zusammenhang aber auch auf den informativen und optisch sehr ansprechenden PDF-Artikel „Die Stiegen von Mariahilf“ auf www.walkinginside.at hingewiesen werden, online:

http://www.walkinginside.at/wp-content/uploads/2015/12/Stiegenspaziergang-in-Mariahilf.pdf

(Zugriff: 6.7.2017)

 

[11] Folgende Pläne wurden dafür verwendet:

 

1) Aktueller Stadtplan von Wien bei www.wien.gv.at / Kulturgut

2) Stadtplan von Wien 1904 bei www.wien.gv.at / Kulturgut / Historische Pläne / Stadtplan 1904

3) Wienbibliothek im Rathaus / Stadtpläne und Karten: Neuester Plan und Führer durch Wien und nächste Umgebung,

Wien : Lechner, (ca. 1900)

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1119140?zoom=6&lat=2676&lon=4456&layers=B (Zugriff: 6.7.2017)

4) Wienbibliothek im Rathaus / Stadtpläne und Karten: Plan der k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien / Hrsg. unter Mitwirkung des Stadtbauamtes, von Carl LoosWien : Lechner 1895

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1827460?zoom=5&lat=187&lon=645&layers=B (Zugriff: 6.7.2017)

5) Stadtplan von Wien 1887 bei www.wien.gv.at / Kulturgut / Historische Pläne / Stadtplan 1887

 

[12] HV 1863 (Winkler)

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/353687?zoom=0&lat=1186&lon=740&layers=B (Zugriff: 6.7.2017)

 

[13] HV 1905 (Lenobel)

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/815091?zoom=3&lat=2720.86613&lon=1535.87888&layers=B (Zugriff: 6.7.2017)

 

[14] Buch der Häuser und Hausbesitzer 1908 (Lenobel)

http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/382718?zoom=0&lat=1186&lon=740&layers=B (Zugriff: 6.7.2017)