6.3.3. Das Haus „Zum weißen Stern“ / vor 1810 Mariahilf 14, ab 1810 Mariahilf 15, heute Mariahilfer Straße 51 („Industriehof“)

 

in einer HAUSBESCHREIBUNG AUS DEM JAHR 1833

 

Das „Schätzungs-Protocoll vom 17ten August 1833 welches von dem Metropolitan-Domcapitel aufgenom̅en wurde“ ist ein Dokument, das im Rahmen der Verlassenschaftsabhandlung von Valentin Wegmann erstellt wurde und in den Verlassenschaftsakten enthalten ist. [1] Es vermittelt einen Eindruck von diesen Gebäuden, die 1833 unter der Konskriptionsnummer 18 zusammengefasst waren. Der größte Teil dieses Protokolls ist hier wiedergeben.

 

Die Beschreibung der abzuschätzenden Realität ergibt sich mit folgendem:

Diese Behausung liegt an der linken Seite der Mariahilfer Hauptstraße und besteht von der Hauptstraße in einer gewölbten Einfahrt, in einem großen, mit Gebäuden umgebenen Hof; in demselben befinden sich unter dem Gebäude ein Pumpbrunnen und die Retirade auf einen Canal gerichtet, eine stokkadorte Schupfe auf 3 Wagen, rückwärts durch das Quergebäude eine stokkadorte Durchfahrt in einen 2ten kleinen Hof, in dem sich 13 gemauerte, mit Ziegeln gedeckte Holzlager, eine kleine Schlosserwerkstätte, und eine Kohlenkammer, beide stokkadort, ferner eine Stallung auf 3 Pferde mit Tram belegt befinden; seitwärts des besagten 2ten kleinen Hofes führet ein freywilliger offener Durchgang gegen die Windmühle, ferner 5 hölzerne Stufen abwärts durch ein Stakettengitter ein offener Eingang in einen großen mit eigener und nachbarlicher Mauer umplankten Garten, wovon ein Theil mit Lattengitter zu einem Wirthsgarten abgetheilt ist; in demselben befindet sich ein hölzerner, offener mit Schindeln gedeckter kleiner Salon, eine Holzschupfe und ein Lusthaus, beide mit Laden verschlagen und Schindeln gedeckt, ferner an der Hofseite eine gemauerte Zeugkammer und eine Holzlege, beide mit Schindeln gedeckt.

An Gebäuden unter der Erde:

15 gemauerte mit Holz belegte Stufen tief ein kleiner Keller auf 5 Holzlagen, ein 2ter kleiner Keller 13 besagte Stufen tief auf 2 Holzlagen, ein 3ter kleiner Keller, 6 Stufen tief auf 5 Holzlagen, ein 4ter 10 Stufen tief ein kleiner Weinkeller und ein 5ter 22 steinerne Stufen tief ein mittlerer Keller, zu Wein und Bier.

Zu ebener Erde:

Eine Küche und 3 Zimmer, gewölbt, ein Gastzimmer mit Ausgang auf die Gasse, 6 Verschleißgewölbe, ebenfalls mit Ausgang auf die Gasse, 12 Küchen, 16 Zimmer und 10 Kammern alles stokkadort.

Im 1ten Stocke:

Ein gemauerter Communicationsgang, ein Vorhaus, 2 Vorzimmer, 12 Küchen, 19 Zimmer und 14 Kammern alles stokkadort.

Im 2ten Stock:

Ebenfalls ein gemauerter Communicationsgang, 12 Küchen, ein großes Schulzimmer mit 4 Fensterlänge, 17 Wohnzimmer, 14 Kammern, und 2 Vorzimmer, alles stokkadort.

6 Stiegen bis 2ten Stock und eine Stiege von ebener Erde bis unter das Dach von Stein; die übrigen Aufgänge auf die Dachböden sind von Holz. Der Dachboden ist größtentheils mit Ziegeln gepflastert, die Dachungen zum größten Theil mit Schindeln, ein kleiner Theil mit Ziegeln und der kleinste Theil mit Eisenblech gedecket.

Dieses Haus stehet größtentheils 2 Stockwerke hoch, und ein kleiner Theil bestehet aus einem

     Erdgeschoße; es ist demnach der größte Theil desselben bei geringen, ein kleinerer Theil in

     mittlerem Baustande.

Der bei dem Hause befindliche Garten mißt 510 □ Klafter und auf selben befinden sich 5 Nußbäume,

     48 Stück tragbare Obstbäume, eine Parthie Weinstöcke und 22 Stück Kastanienbäume.

Nach Aufnahme dieser Beschreibung werden die Schätzleute ihres aufhabenden Eides erinnert, und es

werden folgende Schätzungsbefunde zu Protocoll gegeben:

Die Hälfte der zu schätzenden Behausung Nr. 18 und respve des Bau-Complex des Hauses wird

auf 23.500 fl CMz und der Garten zur Hälfte auf 558 fl 30 xr

zusammen daher die Hälfte der ganzen Realität auf 24.058 fl 30 xr. CM geschätzt,

d. i. Vier und Zwanzig Tausend achtundfünfzig Gulden 30 xr. Conv. Mze.



[1] Wiener Stadt- und Landesarchiv, Zivilgericht, A 2 – Faszikel 2 – Verlassenschaftsabhandlungen: 539/1833/Valentin Wegmann.

 

 

 

Abb. 30. Mariahilfer Straße 51 ("Industriehof"): Blick aus einem der Höfe Richtung Mariahilfer Kirche im Jahr 2017

 

6.3.4. Das Gasthaus

 

Im selben Haus („Zum weißen Stern“, vor 1810 Mariahilf Nr. 14, nach 1810 Mariahilf Nr. 15, heute der Standort von Mariahilfer Straße 51) befand sich ein Gasthaus, das von einem Weinwirten geführt wurde. Vor 1810 ist hier der Weinwirt Gregor Höß (L4/15) nachweisbar (Taufen 1806 und 1808).

Der Weinwirt Johann Fasser (L5/19) bzw. seine Familie finden sich von Juli 1810 bis August 1817 in den Kirchenbüchern mit insgesamt sieben Eintragungen.

Einige Ausschnitte aus der Hausschätzung in der Verlassenschaftsabhandlung des Valentin Wegmann beziehen sich auf dieses Gasthaus.[1]

„Zu ebener Erde:

Eine Küche und 3 Zimmer, gewölbt, ein Gastzimmer mit Ausgang auf die Gasse… alles stokkadort.“

Vom zweiten, kleineren Innenhof des Hauses führt „ein offener Eingang in einen großen mit eigener und nachbarlicher Mauer umplankten Garten, wovon ein Theil mit Lattengitter zu einem Wirthsgarten abgetheilt ist; in demselben befindet sich ein hölzerner, offener mit Schindeln gedeckter kleiner Salon, eine Holzschupfe und ein Lusthaus, beide mit Laden verschlagen und Schindeln gedeckt…“.

Wahrscheinlich wurden auch zwei der insgesamt 5 Keller vom Gastwirt verwendet:

„ein 4ter 10 Stufen tief ein kleiner Weinkeller und ein 5ter 22 steinerne Stufen tief ein mittlerer Keller, zu Wein und Bier.“

Im Jahr 1846 gibt es jedenfalls an dieser Stelle ein „Gasthaus mit Gartensalon u. Kegelbahn“. [2]

 



[1] Vgl. Abschnitt 6.3.3. Hausbeschreibung.

[2] Messner 1982, S. 178.

 

6.3.5. Die Schule

 

Im selben Haus („Zum weißen Stern“, vor 1810 Mariahilf Nr. 14, nach 1810 Mariahilf Nr. 15, heute der Standort von Mariahilfer Straße 51) befand sich einige Jahrzehnte lang auch eine Schule. „Ein Teil dieses Hauses diente als Schulhaus, in dem wahrscheinlich schon seit 1772 eine Schule für Knaben und Mädchen, die spätere Pfarrschule Mariahilf, untergebracht war.“ [1]

Nach dem Schätzungsprotokoll vom 17. August 1833 bestand die Schule im Jahr 1833 aus einem großen Schulzimmer mit 4 Fenstern Länge im 2. Stock dieses Hauses.[2]

Über die Weiterentwicklung der Volksschulen und über den Standort schreibt Hubert Kaut:

„Die zweiklassigen Volksschulen wurden dreiklassig, und es erfolgte die Trennung der Knaben von den Mädchen. Die Schulen führten jetzt den Titel Pfarrhauptschulen. Im Zuge dieser Neugestaltung wurde die Schule im Hause ‚Zum braunen Hirschen‘ in das Haus ‚Zum weißen Stern‘ verlegt und mit der dort bereits bestehenden Anstalt eine Doppelschule für Knaben und Mädchen gebildet.“ [3]

Laut Robert Messner war die Umwandlung in eine Pfarrhauptschule bereits 1846 vollzogen. Dies könnte in Zusammenhang mit der von Robert Messner erwähnten Errichtung der Wohnhausanlage im Jahr 1846 stehen.[4]

Jedenfalls wurden spätestens ab diesem Zeitpunkt mehrere Räumlichkeiten des Hauses für die Schule verwendet.

Blaschek nennt im Mariahilfer Heimatbuch das Jahr, in dem die Ära  einer „Volksschule für Knaben und Volksschule für Mädchen“ im Haus Mariahilferstraße 51 zu Ende ging: „1877 übersiedelten beide Schulen […]  in das neuerrichtete Schulgebäude in der Windmühlg. 45 (jetzt 21) und Gumpendorferstr. 52 (heute 44).“[5]

 



[1] Blaschek 1926, S. 142

[2] Vgl. Abschnitt 6.3.3. Hausbeschreibung .

[3] Kaut 1963, S. 177.

[4] Siehe Messner 1982, S. 178.

[5] Vgl. Blaschek 1926, S. 218ff.

 

6.3.6. Die Hebammen

 

Ab dem Jahr 1810 dürfte die Hebamme Christina Hempl im Haus Mariahilf 15 gewohnt haben. Darauf deutet die Adressangabe bei der Taufe vom 18. 10. 1810[1] hin (ledige Mutter). Im Jahr 1811 bringen neun ledige Mütter an dieser Adresse - bei der Hebamme Christina Hempl - ihre Kinder zur Welt. 1812 wird Christina Hempl ausdrücklich als Hebamme „Nr. 15 zu Mariahilf“ genannt. In diesem Jahr findet allerdings nur eine Taufe eines illegitim geborenen Kindes an ihrer Adresse statt. 1813 wird bei zwei Geburten die Hebamme Theresia Tanniger mit der Adresse Mariahilf 15 genannt. Für das Jahr 1814 fehlen Eintragungen, die auf eine Hebamme an dieser Adresse hinweisen. Ab der Geburt der Magdalena Anna Kloninger am 29.5.1815 wohnt mit Sicherheit Elisabeth Joß im Haus Mariahilf 15. (In den Jahren davor wird als ihre Adresse Mariahilf 7 angegeben.) Im Jahr 1815 bringen hier noch weitere 15 ledige Frauen mit der Hilfe dieser Hebamme Kinder zur Welt. 1816 sind hier 13 Geburten unehelicher Kinder zu verzeichnen und 1817 ist die Hebamme Elisabeth Joß an dieser Adresse bei zehn Kindern Geburtshelferin. Natürlich ist es denkbar, dass in manchen Fällen die Hebamme ihre Adresse nur zum Schutz für die junge Mutter angab, die ihren Wohnort bzw. ihre Identität geheim halten wollte. Aber die große Zahl von Kindern lediger Mütter, die laut Taufbuch in Mariahilf 15 zur Welt kamen, weist doch eher auf eine Art Betreuungseinrichtung hin. Auch bei anderen Hebammen kann man feststellen, dass ihre Wohnadressen häufig als Geburtsadressen von Kindern lediger Mütter angegeben werden, z. B. bei Katharina Rosenstein (Mariahilf 12), Theresia Noe (Mariahilf 6) und Anna Vogt (Mariahilf 43). Die jungen Frauen scheinen einige Zeit bei der Hebamme gewohnt zu haben, und es könnte sich auch in manchen Fällen eine durchaus freundschaftliche, familiäre Beziehung entwickelt zu haben.

 

Als Belege dafür seien drei Taufen bzw. Taufpaten angeführt:

·       Taufe des Karl Ludwig Perini[2] am 19.1.1811/Mariahilf 15

   Hebamme: Christina Hempl/ Taufpatin: Magdalena Hempl, Tochter eines Kanzellisten

·       Taufe des Martin Franz Dunkel[3] am 17.10.1816/Mariahilf 15

        Hebamme: Elisabeth Joß/ Taufpate: Martin Joß, Hoffeuermann

·       Taufe des Peter Reiberger[4] am 13.1.1817/ Mariahilf 15

Hebamme: Elisabeth Joß/ Taufpatin: Maria Joß, Tochter einer Hebamme

 

Allerdings kann die Möglichkeit, dass es sich bei der Angabe „Mariahilf 15“ um die normale Wohnadresse der Mutter gehandelt hat, nicht ganz ausgeschlossen werden.