1. EINLEITUNG

   

 

Im Mittelpunkt dieses Artikels stehen fünf Häuser der Mariahilfer Straße; es handelt sich um den Bereich auf der linken Straßenseite stadtauswärts, der an den Raimund-Hof (Nr. 45) anschließt und mit dem Eckhaus zur Barnabitengasse (bekannt durch die Apotheke „Zur Mariahilf“), also bei der Mariahilfer Kirche, endet.

 

Abb. 2. Aktueller Plan von Wien – Mariahilfer Straße zwischen Barnabitengasse und Capistrangasse

 

Zunächst sollte nur die Änderung der Konskriptionsnummern dieser fünf Häuser untersucht und erklärt werden. Doch bald stellte sich heraus, dass dafür eine weit größere Quellensammlung nötig war als zunächst gedacht. Und dabei zeigte sich eine solche Fülle an interessanten Details zu den Häusern, ihren Bewohnern, ihren Schicksalen und ihren Beziehungen zueinander, dass es sinnvoll erscheint, diese gesamte Quellenbasis (Erkenntnisse aus den Häuserverzeichnissen, Bewohnerlisten etc.) und die zugehörigen Beobachtungen und Überlegungen darzulegen. Da es sich um eine Quellenaufarbeitung hinsichtlich der Kirchenbucheintragungen handelt, wurde den einzelnen Ereignissen und Personen in anderen Quellen oder der Sekundärliteratur nicht konsequent nachgegangen.

 

Abb. 3. Ansicht der Häuserzeile der Mariahilfer Straße 47 - 55

 

In diesen fünf Häusern spiegelt sich die ganze Vielfalt Wiener vorstädtischen Lebens wider: So begegnen wir einem Klavierfabrikanten, auf dessen Klavieren bereits zu Lebzeiten von Beethoven und Schubert gerne deren Werke gespielt wurden. Hier wohnten zahlreiche Handwerker, einige Wirte und auch Hebammen, die offensichtlich werdenden Müttern Schutz und Unterkunft boten.

 

Wir lernen einige bürgerliche, aber auch einzelne adelige Hausbesitzer kennen. Relativ umfangreich ist das Kapitel über den Freiherrn von Sommerau und seine Familie, in dem die Herkunft dieser Adelsfamilie, bemerkenswerte Ereignisse in ihrem Palais (Legende von Besuchen der Regentin Maria Theresia sowie Aufführung einer Haydn-Oper), bisher nicht allgemein bekannte biografische Details und private und finanzielle Probleme beleuchtet werden. Ein Sohn der Familie war ein sehr verdienstvoller Geistlicher, der 1848 der kaiserlichen Familie loyal zur Seite stand und als Kardinal in Olmütz starb.Wir lernen bürgerliche und adelige Hausbesitzer, die eine Haydn-Oper zur Aufführung brachten, kennen.

 

Zuwanderer aus verschiedenen Gebieten Deutschlands, aus Mähren, aber auch aus Niederösterreich, wohnten hier neben Leutnantswitwen und Künstlern. Wir begegnen den ungewöhnlichen Konskriptionsnummern Mariahilf Nr. 12 1/2 und Mariahilf Nr. 13 1/2. Ein Verlassenschaftsakt informiert uns über die Struktur eines Hauses und die Verwendung seiner Räume, und wir erfahren auch einen Schätzpreis für ein solches Objekt. Von den ehemaligen Hauszeichen hat eines sogar bis heute überlebt: „Der grüne Kranz“ – Hausnummer 47. Für das Haus „Zum weißen Stern“ konnte der Nachweis erbracht werden, dass es ursprünglich mit dem später so genannten „Geyling-Haus“ verbunden war. 

 

 

Abb. 4. Die Häuser auf der Karte von Joseph Anton Nagel (1770)

 

 

Aber zuerst ein kurzer Rückblick auf den Arbeitsprozess, um den Aufbau des ganzen Artikels und seine Intention klarer machen zu können:

 

Heute gibt es in diesem Abschnitt der Mariahilfer Straße fünf Orientierungsnummern: Nr. 47, 49, 51, 53 und 55. Um 1800 waren aber nur vier Konskriptionsnummern vergeben: Mariahilf Nr. 13, 14, 15 und 16, und auch diese waren schon einmal verändert worden - trugen doch die Häuser ursprünglich die Nummern 11-14, wie auf den Karten von Nagel und Huber um 1770 zu sehen ist.

 

 

Abb. 5. Joseph Daniel von Huber, Vogelschauansicht von Wien, 1769 - 1773

 

 

Diese Diskrepanz bzw. das Auftreten einer fünften Konskriptionsnummer für diesen Bereich um 1810 war der unmittelbare Anlass für diese Arbeit. Es stellte sich die Frage, welche Häuser von der Adaptierung betroffen waren bzw. ob es in Mariahilf außer den bereits bekannten Neuordnungen der Hausbezeichnungen (1795 bzw. 1829/30) um 1810 eine weitere, bisher weitgehend unbeachtete Änderung der Häusernummerierung gegeben hat. Dafür werden im Abschnitt 2 zunächst die Häuserverzeichnisse analysiert.

 

Da für die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts für Mariahilf keine Konskriptionslisten bzw. Bewohnerlisten erhalten sind, waren die Bewohnerlisten aus Kirchenbucheintragungen für den Zeitraum 1805 – 1817 erst anzufertigen. In Abschnitt 3 werden diese Listen vorgestellt. Um diese lesbar zu gestalten und die Fülle der Daten übersichtlicher präsentieren zu können, wurden die Belege, also die Daten der Kirchenbucheintragungen (Geburts- bzw.Taufeintragungen, Heiratseintragungen und Sterbeeintragungen), von der eigentlichen Bewohnerliste in Abschnitt 3 getrennt und in Abschnitt 9 in der Art eines Anhangs zusammengestellt.

 

Eine erste Durchsicht der Kirchenbucheintragungen ergab aber eine sehr dichte Fülle an Detailinformationen, die auf keinen Fall übergangen werden konnten, da sie auch für Fragestellungen von Lokalhistorikern oder Genealogen von Interesse sein können. Die folgenden Abschnitte bringen Beobachtungen und Beispiele für Auswertungsmöglichkeiten dieser Informationen. Aus den Vergleichen bzw. Auswertungen der Bewohnerlisten (Abschnitt 4) werden nicht nur Erkenntnisse über die damaligen Nummernänderungen gewonnen, sondern es sind auch viele Details über die Bewohner eingearbeitet bzw. wird versucht, Zusammenhänge und Verbindungen zwischen den Personen, z. B. verwandtschaftliche Beziehungen, aufzuzeigen.

 

Abschnitt 5 befasst sich mit den Berufen der Bewohner aller fünf Häuser.

 

Weitere Informationen und Beobachtungen, die sich nicht nur bestimmten Personen zuordnen lassen, sondern direkt mit den einzelnen Häusern, ihren Besitzern bzw. besonderen Einrichtungen zu tun haben, finden sich im Abschnitt 6.

 

Der Abschnitt 7, die Zusammenfassung, erläutert nochmals die Methoden und beantwortet die eingangs gestellte Frage, ob es um 1810 eine zusätzliche Änderung der Häusernummerierung in Mariahilf gegeben hat.

 

Diese Arbeit hat primär also nicht die Erforschung der Häuser und ihrer Bewohner zum Inhalt, sondern stellt vor allem bestimmte Quellen vor und interpretiert sie, ohne dass die Sekundärliteratur völlig aufgearbeitet oder nach weiteren Quellen gesucht wird. Den zeitlichen Rahmen habe ich allerdings bei den Familien von drei Hausbesitzern gesprengt, denen ich relativ viel Platz eingeräumt habe.

 

Hinweise zu den Quellenangaben und zur Zitierweise:

Bei mehreren Familiennamen gibt es verschiedene Varianten. Wenn aus einer bestimmten Quelle zitiert wird (z. B. aus einem bestimmten Häuserverzeichnis), wird normalerweise die dort auftretende Namensform verwendet. Bei zusammenfassenden Texten wird eine häufig auftretende Form gewählt.

 

Bei den österreichischen Matriken wurde oft auf die Angabe von Links verzichtet, es wurden aber zusätzlich zur Buchangabe auch die Seitenangabe und die Nummer der Aufnahme bei Matricula dazugefügt.