4. DIE BEZEICHNUNG „AMONSTIEGE“ IN BÜCHERN, ZEITUNGEN UND ZEITSCHRIFTEN DES 19. JAHRHUNDERTS

 

4.1. Das Auftreten des Begriffes AMONSTIEGE vor 1863

 

 

Drei Beispiele aus Zeitungen sollen zeigen, dass die Bezeichnung „Amonstiege“ bereits vor Einführung der Orientierungsnummern bzw. teilweise neuer Straßen- und Gassennamen gebräuchlich war.

 

 

a) Die früheste Erwähnung, die derzeit online zu finden war, stammt aus dem Jahr 1848:

Abb. 7. Inserat aus dem Jahr 1848 in der Wiener Zeitung [1]

 

b) Im Jahr 1854 wird über den Selbstmord eines Schneiders in der Vorstadt Laimgrube auf der „Amonsstiege“ berichtet:

 

 

Abb. 8. Kurzbericht mit der Lokalisierung „Amonstiege“ aus dem Jahr 1854 [2]

 


c) Im Jahr 1858 gibt ein Frauenarzt, Dr. J. Raith, als Adresse seiner Ordination „Wien, Laimgrube, Windmühlgasse, nächst der Amon-Stiege Nr. 152“ an. 

 

Abb. 9. Inserat aus dem Jahr 1858 / Ordination nächst der Amon-Stiege Nr. 152 [3]

 

d) Das im folgenden Zeitungsbericht genannte Haus Laimgrube Nr. 150 erhielt später die Orientierungsnummer Windmühlgasse 41 / Stiegengasse 19 bzw. ab 1908 die Nummer Windmühlgasse 17 /Stiegengasse 15. Es stand also, wenn man die Stiegengasse aufwärts zur Windmühlgasse ging, links von der Amonstiege.

 

Rechts von der Amonstiege, also an der anderen Ecke der Stiegengasse, stand jenes Haus mit der Konskriptionsnummer Laimgrube 152, das im weiteren Verlauf dieses Artikels eine große Rolle spielen wird.

 

Abb. 10. Hauseinsturz Nr. 150 bei der Amonstiege im Jahr 1862 [4]

 

Abb. 11. Bezirksplan 1863 mit den gegenüberliegenden Konskriptionsnummern Laimgrube 150 und 152, Ecke Stiegengasse / Windmühlgasse [5]

 

In diesem Zusammenhang soll auf den Artikel „Zehn Häuser der Windmühlgasse am Ende des 19. Jahrhunderts“ auf der Homepage www.guenteroppitz.at verwiesen werden, wo in den Kapiteln 4.2. und 18 die Probleme mit der Bausubstanz und der Hanglage in diesem Bereich des heutigen Bezirks Mariahilf in besonderer Weise thematisiert werden.[6]

 

4.2. Zur Renovierung der Amonstiege bzw. zur Errichtung der Stiegenkonstruktion in der heutigen Form

 

Im November 2018 fand man bei Wikipedia / Liste der Straßennamen von Mariahilf und „Stiegengasse“ noch folgende Aussage:

 

Die Amonstiege wurde 1862 fertig gestellt; zur gleichen Zeit wurden die Gärtnergasse und ein Teil der Windmühlgasse in Stiegengasse umbenannt.

 

Diese Sätze suggerieren, dass es erst im Jahr 1862 eine Stiege an dieser Stelle gegeben hätte.

Dass es allerdings bereits vorher eine entsprechende Anlage hier gab, wurde bereits im Kapitel 3 dieses Artikels zweifelsfrei nachgewiesen.

Auch aus der Ankündigung einer „öffentlichen schriftlichen Offertverhandlung“ in der Wiener Zeitung vom 22. April 1863 geht hervor, dass es hier bereits eine Stiege gab, die als „Amonstiege“ bezeichnet wurde. Es handelte sich um eine „Neuherstellung und gleichzeitige Verbreiterung der sogenannten Amonsstiege“. Es wurde also das konkrete Bauwerk, die bestehende architektonische Anlage, grundlegend verändert.

 

 

 

 

Abb. 12. Ankündigung der Offertverhandlung zur Erneuerung der Amonstiege im Jahr 1863  [8]

 

 

 

 

Abb.13. Unzufriedenheit mit den Bauarbeiten bei d. Amonstiege [9]


Bestimmte Probleme spiegeln sich auch in den Protokollen von Gemeinderatssitzungen wider. Ein Beispiel:

 

Abb. 14. Kostenüberschreitungen bei Schlosserarbeiten [10]

 

Die vorgesehene Bauzeit wurde offenbar weit überschritten, es blieb nicht bei drei Monaten.

Die Arbeiten fanden, wie man den „Mittheilungen des statistischen Bureau’s der Stadt Wien“ entnehmen kann, in den Jahren 1863 und 1864 statt, nicht im Jahr 1862 (wie in Wikipedia behauptet wird).

Hier findet man die Kosten für die „Reconstruction der Amonstiege im VI. Bezirk 1863 und 1864“: 6.199 Gulden und 96 Kreuzer. [11]

 

Die Neufassung (ab August 2019) des Beitrags bei Wikipedia: Liste der Straßennamen von Mariahilf unter „Stiegengasse“ nimmt auf die in diesem Artikel gewonnenen Erkenntnisse bereits Bezug: [7]

 

 

Stiegengasse, ab 1862 offizielle Bezeichnung für eine Gasse zwischen der Linken Wienzeile und der Windmühlgasse. Der untere Teil zwischen der Linken Wienzeile und der Gumpendorfer Straße hieß früher Gärtnergasse, der nördliche Abschnitt mit der namengebenden 13 Meter hohen geraden Stiege war ursprünglich Teil der Windmühlgasse. Eine große Stiegenkonstruktion ist bereits auf der historischen Karte von Anton Behsel von 1825 nachweisbar. Die hier befindliche sogenannte Amonstiege wurde 1863/1864 renoviert und verbreitert.

 

4.3. War „Amonstiege“ eine offizielle Bezeichnung?

 

Sowohl in der Ankündigung einer „öffentlichen schriftlichen Offertverhandlung“ in der Wiener Zeitung vom 22. April 1863 (vgl. [8] / Abb. 12) als auch im Protokoll der 280. Sitzung des Gemeinderates (vgl. [10] / Abb. 14) wird von der „sogenannten Amonstiege“ gesprochen, das heißt, dass es sich um keine offizielle Bezeichnung handelte.

 

Weitere Beispiele für diese Formulierung:

.) Sturz eines Schneidergehilfen „über die sogenannte Amonstiege“ [12] 

.) Im Häuserverzeichnis von Winkler findet man folgende Angabe: [13]

"Alte Benennung: Gärtnergasse mit Stiegengasse (sogen. Amonstiege) in der Vorstadt Laimgrube

Neue Benennung: Stiegengasse"

Das bedeutet: Die frühere Gärtnergasse wurde in Stiegengasse umbenannt, aber auch der Abschnitt zwischen Gumpendorferstraße und Windmühlgasse (samt dem Bereich der Amonstiege), der ja zu diesem Zeitpunkt schon Stiegengasse genannt wurde, behielt diese Bezeichnung.

 

Dass der fallweise verwendete Zusatz „sogenannte / sog. / s. g.“ auf eine inoffizielle Bezeichnung hinwies, kann an folgendem Beispiel gezeigt werden:

 

Abb. 15. Änderung der Bezeichnung Bergelgasse = sogenannte Bettlerstiege in Bettlerstiege [13]

 

„Bergelgasse (sogenannte Bettlerstiege)“ wurde also erst ab 1862 mit der Einführung von „Winkler’s Orientirungs-Plan“ offiziell „Bettlerstiege“ genannt.

 

Die wichtigsten Erkenntnisse des Kapitels 3:

 

.) Die Ortsangabe Amonstiege (in Verbindung mit Konskriptionsnummer 152) ist bereits 1848 nachweisbar.

.) 1863/64 wurde eine „Neuherstellung und gleichzeitige Verbreiterung der sogenannten Amonsstiege“ vorgenommen.

.) Der Zusatz „sogenannte“ lässt erkennen, dass „Amon(s)stiege“ keine offizielle Bezeichnung war.

 

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[1] ANNO-Suche der ÖNB:

Wiener Zeitung vom 18. Juli 1848, S. 20

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=18480718&query=%22Amonstiege%22&ref=anno-search&seite=20 

(Zugriff: 17.11.2018)

[2] E-Book der ÖNB:

Wiener Telegraf / Hagelbrunner-Zeitung Nr. 65 vom 19. März 1854, Hg. Adolph Bäuerle, Stöckholzer 1854

(Original: Österr. Nationalbibliothek, digitalisiert am 27. März 2017)

https://books.google.at/books?id=eAUcuRS7lQ4C&pg=RA1-PP26&dq=%22Karl+amon+Laimgrube+Tod&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi-nYGJ7MfeAhUwzIUKHdgWDVcQ6AEINjAD#v=onepage&q=%22Karl%20amon%20Laimgrube%20Tod&f=false (Zugriff: 17.11.2018)

[3] ANNO-Suche der ÖNB:

Fremden-Blatt vom 15. August 1858, S. 6 (Abb. 9)

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=fdb&datum=18580815&query=%22Amon-stiege%22&ref=anno-search&seite=6 (Zugriff: 17.11.2018)

[4] E-Book der ÖNB:

Wien 1862: Lokalblatt für komunale Interessen, 1. Jg., Nr. 12, Freitag, 18.4.1862. Verlag Berthold Sengschmitt. (Original: Österr. Nationalbibliothek, digitalisiert: 21.4.2017), S. 23 (Abb. 10)

https://books.google.at/books?id=wqNmAAAAcAAJ&pg=PA950&dq=Amonstiege&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjZy9Dt48DeAhUD36QKHXp8AfEQ6AEIKDAA#v=onepage&q=Amonstiege&f=false (Zugriff: 17.11.2018)

[5] Bezirksplan 1863 mit den gegenüberliegenden Konskriptionsnummern Laimgrube 150 und 152 Ecke Stiegengasse / Windmühlgasse (Abb. 11)Vgl. Bezirks-Pläne der kais. königl. Haupt und Residenz-Stadt Wien: mit den alten und neuen Hausnummern; in 7 Blättern. Wien: Dirnböck: Klein, 1863

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1945935?zoom=7&lat=4385&lon=5820&layers=B (Zugriff: 17.11.2018)

[6] Günter Oppitz, Artikel „Zehn Häuser der Windmühlgasse am Ende des 19. Jahrhunderts“ auf der Homepage www.guenteroppitz.at

[7] Wikipedia / Liste der Straßennamen von Wien/Mariahilf / Stiegengasse

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stra%C3%9Fennamen_von_Wien/Mariahilf (Zugriff: 5.9.2019)

[8] ANNO-Suche der ÖNB:

Wiener Zeitung vom 28. April 1863, S. 23 (Abb. 12)

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=18630428&query=%22AmonsStiege%22&ref=anno-search&seite=23 

(Zugriff: 17.11.2018)

[9] E-Book der ÖNB:

Hans Jörgel von Gumpoldskirchen: Volksschrift im Wiener Dialekte, Band 32, 35. Heft, S. 6, herausgegeben am 29. August 1863. Dirnböck, 1863 (Original: Österreichische Nationalbibliothek, digitalisiert am 11. Sept. 2017) (Abb. 13)

https://books.google.at/books?id=uP-5Ses_KewC&pg=RA9-PA6&dq=amonstiege&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjpiunZnrbeAhWRGuwKHXMKC2EQ6AEITjAI#v=onepage&q=amonstiege&f=false (Zugriff: 17.11.2018)

[10] E-Book der ÖNB:

Protokoll der 280. Sitzung, in: Protokolle der öffentlichen Sitzungen des Gemeinderathes der k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Verlag Wallishausser 1864. (Abb. 14)

(Original: Österreichische Nationalbibliothek, digitalisiert: 2.3.2016)

https://books.google.at/books?id=wqNmAAAAcAAJ&pg=PA950&dq=Amonstiege&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjZy9Dt48DeAhUD36QKHXp8AfEQ6AEIKDAA#v=onepage&q=Amonstiege&f=false (Zugriff: 17.11.2018)

[11] ANNO-Suche der ÖNB:

Wiener Kommunal-Kalender und städtischen Jahrbuch von 1872, S. 184

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wkk&datum=18720004&query=((text:Amonstiege))&ref=anno-search&seite=190 

(Zugriff: 17.11.2018)

[12] ANNO-Suche der ÖNB:

Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe) vom 20. Juni 1876, S. 4

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwg&datum=18760620&query=%22Amonstiege%22&ref=anno-search&seite=4 

(Zugriff: 17.11.2018)

[13] E-Book der ÖNB:

Michael Winkler, Winkler's Orientirungs-Plan der k.k. Reichshaupt und Residenzstadt Wien mit seinen acht umliegenden Vorstadt-Bezirken. Sommer, 1862, S. 549

(Original: Österreichische Nationalbibliothek, digitalisiert: 19.2. 2018)

https://books.google.at/books?id=FjAAosvk0kEC&pg=RA1-PA549&dq=Amonstiege&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjZy9Dt48DeAhUD36QKHXp8AfEQ6AEISDAH#v=onepage&q=Amonstiege&f=false

(Zugriff: 17.11.2018)