8. Windmühlgasse 23 – „Zur heiligen Dreifaltigkeit“

 

 

Abb. 25. Franz Hoffelner, „Alte Windmühlgasse“, Exemplar A.

Bildausschnitt Windmühlgasse 23 („Zur heiligen Dreifaltigkeit“).

Aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf. Foto: Autor (2018)

 

Standort des Hauses aus heutiger Sicht:

 

Windmühlg. 9, nordöstl. Teil + Fillgraderg. 20, nordöstlicher Teil [1]

 

Hausgeschichte:

 

 

Windmühlgasse 23 (1863), ab 1908: Windmühlgasse 9                                     Frühere Konskriptionsnummer: Windmühl 31 (1846)

 

Jahr / Häuserverzeichnis

KNR

Windmühl 

Hausname/ Straßenname

Besitzer

Größe

EZ, Parz.-Nr., Baujahr

1779 (Ponty)

31

Heilige Dreyfaltigkeit / an der Straße gegen Gumpendorf

Maria Anna Heidlin

 

 

1786 (Fischer)

31

Heilige Dreyfaltigkeit / an der Straße gegen Gumpendorf

Maria Anna Heidlin

 

 

1789 (Hofer)

31

Heilige Dreyfaltigkeit / an der Straße gegen Gumpendorf

Maria Anna Heiblin

 

 

1796

31

Heilige Dreifaltigkeit / Windmühlgasse

Andreas Kratz

2 Stockwerke

 

1816 (Gutjahr)

31

Heilige Dreyfaltigkeit / Windmühlgasse

Johann Knechtl

 

 

1829 (Behsel)

31

Heilige Dreyfaltigkeit / Windmühlgasse

Johann Knechtl

 

 

1846 (Messner)

31

Zur heiligen Dreifaltigkeit

 

 

 

1852

31

Heilige Dreifaltigkeit / Windmühlgasse

Theresia Rust und Karl Knechtl

 

 

Jahr / Häuserverzeichnis

Orientierungsnr.

Besitzer

Größe

EZ, Parz.-Nr., Baujahr

1863 (Winkler)

Windmühlgasse 23

Michael und Magdalena Fest

 

 

1869 (Czapek)

Windmühlgasse 23

Georg Stessel

2 Stockw. / 6 Wohn.

Zubauten 1811, 1825

1877 (Smöch)

Windmühlgasse 23

Georg Stessel

2 Stockw. / 6 Wohn.

 

1885 (Kataster Schlessinger)

Windmühlgasse 23

Anna Maria Stessel u. 8 Mitbesitzer

2 Stockw. / 6 Wohn.

EZ 1110 / Parz 112

erbaut 1811

 


Aufschrift bzw. Schild am Haus
:

 

WILHELM TÖPFER

 

Nachweis im Wiener Adressbuch von Adolph Lehmann:

 

1889 - 1892: keine Eintragung

1893 – 1999: Töpfer Wilhelm, Friseur, VI., Windmühlgasse 2

1900 – 1907: Töpfer Wilhelm, Friseur, VI., Windmühlg. 2, G. VI., Windmühlg. 5 und 7;

1908 – 1914: Töpfer Wilhelm, Friseur, VI., Capistrang. 5, G. VI., Capistrang. 8

1915 – 1930: Töpfer Wilhelm, Friseur, VI., Capistrang. 3, G. VI., Capistrang. 8

 

Capistrang. 3 ist jenes Haus, in dem auch die Familie Kantner Wohnung und Geschäft hatte.

Bis 1907 war die Adresse für dieses Haus: Windmühlgasse 2 bzw. 2A.

 

 

Der Friseur Wilhelm Töpfer konnte zwar nicht an der Adresse Windmühlgasse 23 nachgewiesen werden, aber auf einem Foto von August Stauda von 1902 ist die Aufschrift „Wilhelm Töpfer Friseur“ am Haus Windmühlgasse 5 (ab 1908 war das Capistrang. 8) sehr gut zu lesen – eine Bestätigung für die obigen Lehmann-Eintragungen:

 

 

Abb. 26. „Wien VI, Windmühlgasse 5“, Gassenfront etwas von rechts.

Autor: August Stauda, Glasplatte, 1902. Inv.-Nr. ST 988F / ÖNB

http://www.bildarchivaustria.at/Preview/1912669.jpg (Zugriff: 27.6.2018)

 

Vermutlich hat Wilhelm Töpfer von dem Haus Windmühlg. 5 (spätere Nummer Capistrang. 8), wo er sein Geschäft hatte, im Zuge des Abbruchs (im Jahr 1904 entstand hier lt. Lenobel HV 1905 ein Neubau) die Statue („Maria mit Jesuskind“), die an der Fassade angebracht war, in den Innenhof des Hauses Capistrangasse 3 (dort hatte er seine Wohnung)  geschafft und dort aufgestellt.

An dieser Stelle konnte sie vom Autor im November 2018 fotografiert werden. Sie ist mit Sockel ca. 120 cm, ohne Sockel 90 cm hoch und ungefähr 40 cm breit. 

 

Abb. 26a. Madonna mit Jesuskind.

Statue im Innenhof des Hauses Capistrang. 3

von der Fassade des abgerissenen Hauses Windmühlgasse 5

(spätere Adresse: Capistrang. 8); Foto: Autor (November 2018)

 

Nachweis aller Verstorbenen an der Adresse Windmühlgasse 23 und an der Identadresse Gumpendorferstr. 28 im Sterbebuch 03-17 der Pfarre St. Josef ob der Laimgrube von 1883 – 1891:

 

Windmühlgasse 23:

 

1886.02.09 Fuchs Anna, 4 J., 10 Mon., V: Ferdinand Fuchs, Friseur

1886.06.11 Weinzetl Elisabeth, 8 Mon., unehel. Tochter der Steuereinnehmerswitwe Maria Petrosi geb. Weinzetl

1887.12.02 Hlawatz Vinzenz, 53 J., ledig, Diurnist der k.k. Staatsbahnen

1891.04.29 Schädle Klemens, 4 Wochen, V: Klemens Schädle, Mechaniker, geb. von Wilflingen in Württemberg

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Im Sterbebuch 03-18:

1896.06.05 Kantner Leopold, hier geb. 15.11.1895, V: Franz Kantner, Fleischhauer, zust. in Ketzelsdorf N.Ö.

(Die Fleischhauerfamilie Kantner wohnte ursprünglich an der Adresse Windmühlgasse 15 – siehe Kapitel 4)

 

Gumpendorferstr. 28:


1883.10.01 Jung Josef, 53 J., Etuitischler

1884.03.06 Prohaska Totgeburt, M: Josefa Prohaska, Wirtschafterin aus Wießkirchen

1885.03.01 Wallenstein Josefa, 8 Monate, V: Karl Wallenstein, Drechslergehilfe, zust. Olmütz / Mähren

1886.02.05 Rath Karl. 1 ¼ J., V: Johann Rath, Maurergehilfe

1886.04.18 Jung Maria, 17 J., Goldschleiferin

1886.07.08 Schober Friedrich, 8 Tage, irrig Tomsch, V: Josef Schober, Friseurgehilfe

1886.11.16 Wallenstein Aloisia, 8 Monate, V: + Karl Wallenstein, Drechslergehilfe

1889.03.09 Petrasek Maria, 3 Wochen, V: Franz Petrasek, Schuhmachergehilfe

1890.06.07 Lutschak Rosalia geb. Brunner, 56 J. 2 Mon., Witwe des Schuhmachergehilfen Josef Lutschak, geb. von Schrattenberg in N.Ö.

1890.11.30 Bohac Rudolf, 5 Monate, V: Johann Bohac, Schneidergehilfe

1891.12.22 Paris Albertine, 13 ½ J., V: Robert Paris, Geschäftsdiener

 

 

8.1. Die Familie Kantner und das Haus Windmühlgasse 23 „Zur heiligen Dreifaltigkeit“

 

Es ist kein Zufall, dass bei den Sterbeeintragungen der Pfarre St. Josef ob der Laimgrube in Zusammenhang mit diesem Haus im Jahr 1895 der Name Kantner erscheint – immerhin hatte die Familie Kantner hier von 1891 bis 1897 das Fleischhauergeschäft im Parterre und eine Wohnung im 1. Stock. (Vgl. Kapitel 4.2.)

Ein kleiner Auszug aus der Chronik:

 

„Im Jahre 1897 wurden die alten kleinen Häuser Nr. 17, 19 und 21 umgebaut […] Durch schlechtes Pölzen unseres Hauses wurde es baufällig und für die Bewohner direkt lebensgefährlich.

An einem Septemberabende war ich bei einem meiner Kunden (Gastwirt), als mich ein Wachmann herausrief und mir nahelegte sofort nach Hause zu gehen. Voll Aufregung, es war ½ 11 Uhr nachts eilte ich heim, wo ich zu meiner grössten Überraschung die Feuerwehr damit beschäftigt fand meine Wohnung wegen Einsturzgefahr auszuräumen. Meine Wohnung befand sich im I. Stock. Vom zweiten Stock war ein Zimmer samt Einrichtung auf den Bauplatz gestürzt. Um 11 Uhr nachts musste ich mich mit fünf Kindern auf Wohnungssuche begeben.“ [2]

 

Auf den Fotos Abb. 27a und 27b (Ausschnitt Haus 23) aus dem Bestand des Bezirksmuseums ist sogar die Aufschrift „F. Kantner . Fleischhauer“ zu lesen:

 

 

 

Abb. 27a. Die Windmühlgasse. Häuser Nr. 19 (Gasthaus) bis Nr. 29 in Schrägsicht.

Aufnahme aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf:

Ausschnitt Haus Nr. 23,  fotografiert vom Autor (2018).

 

 

Abb. 27b. Die Windmühlgasse. Häuser Nr. 19 (Gasthaus) bis Nr. 29 in Schrägsicht.

Aufnahme aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf:

 

Ausschnitt Haus Nr. 23 / Geschäftsschild „F. Kantner . Fleischhauer“,  fotografiert vom Autor (2018).

 

Zur Datierung des Fotos Die Windmühlgasse. Häuser Nr. 19 (Gasthaus) bis Nr. 29 in Schrägsicht. Aufnahme aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf:

 

Das Geschäftsschild des Fleischhauers F. Kantner gibt einen Hinweis darauf, dass dieses Foto zwischen 1893 und 1897 entstanden sein muss. Vgl. Kapitel 4.1. (Häuser, Wohnungen und Geschäftslokale der Familie KANTNER im Bereich des Windmühlviertels) und 8.1. (Die Familie Kantner und das Haus Windmühlgasse 23 „Zur heiligen Dreifaltigkeit“)

Franz Kantner hatte nur in diesem Zeitraum sein Geschäft in diesem Haus.

 

Im Kapitel 6 (Gasthaus „Zum Lamm“ von Ferdinand Rumpel) konnte der Zeitraum, in dem die Aufnahme gemacht wurde, sogar auf 1895 bis 1897 eingeengt werden. 

 

 

8.2. Vergleich von Hoffelners Darstellung auf Exemplar A und Staudas Foto

 

Beim Vergleich von Hoffelners Bild mit Staudas Foto (links Nr. 23, rechts Nr. 25) fällt nicht nur ein Missverhältnis von Breite und Höhe auf (siehe auch Kapitel 16), sondern auch die vergleichsweise oberflächliche Fassadengestaltung des Hauses Windmühlgasse 23.

Bei Hoffelner wird Wilhelm Töpfer als Geschäftsinhaber genannt, bei Stauda dagegen „Friedrich Mergler, Bau- und Kunstschlosser“.

 

Es ist zwar fraglich, ob Friedrich Mergler jemals ein Geschäft an der Adresse Windmühlgasse 23 besaß, aber eine enge Beziehung zu diesem Haus ist nachweisbar: Im Lehmann-Adressbuch wird an der Identadresse Gumpendorferstraße 28 diese Schlosserei von 1899 bis 1901 angeführt, im Jahr 1902 allerdings in der Theobaldgasse 25

Lehmann:

1896: Mergler Friedrich, J. M. Baierlein’s Nachf., Schlosser, Gumpendorferstr. 28 – 30

1899: Mergler Friedrich, Bau- und Kunstschlosser, IX., Nadlerg. 3, Fil. VI., Gumpendorferstr. 28

1900: Mergler Friedrich, Bau- und Kunstschlosser, IX., Nadlerg. 3, Fil. VI., Gumpendorferstr. 28

1901: Mergler Friedrich, Bau- und Kunstschlosser, IX., Nadlerg. 3, Fil. VI., Gumpendorferstr. 28

  

 

1902: Mergler Friedrich, Bau- und Kunstschlosser, IX., Nadlerg. 3, Fil. VI., Theobaldgasse 25

 

 

 

 

 

                                                   

 

 

Abb. 27. Franz Hoffelner, „Alte Windmühlgasse“, Ex. A.

Bildausschnitt Windmühlgasse 23 („Zur hl. Dreifaltigkeit“).

Aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf. Foto: Autor (2018)

 

 

 

Jedenfalls scheint der zweite Stock dieses Hauses

Abb. 28. „Wien 6, Windmühlgasse 23/25“. Staffage. Autor: August Stauda, Glasplatte, 1899; Inv.-Nr. ST 255F / ÖNB

http://www.bildarchivaustria.at/Preview/1910917.jpg 

(Zugriff 28.6.2018)

 

Jedenfalls scheint der zweite Stock dieses Hauses laut den Schilderungen von Herrn Kantner ab 1897 zum Teil gefehlt zu haben. Auch der erste Stock war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr bewohnbar. Zur Windmühlgasse hin sind auf dem Foto von Stauda Fenster im ersten Stock geöffnet.

Entweder betrafen die Schäden nur den hinteren Teil des Hauses, oder Staudas Foto ist bereits früher entstanden als angegeben.

 

 

8.3. Das Hauszeichen „Zur heiligen Dreifaltigkeit“

 
Es handelt sich eindeutig um jenes Relikt des Hauses Windmühlgasse 23, das heute im Haus Windmühlgasse 10 aufbewahrt wird (vgl. auch Kapitel 4.2.)Insbesondere aber ist bemerkenswert, dass jenes Hauszeichen „Zur heiligen Dreifaltigkeit“, das auf Staudas Foto in der Fassadenmitte zwischen den Fenstern des ersten und des zweiten Stocks relativ gut zu erkennen ist, auf Hoffelners Gemälden nicht einmal angedeutet ist.

 

 

 

 

Abb. 29. Hauszeichen „Zur heiligen Dreifaltigkeit“ vom Haus Windmühlgasse 23, das um 1900 völlig abgerissen wurde. Foto: Autor (2018)

 

 

Weitere Entwicklung der Hausgeschichte:

 

siehe Kapitel 16. Bereich der ehemaligen Häuser 23, 25 und 27 (2018: Nr. 9)

 

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[1] s. Messner 1982

 

[2] Laut Auszug aus einer Chronik, verfasst von Kommerzialrat Franz Kantner