2. Die Bildquellen – „Alte Windmühlgasse“

 

Abb. 2 – Franz Hoffelner, „Alte Windmühlgasse“, Exemplar B.

Aquarell mit Widmung aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf.

Foto: Autor (2018)

 

Es gibt zwei nahezu gleiche Aquarelle von diesem Ausschnitt der Alten Windmühlgasse, die in der vorliegenden Untersuchung mit „Exemplar A“ und „Exemplar B“ bezeichnet werden.[1]

 

Beide werden (Stand: Juni 2018) in einem Depot des Bezirksmuseums Mariahilf aufbewahrt und sind normalerweise nicht in den Räumlichkeiten des Bezirksmuseums ausgestellt. Für diesen Artikel wurde dem Autor von der Leitung des Bezirksmuseums eine Fotografiererlaubnis erteilt.

 

Eine Art Katalogkarte bei Exemplar B, dem Aquarell mit der Widmung, gibt folgende Auskunft:

„Windmühlgasse 13 – 31 / Aquarell von F. Hoffelner. Die Jahreszahlen über dem Bild beziehen sich nicht unmittelbar auf das Bild, sondern auf das Jubiläum des Vereines. Die Gasse sah in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts so aus.“

 

Beschreibung der Bilder:

 

1) Größe der beiden Bilder - ohne Rahmen und Beschriftung: ca. 23,5 cm hoch, 105,5 cm breit

                                             - mit Rahmen und Beschriftung: ca. 42 cm hoch, 117 cm breit        

2) Bildinhalte: 10 Häuser der Alten Windmühlgasse

Die beiden Aquarelle scheinen aus jeweils zwei Teilen zusammengesetzt zu sein:

Windmühlgasse Orientierungsnummer 13 bis 19 und 21 bis 31.

 

3) Erklärungen zu den Bildern:

 

Bei Exemplar A stehen unterhalb der Häuser die Hausnamen sowie die alten KNR und die Orientierungsnummern vom Ende des 19. Jahrhunderts. Darunter steht in dekorativen Buchstaben „Alte Windmühlgasse“. Am linken unteren Bildrand: schwarze Signatur „Wien VI, Windmühlgasse. F. C. Hoffelner.“ (siehe Abb. 4)

 

Bei Exemplar B steht über den Häusern links die Jahreszahl 1889, rechts 1929.

Darunter steht: Zur Erinnerung an den 40jährigen Bestand des Vereines „Windmühler – Kinderfreunde“ gewidmet von der Vereinsleitung dem Gründer des Vereines Ehrenmitglied Herrn Julius Endriß sen.

Am linken unteren Bildrand befindet sich eine rote Signatur „F. Hoffelner“ (siehe Abb. 41).

 

Dass auf den Exemplaren kleine Unterschiede in der Gestaltung festzustellen sind, wird im Kapitel 12. Windmühlgasse 31 beispielhaft erörtert.

 

 

4) Künstler: F. Hoffelner

Franz Hoffelner war ein österreichischer Landschafts- und Vedutenmaler, geb. am 14. November 1875 in Wien, gestorben am 26. Dezember 1936 in Wien. [2]

Über ihn ist nur wenig bekannt.

Er wurde am 14. November 1875 in der Mariahilferstraße Nr. 111 als Sohn des Johann Hoffelner und der  Karolina geb. Wimmer geboren und am 28. November in der Pfarre Gumpendorf getauft.

Geburts- bzw. Taufeintragung des Franz Hoffelner: [3]

 

geboren am 14. 11., getauft am 28. 11. 1875

Adresse: Mariahilferstraße Nr. 111

Getaufter: Franz (Xaver) Carl Johann Hoffelner

Vater: Hoffelner Johann, katholischer Religion, Buchbinder, Sohn des Johann Hoffelner, bürgerlichen Buchbinders, und der Barbara, geb. Konrad

Mutter: Wimmer Karolina Christina Theresia, katholischer Religion, Tochter des Franz Wimmer, akademischen Malers und Dekorateurs, und der Theresia, geb. Weidmann

Taufpatin: Josefine Wimmer, Mahlers Gattin (sic!)

 

Anmerkung bezüglich der Trauung der Eltern:

Getraut Pfarre St. Johann in der Praterstrasse am 14. November 1871 laut Trauungsschein

 

Ob er verheiratet war, ob er Kinder hatte, ist nicht bekannt. Erst ab 1925 sind präzise Angaben über seine Wohnadresse zu finden. In den Lehmann-Adressbüchern der Jahre 1925 bis 1936 wird angegeben: [4]

Hoffelner –  Franz Karl, Kunstmaler, VI., Dürerg. 5

Im Jahr 1925 fehlt der 2. Vorname Karl noch.

 

In Kirchenbüchern und in der Wiener Zeitung war keine Eintragung zu finden. Im Wiener Stadt- und Landesarchiv gibt es auch keine Todfallsaufnahme bzw. Verlassenschaftsabhandlung.

 

Von der väterlichen Seite könnte das handwerkliche und feinmotorische Geschick stammen (Vater und Großvater Hoffelner waren Buchbinder), von der mütterlichen Seite die künstlerische Begabung und das Interesse für Motive seiner Heimatstadt Wien.

Einige Angaben für Franz Wimmer aus dem Lehmann-Adressbuch:

1870 Franz Wimmer, akademischer Zimmermaler, Gemeinderat, II., Praterstr. 25

1875 Franz Wimmer, Decorateur und Architekt, II., Praterstr. 25 [5]

1880-1890 Franz Wimmer, akad. Maler, Architekt, II., Praterstr. 25

 

In der Morgen-Post / 21. Jg. / Nr. 72 / 13.März 1871 (kostenloses E-Book, digitalisiert von ÖNB) findet man folgende Beschreibung von Franz Wimmer: [6]

Franz Wimmer, Dekorateur, akademischer Maler, Armenvater, Bezirksdirektor des Wiener Kreuzervereins, Mitbegründer des neuen Künstlerhauses etc.: war während der diesjährigen Ueberschwemmung in der Brigittenau bei Tag und Nacht thätig und vertritt überhaupt die Interessen seines Bezirkes mit Eifer.

 

Werke und Schaffensweise:

Heinrich Fuchs führt folgende Werke aus dem Nachlass Anna Ullmann an, die auf der 142. Kunstauktion Albert Kende in Wien am 18.3.1937 versteigert wurden: [2]

„Ruine in Schönbrunn“, „Wien, Neuer Markt, in der Mitte der Donnerbrunnen“, „Franziskanerplatz, vorne der Mosesbrunnen“, „Wien Am Hof mit Mariensäule und dem Standbild Radetzkys vor dem alten Kriegsministerium“, „Bauerngehöft“, Wien Am Peter, „Wien Liechtenthal“, „Wien Ulrichshof“, „Landhaus mit Park und Garten“ , „Wien, Maria am Gestade“

Eine Abbildung von „Der unausgebaute Turm des Wiener Stephansdomes“ ist auf Seite 160 zu sehen.

 

5) Mehrere Exemplare eines Bildes

 

Von einigen Motiven gibt es mehrere Exemplare. Hoffelner scheint bestimmte Vorlagen gehabt zu haben (Bilder, Fotos), die er – eventuell in einem größeren Format – kopierte und nachträglich kolorierte.

 

So findet man beispielsweise bei den Auktionen des Dorotheums mehrmals den Titel „Wien VII, Ulrichshof“:

Auktion am 21.5.2013 "Wien VII, Ulrichshof", betitelt, signiert Hoffelner, Aquarell auf Papier, 23 x 15 cm, gerahmt, beschädigt, (Hu)

Auktion am 3.8.2016 "Wien VI, Ullrichshof", betitelt, signiert F. Hoffelner, Aquarell auf Papier, 27 x 20 cm, Passep., gerahmt, (Hu)

Auktion am 19.4.2017 "Der Ullrichshof", Mischtechnik auf Karton, signiert F. Hoffelner 39 x 29 cm. gerahmt

 

Von „Alte Windmühlgasse“ gibt es – zusätzlich zu den beiden oben vorgestellten Exemplaren des Bezirksmuseums – ein Bild, das sich nach mündlichen Angaben im Besitz der Familie Kantner befindet.

Von der Familie Endriß wurde mir freundlicherweise ein Schwarz-Weiß-Foto mit den Ausmaßen ca. 41 cm x 9, 5 cm mit der Bezeichnung „Alte Windmühlgasse“ vorgelegt. Bei genauer Betrachtung des undatierten Fotos erkennt man, dass es sich um die Ablichtung eines gemalten Bildes handeln muss – entweder des Originals oder einer Kopie davon – mit Sicherheit nicht von Exemplar A oder Exemplar B. Das lässt sich aufgrund der Positionen der dargestellten Personen eindeutig feststellen. Die Relationen von Breite und Höhe stimmen auch auf diesem Foto nicht, wie man aufgrund der Fotos von August Stauda eindeutig feststellen kann (vgl. Kapitel 13 / Windmühlgasse 27 bzw. Kapitel 14 / Windmühlgasse 29).

 

  

 

Abb. 3a. Foto „Alte Windmühlgasse“, aus dem Besitz der Nachfahren von Familie Endriss,

möglicherweise nach einer Bildvorlage von Franz Hoffelner – fotografiert vom Autor (2018) 

 

 

6) Entstehungsanlass und Entstehungszeit:

 

Der Entstehungsanlass von Exemplar B war vermutlich das 40jährige Vereinsjubiläum im Jahr 1929; möglicherweise wurde zu diesem Anlass eine Kopie von Exemplar A angefertigt.

 

Entstehungsanlass von Exemplar A war vermutlich der absehbare Abriss der alten Häuser.

Die Angabe der alten Hausnummern und Hausnamen lässt den Willen erkennen, die Erinnerung an die "Alte Windmühlgasse" zu bewahren. Dieses Bild bzw. eine eventuelle Vorlage davon ist möglicherweise viel früher entstanden als Exemplar B.

 

Entstehungszeit der Vorlage:

 

.) Wenn die noch bestehenden „alten“ Häuser dem Künstler als unmittelbare Vorlage dienten und wenn man das Baujahr einiger „neuer“ Häuser berücksichtigt: vor 1898.

.) Entsprechend den Geschäftsschildern kann man auf eine Entstehungszeit der Bildvorlage zwischen 1891 und 1893 schließen.

Fast alle Geschäftsleute hatten in dieser Zeit laut Angaben im Lehmann ihren Betrieb im Haus mit dem aufgemalten Geschäftsschild. Lediglich Ferdinand Rumpel und Wilhelm Töpfer konnten in diesem Zeitraum im Lehmann nicht nachgewiesen werden, aber sie wurden zwischen 1891 und 1893 auch an keiner anderen Adresse genannt. Eine ganz besondere Situation liegt bei Johann Schenkirsch vor, dessen Geschäftsschild auf dem Haus Windmühlgasse zu sehen ist, der aber laut Lehmann seine Fleischselcherei auf der anderen Seite der Gasse auf Nummer 4 hatte.

 

Bei einer Entstehungszeit der Bildvorlage zwischen 1891 und 1893 wäre Franz Hoffelner (Geburtsjahr 1875) allerdings extrem jung gewesen – 16 bis 18 Jahre.

 

Ob jugendliche Unerfahrenheit dazu führte, dass die Häuser in der ursprünglichen Bildvorlage schmäler dargestellt wurden, als sie entsprechend vorhandenen Fotos waren (vgl. dazu Kapitel 10, 11 und 16), oder ob einfach die Absicht dahinterstand, eine größere Anzahl von Gebäuden nebeneinander in einem Bild wiederzugeben, lässt sich nicht feststellen.

 

Das folgende Bild aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf lässt erahnen, warum die Häuser auf Hoffelners Bildern höher wirken, als sie tatsächlich waren: Offenbar wurde die Gasse schräg fotografiert, weil es von gegenüber wegen der kurzen Distanz zwischen den Häuserreihen nicht anders möglich war. Der Maler täuschte auf seinen Bildern eine Frontalsicht vor, behielt aber die Relationen von Höhe und Breite der schräg aufgenommenen Fotos bei.

 

 

 

Abb. 3b. Die Windmühlgasse. Häuser Nr. 19 (Gasthaus) bis Nr. 29) in Schrägsicht. Aufnahme aus dem Bestand des Bezirksmuseums Mariahilf, fotografiert vom Autor (2018).

 

Zur Datierung dieses Fotos zwischen 1895 und 1897 siehe Kapitel 6 (Abb. 23b) bzw. zwischen 1893 und 1897 siehe Kapitel 8.1. (Abb. 27a und 27b).

 

 

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[1] siehe Abbildungsnachweis

[2] Fuchs 1978

Heinrich Fuchs, Die österreichischen Maler des 19. Jahrhunderts. Ergänzungsband 1 (A – K), Wien 1978, K 164

[3] Erzdiözese Wien, Pfarre 06., Gumpendorf, Taufbuch 01-059, Nr. 1028, Fol. Bild 03-Taufe_0386/ 14./28. 11. 1875

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/06-gumpendorf/01-059/?pg=415 (Zugriff: 22.10.2018)

[4] Lehmann 1925 – 1936

https://www.digital.wienbibliothek.at/periodical/zoom/177980?zoom=3&lat=1696.73365&lon=1278.21604&layers=B

(Zugriff: 22.10.2018)

[5] Lehmann 1875

https://www.digital.wienbibliothek.at/periodical/zoom/33405?zoom=2&lat=1578.55&lon=1180.525&layers=B

[6] Morgen-Post / 21. Jg. / Nr. 72 / 13.März 1871 (kostenloses E-Book, digitalisiert von ÖNB)

https://books.google.at/books?id=91EmdBcryVYC&pg=PP569&dq=%22Franz+Wimmer%22+Gemeinderat+Maler&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjjy-b3-IfeAhUM2aQKHXjODlUQ6AEINjAD#v=onepage&q=%22Franz%20Wimmer%22%20Gemeinderat%20Maler&f=false (Zugriff: 22.10.2018)