13. Städtebauliche Hintergründe

 

  

13.1. Grundlagen für das Verständnis der Dokumentation: Änderungen von Straßenbezeichnungen und Hausnummern sowie Kommentar zu den Stadtplänen 1904 und 1912

 

Drei für diesen Artikel wichtige Änderungen in der Straßenbenennung bzw. im Straßenverlauf: [1]

 

1) WINDMÜHLGASSE

 

2018: Die WINDMÜHLGASSE beginnt zwischen Theobaldgasse 19 und 21, quert die Capistrangasse und endet mit Nummer 32 vor der Barnabitengasse am Fritz-Grünbaum-Platz (neben bzw. oberhalb der Gumpendorfer Straße).

 

1904: Die WINDMÜHLGASSE begann an einer ganz anderen Stelle, nämlich an der Mariahilfer Straße (zwischen 31 und 33, wo heute die Capistrangasse endet) – der Abschnitt zwischen der heutigen Theobaldgasse und der Capistrangasse war ja noch durch das Polizeigefangenenhaus blockiert – , machte nach zwei Häusern einen Schwenk nach rechts, folgte dem Verlauf der heutigen Windmühlgasse, erreichte mit Nummer 24A  bzw. 51 die Barnabitengasse, querte sie und folgte dem Verlauf der heutigen Schadekgasse, bis sie bei Nummer 57 bzw. 42 auf die Amerling-Straße traf.

 

2) FILLGRADERGASSE

 

2018: Die FILLGRADERGASSE beginnt an der Gumpendorfer Straße und schwenkt bei der Fillgrader- Stiege nach links und mündet bei Nummer 21 bzw. 22 in die Windmühlgasse.

 

1904: Die FILLGRADERGASSE hatte von Nr. 1-5 bzw. 2-8 (also von der Gumpendorfer Straße bis zur heutigen Fillgrader-Stiege) denselben Verlauf wie heute, führte allerdings danach gerade weiter Richtung Mariahilfer Straße. Rechts erreichte die Gasse mit Nummer 14 ein Ende. Von dort führte ein schmaler Pfad weiter zur Mariahilfer Straße. Der Block links von der früheren Fillgradergasse (heutiger Bereich der Theobaldgasse 15 - 19) war zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht (mehr) bebaut.

 

 

3) CAPISTRANGASSE

 

2018: Die sehr kurze CAPISTRANGASSE beginnt an der Fillgradergasse (zwischen 16 und 18) mit einer Stiege, quert die Windmühlgasse und erreicht bereits bei Nr. 5 bzw. 12 die Mariahilfer Straße.

 

1904: Eine CAPISTRANGASSE gab es noch nicht. Der Anfangsteil der heutigen Capistrangasse war der Anfangsteil der Windmühlgasse, der weitere Verlauf, wo sich heute die Capistran-Stiege befindet, hatte möglicherweise gar keine Bezeichnung.

 

  

 

Abb. 37. Generalstadtplan 1904: Windmühlviertel / mit Überblendungen durch aktuelle Daten

online: www.wien.gv.at   / Stadtplan / Kulturgut / Historische Stadtpläne / Generalstadtplan 1904

 

 

Zwei für diesen Artikel wichtige Änderungen in der Nummerierung:

 

Die baulichen Veränderungen führten nicht nur zur Eröffnung neuer Straßenabschnitte, sondern auch zu Umbenennungen und Änderungen bei der Nummerierung der Häuser.

 

1) Gumpendorfer Straße:

Auf dem Stadtplan von 1887 sind für die Häuser der Gumpendorferstraße andere Nummern eingezeichnet als auf dem Stadtplan von 1904.

Ein Beispiel: Im Jahr 1904 hatte ein Eckhaus mit der Bienengasse 1 die Orientierungsnummer Gumpendorfer Straße 26 (siehe  Abb. 31/ Generalstadtplan 1904). Dasselbe Haus hatte 1887 noch die Orientierungsnummer Gumpendorfer Straße 20 (siehe Abb. 33/ Stadtplan 1887). In diesem Zeitraum zwischen 1887 und 1904 muss es also in der Gumpendorfer Straße bereits eine Nummernänderung gegeben haben, während in der Windmühlgasse diese Umnummerierung erst 1908 erfolgte. Verwirrung kann daher besonders bei Identadressen auftreten, bei Häusern, die von der Windmühlgasse bis in die Gumpendorfer Straße reichten.

 

2) Windmühlgasse:

Gegenüber dem Stadtplan von 1887 findet man auf dem Stadtplan von 1904 zwar einige Änderungen, die auf die neu angelegten Straßen zurückzuführen sind. Viele Häuser (besonders im Bereich der 10 alten Gebäude, die auf den Gemälden „Alte Windmühlgasse gezeigt werden) haben jedoch 1904 noch immer dieselbe Nummer.

 

Eine grundlegende Änderung in der Nummerierung erfolgte 1908, eine diesbezügliche „Dokumentation“ findet man erst im Stadtplan 1912.

 

 

Abb. 38. Generalstadtplan 1912 – Windmühlviertel / mit Überblendungen durch aktuelle Daten

online: www.wien.gv.at   / Stadtplan / Kulturgut / Historische Stadtpläne / Generalstadtplan 1912

 

Die Generalstadtpläne von 1904 und 1912 – Wunschdenken oder Realität?

 

Nicht immer ist klar, welche Maßnahmen und Angaben in diesen Plänen nur projektiert waren bzw. wann sie durchgeführt wurden.

 

Ein Beispiel:

Wenn man die im Kapitel 18.4. geschilderten Verhandlungen der Stadt Wien mit den Besitzern analysiert, kommt man zum Schluss, dass der projektierte Durchbruch der Fillgradergasse zur Windmühlgasse auf dem Generalstadtplan 1904 (Abb. 31) sehr optimistisch bzw. etwas irreführend angedeutet wurde, da die hinderlichen Liegenschaften erst (nach) 1912 angekauft werden konnten.

 

13.2. Zwei Gebäude als Probleme für die Stadtplanung:

die alte Laimgrubenkirche und das ehemalige Polizeigefangenenhaus (Theobaldkloster)

 

Es gab um 1900 in diesem Bereich von Mariahilf, im sogenannten Windmühlviertel,  große verkehrstechnische Probleme, die im Artikel „Die Versetzung der alten Laimgrubenkirche von der Mariahilfer Straße in die Windmühlgasse und einige Auswirkungen auf das  Verkehrskonzept“ von Günter Oppitz auf der Homepage www.guenteroppitz.at ausführlich erörtert werden. [1]

 

Einerseits bildete die alte Laimgrubenkirche auf der Mariahilferstraße ein Verkehrshindernis, weil sie weit in die Fahrbahn hineinragte, andererseits hatte das ehemalige Theobaldkloster und spätere Polizeigefangenenhaus seine früheren Funktionen verloren und blockierte ein riesiges Areal. Aus diesen Gründen wurde das ehemalige Kloster und spätere Gefangenenhaus in der damaligen Theobaldgasse im Jahr 1905 abgerissen, und die Kirche und der Pfarrhof der Laimgrubenkirche wurden 1906/07 von der Mariahilferstraße in diesen Bereich versetzt.

 

13.3. Lang gestreckte Gebäude in Hanglage als Verkehrshindernisse:

 

Im Kapitel 6 des oben genannten Artikels wird aber auch darauf hingewiesen, dass nicht nur Kirche und Polizeigefangenenhaus ursprünglich Verkehrshindernisse bildeten:

 

„Der übersichtliche Stadtplan von 1887 zeigt, dass […] die Verbauung der Windmühlgasse von Nr. 15 bis etwa Nr. 35 mit langgestreckten Gebäuden Richtung Wien-Fluss die Errichtung einer Straße erschwerte…“ [1]

 

 

Abb. 39. Stadtplan 1887: Windmühlviertel

online auf www.wien.gv.at / Stadtplan/ Kulturgut / Historische Stadtpläne / Stadtplan 1887

 

Erst die Beseitigung bzw. Teilung / Zerstückelung einiger Liegenschaften machte es möglich, dass die Fillgradergasse zusätzlich zu ihrem früheren kurzen Abschnitt von der Nummer 2 bis Nr. 8 ab 1908 auch die Strecke der früheren Theobaldgasse übernahm und außerdem noch um einige Hauslängen weiter - einige Jahre oder Jahrzehnte später - auch in die Windmühlgasse einmünden konnte.

 

Einige Belege dafür (außer dem Kartenausschnitt von 1887), dass es sich zum Teil um Liegenschaften handelte, die von der Windmühlgasse bis zur Gumpendorferstraße reichten:

 

1) Sterbeeintragungen:

Es gibt bei manchen Familien Sterbeeintragungen, wo ganz offensichtlich dasselbe Haus gemeint ist, aber manchmal die Adresse in der Windmühlgasse, manchmal in der Gumpendorferstr. angegeben wird.

 

Besonders auffällig ist das bei Kindern, die im Abstand von 3 Tagen sterben. [2]

Gumpendorferstr. 32: 1886.11.02 Reischl Totgeburt,  V: Johann Reischl, Taglöhner

Windmühlg. 27: 1886.11.05 Reischl Johann, 9 8/12 Jahre, geb. Alservorstadt, V: Johann Reischl, Taglöhner, zust. Schwarzenbach/ Krain

 

Die Eintragungen der Kinder des Johann Reischl stehen mit unterschiedlicher Adresse direkt untereinander.

 

2) Hauszeichen:

 

Der Gastwirt Marhofer wird mit seiner Familie zwar an der Adresse Gumpendorferstr. 22 angegeben.

Lt. Lehmann, Branchenverzeichnis „Wirte“ 1890: [3]

Mahrhofer Anton, Gastwirt „Zu den 3 Hackeln“, Gumpendorfer Straße 22

Genau denselben Hausnamen hat aber auch das lang gestreckte Haus an der Identadresse Windmühlgasse Nr. 17.

 

Auch wenn das Haus Windmühlg. 20 nicht zu den 10 untersuchten Häusern gehört, soll angemerkt werden, dass dieser Zugang zum Raimundhof das gleiche Hauszeichen hat wie das Gebäude in der Mariahilferstr. 45, nämlich einen goldenen Hirschen.

 

3) Identadressen in Häuserverzeichnissen

 

In den Häuserverzeichnissen werden öfters Identadressen angegeben, manchmal wird allerdings eine davon ganz offensichtlich bevorzugt, vielleicht deshalb, weil dort der repräsentativere Teil lag (eventuell mit wichtigeren Geschäften und Gasthäusern).

 

 

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[1] Günter Oppitz, Die Versetzung  der  alten Laimgrubenkirche   von der Mariahilfer Strasse in die Windmühlgasse und  einige  Auswirkungen  auf das  Verkehrskonzept, Wien 1917, auf der Homepage www.guenteroppitz.at

[2] Matricula, Erzdiözese Wien, Pfarre 06., St. Josef ob der Laimgrube, Sterbebuch 03-17, 1883-1891, Fol. 95, Bild 02-Tod_0095:

http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/06-st-josef-ob-der-laimgrube/03-17/?pg=97 (Zugriff: 28.6.2018)

[3] Lehmann 1890 / Branchenverzeichnis / „Wirthe“

https://www.digital.wienbibliothek.at/periodical/zoom/60726?zoom=2&lat=338.81988&lon=859.099&layers=B 

(Zugriff: 28.6.2018)