Kapitel 4.7. Webgasse 7 oder Lundenburg?

 

Abb. 28. Das Haus Wien 6., Webgasse 7, in dem Bertha von Kinsky, später verehelichte Bertha von Suttner,

angeblich (laut Wohnungszeugnis) im Jahr 1876 in den Wochen vor der Trauung wohnte – Foto: Günter Oppitz (24.01.2019)

 

Als Wohnadresse Bertha von Kinskys in den letzten 6 Wochen vor der Trauung wird in der Kirchenbucheintragung Webgasse 7 angegeben.

→ siehe Kapitel 2. Trauungseintragung von Arthur v. Suttner ∞ Bertha v. Kinsky in der Pfarre Gumpendorf).

Es bestehen jedoch Zweifel, dass die Braut jemals hier gewohnt hat.

→ Kapitel 7. Die Zeit zwischen der Rückkehr aus Paris und der Trauung. Geheimhaltung der bevorstehenden Hochzeit.

 

Zur Hausgeschichte:

 

Das Gebäude wurde 1860 (lt. HV 1905 / Kataster Lenobel [70] und Salzberg 1929 [71]) oder 1861 (lt. Kataster von Schlesinger 1885 [72a]) errichtet, war also zur Zeit der Trauung praktisch ein Neubau.

In Winkler’s Orientierungsplan von 1863 werden Josef Neu und Henriette Mang als Besitzer angegeben. [72b] Josef Neu war ein Seidenzeugmacher, der im Jahr 1873 hier auch seinen Firmensitz hatte. [73] Lt. HV von Smöch war Josef Neu im Jahr 1875 immer noch Hausbesitzer von Webgasse. Es gab damals in diesem Haus 9 Wohnungen. [72c]

 

Das Erscheinungsbild des Hauses Webgasse 7 im Jahr 2019:

Das Haus ist offenbar in den vergangenen Monaten renoviert worden – Fassade und Dachgeschoßausbau. Im Jänner 2019 ist die Fassade rechts unten noch nicht ganz fertig. Im August 2019 wird immer noch gearbeitet.

 

Es handelt es sich um dasselbe Gebäude wie im Jahr 1876 (Jahr der Trauung von Bertha von Kinsky, verehelichte von Suttner).

 

Argumente für diese Behauptung:

1) Bei Dehio wird das Gebäude auch als „frühhistoristisches Zinshaus“ eingestuft. [74]

2) In den vorhandenen Häuserverzeichnissen, auch in jenem aus dem Jahr 1929 von Salzberg, wird auf ein Gebäude aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts verwiesen. (Siehe oben, „Hausgeschichte“)

3) Zwei Fotos aus dem Inneren des Hauses, vor allem die Anlage des Stiegenhauses, zeigen, dass es sich um kein Gebäude aus dem 20. Jahrhundert handelt, sondern um jenes, das 1860 oder 1861 errichtet wurde.

 

Abb. 29. Wien 6., Webgasse 7, Stiegenhaus –

Foto: Günter Oppitz (Jänner 2019)

 

Abb. 30. Wien 6., Webgasse 7, Hausflur –

Foto: Günter Oppitz (Jänner 2019)

 


4) Vor allem aber die alte KNR 613, die rechts von der Orientierungsnummer noch immer vorhanden ist und die bis 1862 noch gültig war, beweist, dass es sich beim Haus Webgasse 7 noch immer um dasselbe Gebäude handelt, das kurz vor Einführung der Orientierungsnummern im Jahr 1862 hier stand.

 

Abb. 31. Wien 6., Webgasse 7. Neue Orientierungsnummer „Web-Gasse“ 7 (ab 1863) und alte Konskriptionsnummer Gumpendorf 613

(als Relikt aus der Entstehungszeit des Gebäudes 1860 oder 1861) – Foto: Günter Oppitz (Jänner 2019)

 

Die Konskriptionsnummer Gumpendorf 613 ist übrigens im HV 1861 (Ziegler) noch nicht zu finden; hier reichen die Konskriptionsnummern von Gumpendorf „nur“ bis 605. [75] In der Vergleichungstabelle 1863 jedoch wird die alte KNR 613 in der Schmidgasse (das war der frühere Name der Webgasse) und die neue Orientierungsnummer Webgasse 7 für dieses Gebäude angeführt. [76]

 

→ Die Angabe „Bauperiode 1919-1945“ bei den Hausinformationen von www.wien.gv.at ist also nicht richtig. [77]

 

 

 

Warum bestehen Zweifel, dass Bertha von Kinsky jemals an der Adresse Webgasse 7 gewohnt hat?

 

1) Bertha von Suttner selbst gibt in ihren Memoiren an, dass sie sich in den Wochen oder Monaten nach ihrer Rückkehr aus Paris bei einer Familie in Lundenburg (heute Břeclav) versteckt gehalten hat. Leider ist nicht bekannt, welche Familie ihr damals Quartier gegeben hat. [78]

 

2) Sie hat die Gegend in Mariahilf, im 6. Wiener Gemeindebezirk, in der sie angeblich mindestens sechs Wochen lang gewohnt hat, offenbar überhaupt nicht gekannt. Darauf deutet auch ihre Verwechslung von „Gumpendorf“ mit „Gumpoldskirchen“ hin. [78]

 

Da die angegebene Wohnadresse Webgasse 7 in Zusammenhang mit der Geheimhaltung der Hochzeit steht, werden diesbezügliche Fragen, u. a. die vorgeschriebene Vorlage eines Wohnungszeugnisses, im Kapitel 7 ausführlich behandelt.

 

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[70] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – HV 1905 (Kataster Lenobel 1905)

Häuser-Kataster der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien : verfasst auf Grund des vom k. k. Oesterr. Finanz-Ministerium und der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellten Quellenmaterials / Hrsg.: Josef Lenobel. Wien: Lenobel 1905

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/titleinfo/814908 (Zugriff: 22.08.2019)

[71] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – HV 1929 (Salzberg)

Häuser-Kataster der Bundeshauptstadt Wien. Bd. III (5., 6. und 7. Bezirk) Wien 1929.

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/1792271?zoom=2&lat=0.5105&lon=1677.952&layers=B

(Zugriff: 23.08.2019)

[72] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – HV 1885 (Schlesinger)

Kataster der Reichs-Haupt- und Residenzstadt Wien : Handbuch für Ämter, Advocaten, Architekten, Baumeister, Bauunternehmer, Credit-Institute, Hausbesitzer, Kapitalisten, Notare etc.; mit Plänen der zehn Bezirke Wiens vollständig neu bearbeitet unter der Leitung des Wiener Stadtbauamtes / verf. von Jos. Schlesinger. Wien: Lechner 1885.

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/408054?zoom=2&lat=1318.052&lon=1919.664&layers=B (Zugriff: 20.08.2019)

[73] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – Handels- und Gewerbe-Adressbuch des österreichischen Kaiserstaates: enthaltend: die sämmtlichen, nach dem neuen mit 1. Juli 1863 ins Leben getretenen Handelsgesetze erfolgten Eintragungen in die Einzeln- und Gesellschafts-Register mit Angabe der Procuraführer, der Ehepacten und der ..., Leopold Kastner, Rudolph Machan 1873, S. 73

Österreichische Nationalbibliothek, digit. 2. März 2016

https://books.google.at/books?id=hqNmAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

(Zugriff: 22.08. 2019)

[74] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – DEHIO-HANDBUCH WIEN, II. bis IX. und XX. Bezirk. 2., unveränderte Auflage, Verlag Berger, Horn/Wien 2014, S. 271

[75] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – HV 1861 (Ziegler)

Neuester Wiener Häuser-Schema für das Jahr 1861 : kaiserl. königl. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien mit sämmtlichen Vorstädten, eingetheilt in acht kaiserliche königliche Polizei-Bezirke mit Angabe der Haueigenthümer etc. etc. nebst colorirten Grundrissen zur leichtfaßlichen Auffindung der Straßen und der mit Nummern bezeichneten Gebäude / entworfen und hrsg. von Anton Ziegler. [Wien] : Selbstverl. Ziegler : J. B. Wallishausser, 1861

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/349698?zoom=2&lat=1679.896&lon=1469.842&layers=B (Zugriff: 23.08.2019)

[76] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – Vergleichungs-Tabelle der alten und neuen Hausnummern der Stadt Wien und deren Vorstädte. Wien : Förster und Bartelmus, 1863

https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/zoom/344404?zoom=2&lat=1449.22&lon=1393.3&layers=B (Zugriff: 23.08.2019)

[77] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – https://www.wien.gv.at/kulturportal/public/ → Eingabe von Webgasse 7 → Architektur → Gebäudeinformationen → Allgemein → roten Punkt bei „Webgasse 7“ anklicken.

[78] Kapitel 4.7. Webgasse 7 – Bertha von Suttner, Memoiren 1909, S. 136

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-buch?apm=0&aid=665&teil=0403&seite=00000136&zoom=2 (Zugriff: 23.08.2019)